Feuilleton

Ausstellung: Von Kopfpilz bis Fußpilz

"Von Fußpilz bis Steinpilz - kleine und große Pilze in Brandenburg" heißt das Thema einer Wanderausstellung der Lausitzer Naturkundlichen Akademie e.V. und des Museums für Natur und Umwelt Cottbus, die bis zum 2. September im Naturkundemuseum Leipzig gezeigt wird. Anhand von Schautafeln und Modellen wird eine vielgestaltige Organismengruppe, die in der biologischen Systematik eine Sonderstellung einnimmt, unter verschiedenen Aspekten vorgestellt. Ergänzend sind Erläuterungen zu Pilzen im Leipziger Raum zu sehen

Destruenten

Die Müllcontainer sind zum Bersten überfüllt. Auf dem Bordstein liegen Speisereste, Verpackungen und Glasscherben. Tagtäglich nimmt der Unrat zu. Seit vierzehn Tagen streiken nämlich die Mitarbeiter der Müllentsorgung. Eine Horrorvision, die sich auf die Natur übertragen lässt. Hier übernehmen nämlich Fungi die Funktion der Müllentsorger. Sie sind Destruenten, sie zersetzen organische Substanzen und leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Stoffkreislauf in der Natur.

Weltweit sind über 100000 Pilzarten bekannt. Sie sind weder mit Plasmaorganellen ausgestattet, noch können sie Chlorophyll bilden. Ihre Vegetationskörper bestehen aus Hyphen, die ein Mycel bilden. In den Fruchtkörpern - sofern sie überhaupt welche bilden - vereinigen sich die "Fäden" zu Flechtthalli. Die Zellwände bestehen aus Chitin, teilweise auch aus Cellulose und Glucanen.

Die meisten von etwa 6000 Großpilz- und 12000 Mikropilz-Spezies, die in Deutschland vorkommen, ernähren sich von abgestorbenen organischen Substanzen. Einige Arten leben indessen parasitär und zehren mehr oder weniger langfristig die eigene Nahrungsquelle auf: Echter Zunderschwamm, Birkenporling, Rotrandiger Baumschwamm, Schwefelporling und andere Spezies siedeln sich vorwiegend auf schwachen oder alten Bäumen an. Im Ökosystem haben auch diese Fungi eine sinnvolle Funktion: Sie beschleunigen die natürliche Auslese.

Auch auf der Haut von Menschen und Tieren können sich Pilze ansiedeln. Abschuppungen, Haarausfall, Veränderungen an den Nägeln oder allergische Reaktionen können auf Dermatophyten hinweisen. Das am weitesten verbreitete Syndrom ist die Tinea pedis ("Fußpilz").

Symbionten

Andere Pilze haben sich auf eine Symbiose mit Pflanzen oder Tieren spezialisiert. Weltweit über 20000 Flechtenarten belegen, dass Algen und Pilze als symbiontische Lebensgemeinschaften sich auf mitunter extreme Umweltbedingungen spezialisieren können.

Auch zahlreiche höhere Pflanzen profitieren von der Mykorrhiza: Hyphen umwachsen die Wurzeln der Partnerpflanzen, ersetzen funktionell deren Wurzelhärchen und dringen teilweise bis in die äußere Schicht der Wurzeln ein. Auf diese Weise wird den Pflanzen die Wasser- und Nährsalzaufnahme erleichtert. Die Pilze wiederum erhalten von den Symbionten die lebensnotwendigen organischen Substanzen. Bei Orchideen müssen Pilze mitwirken, damit die Samen keimen können.

Pilze werden sogar von Tieren für Nahrungszwecke kultiviert. In Südamerika bereiten Blattschneiderameisen aus Blättern ein Substrat, in dem die Hyphen gedeihen können. An der Bodenoberfläche schneiden sie die Pilzfäden regelmäßig ab und verhindern auf diese Weise die Bildung von Fruchtkörpern. Statt dessen entstehen an den Schnittstellen stickstoffhaltigen Verdickungen, die von den Insekten verzehrt werden.

Nützliche Organismen

Einige Pilzarten sind nicht nur für Pflanzen und Tiere, sondern auch für Menschen nützlich, mitunter sogar lebensnotwendig. So entdeckte der englische Bakteriologe Alexander Fleming 1928 die antibiotische Wirkung des Schimmelpilzes Penicillium notatum und leitete damit die Erfolgsgeschichte der Betalactamantibiotika ein. In der Käseproduktion werden Edelschimmelpilze wie etwa Penicillium camemberti eingesetzt. Die Verwendung des Hefepilzes Saccharomyces cerevisiae wiederum ist notwendig bei der Teigherstellung sowie in der Getränkeindustrie.

Speisepilze und Giftpilze

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen indessen die Großpilze und ihr kulinarischer Stellenwert. Insbesondere in Notzeiten nutzten die Menschen immer wieder die "Speisekammer" der Natur. Und Gourmets wussten zu allen Zeiten Fungi als Bereicherung der Speisekarte zu schätzen.

Längst ist es üblich, schmackhafte Pilze auf organischen Substraten zu züchten, z.B. Champignon oder Austernseitling. Darauf verweist in der Ausstellung eine Präsentation der Firma "Biolare - ökologischer Pilzanbau". Die Kultur von Trüffeln und anderen Spezies, die auf die Symbiose mit lebenden Pflanzen angewiesen sind, bleibt aber vorerst noch Zukunftsmusik.

"Küchenmykologen", die auf einem Spaziergang Pilze für eine schmackhafte Mahlzeit sammeln möchten, müssen den Blick für deren Charakteristika schulen, um Vergiftungsrisiken auszuschließen. In Europa sind 181 toxisch wirkende Großpilz-Arten bekannt - darunter vierzig, die nur beim Genuss im Rohzustand Vergiftungserscheinungen bewirken; 34 weitere Spezies sind giftverdächtig.

Die Toxikologie ist sehr unterschiedlich. So wirkt das Gift des Faltentintlings nur im Zusammenhang mit Alkoholgenuss. Hautrötungen, Hitzegefühl und Pulsbeschleunigung können sofort, aber auch noch fünf Tage nach der Pilzmahlzeit auftreten.

Kastentext

Ort: Naturkundemuseum Leipzig, Lortzingstraße 3, 04105 Leipzig, Tel. (0341) 982210, Fax (0341) 9822122. Geöffnet: Bis zum 2.September dienstags bis donnerstags 9 bis 18 Uhr, freitags 9 bis 13 Uhr, samstags und sonntags 10 bis 16 Uhr. Ab September ist die Ausstellung im Naturkundemuseum Potsdam zu sehen.

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