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Rahmenbedingungen verbessert

BONN (im). Die Rahmenbedingungen, in Deutschland zu forschen, Innovationen zu entwickeln und zu produzieren, haben sich für die pharmazeutischen Unternehmen in den letzten Jahren verbessert. Angesichts des Wettbewerbs seien jedoch weitere Anstrengungen sowohl von seiten der Industrie als auch der Politik notwendig. Zu diesem Ergebnis kommt die Boston Consulting Group (BCG) in einer Studie für den Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA).


Die Arzneimittelforschung habe -eindrucksvolle Erfolge erzielt, Produktinnovationen der forschenden Hersteller hätten die Behandlung wichtiger Krankheiten verbessert. Dies sagte Dr. Michael Steiner, Geschäftsführer der in München ansässigen Unternehmensberatungsgesellschaft, bei der Vorstellung der Studie am 7. September in Bonn.

Die Herausforderungen


In der Untersuchung werden die Herausforderungen für die Branche skizziert. In den letzten Jahren habe sich das Marktumfeld deutlich hin zu mehr Innovations- und Preiswettbewerb verändert. Der Innovationswettbewerb führe dazu, daß teils bis zu 20 Unternehmen an drängenden Gesundheitsproblemen parallel nach Wirkstoffen forschten. Dabei hat sich die Zeitspanne, in der ein neuer Arzneistoff exklusiv vermarktet werden kann, deutlich verkürzt. Dies zwinge die Unternehmen zur immer schnelleren Entwicklung von Produkten.
Andererseits verschärften die Finanzierungsengpässe in der Krankenversicherung den Preiswettbewerb mit Instrumenten wie zum Beispiel den Festbeträgen. Darüber hinaus schmälerten Parallelimporte die Erträge für forschende Unternehmen.

Bedeutung der Gentechnik


Die Unternehmensberater haben eine Neuorientierung ausgemacht. Vor allem die Gentechnologie werde für künftige Innovationen eine Schlüsselrolle spielen. Sie beschleunige die Suche nach neuen Wirkstoffen gemeinsam mit anderen Ansätzen wie der kombinatorischen Chemie - bei der chemische Substanzen bausteinartig zusammengesetzt werden - oder Hochdurchsatz-Screening, der computerisierten Sichtung einer großen Zahl von Substanzen, die das Herausfiltern von potentiellen Leitsubstanzen beschleunigt. Gentechnologie verändere den klassischen Forschungsansatz, indem sie die genetischen Ursachen von Krankheiten aufdecke und damit die Voraussetzungen für kausale Therapien schaffe. Darüber hinaus eröffne sie neue Möglichkeiten für bisher nur unzureichend behandelbare Erkrankungen.
Neue Technologien tragen der Studie zufolge in allen Phasen der Arzneimittelentwicklung zu mehr Effizienz bei. Im Bereich Galenik werden transdermale Systeme, Mikroverkapselungen, Implantate und Pumpensysteme genannt.
Zahlreiche neue Medikamente befänden sich aufgrund der neuen Ansätze bereits in fortgeschrittenen Stadien der Entwicklung.
Die Hersteller hätten auf die Veränderungen verstärkt mit Kooperationen zum Beispiel mit Biotech-Firmen oder akademischen Forschungszentren reagiert. Besonders die sehr dynamischen Biotech-Unternehmen hätten sich immer stärker als Bindeglied im Know-how-Transfer zwischen Universitäten und der pharmazeutischen Industrie etabliert. Deren Zahl wachse ständig, von 75 im Jahr 1995 über 173 im vergangenen Jahr auf voraussichtlich über 200 im laufenden Jahr. Ein Wermutstropfen: -Deutschland hat in vielen Bereichen aufgeholt, ist aber allein schon aufgrund seines historischen Rückstands noch davon entfernt, Weltspitze zu sein, lautet das Fazit der Unternehmensberater.
Sie konstatieren an anderer Stelle weitere positive Entwicklungen in den Unternehmen selbst. Nach Jahren großer Mittelabflüsse ins Ausland flössen nunmehr wieder größere Investitionen in Forschung und Entwicklung (F & E) sowie in Produktionsanlagen nach Deutschland. Noch Anfang der 90er Jahre seien beispielsweise bis zu 75 Prozent aller Investitionen deutscher Firmen für gentechnische Anlagen aus unserem Land vor allem in die USA gegangen. 1997 seien die Aufwendungen forschender Hersteller für F & E im Vergleich zum Vorjahr um elf Prozent gestiegen. Sie lagen demnach insgesamt bei 5,3 Milliarden Mark, von denen mehr als ein Drittel auf Personalkosten entfielen. Dies habe fast 18 Prozent des Umsatzes der Branche von 29,8 Milliarden Mark entsprochen.
Positiv hebt die Studie den Anteil hochqualifizierter Arbeitsplätze in dem nichtsubventionierten Sektor hervor, welcher überdurchschnittlich zum Export beitrage. Der Trend zur Abwanderung von Arbeitsplätzen aus Deutschland sei gestoppt.

Hausaufgaben der Industrie


Ungeachtet der positiven Entwicklungen schreiben die Berater den Unternehmen einiges ins Stammbuch. Die hier ansässigen Manager müßten die günstigen Veränderungen deutlicher sichtbar machen. Denn einige ausländische Entscheider vermuteten nach wie vor ein günstigeres Umfeld für Investitionen, zum Beispiel in Großbritannien, den Niederlanden oder Frankreich.

An Modellen teilnehmen


Darüber hinaus sollten sich nationale und internationale Konzerne in Deutschland auf ihr Kerngeschäft konzentrieren. Neben schnelleren Entwicklungen müßten Forschungsnetze mit Biotech-Firmen oder Universitäten verstärkt sowie eine aktive Rolle bei neuen Formen der Gesundheitsversorgung eingenommen werden. Hier seien die Unternehmen unterschiedlich weit. Positives Beispiel sei -Focus Diabeticus, bei dem auf Initiative eines pharmazeutischen Unternehmens Kassen, Ärzte und Schwerpunktpraxen kooperierten und Patienten in einen Behandlungsplan eingebunden seien. Andere Beispiele für solche Prozeßinnovationen seien Online-Dienste mit Gesundheitsinformationen zur Krankheitsaufklärung - etwa bei AIDS oder Alzheimer -, Expertensysteme zur Diagnoseunterstützung (bei Krebs) oder Therapieleitsysteme etwa für Asthma. Die pharmazeutische Industrie könnte Disease-Management-Aktivitäten ausbauen, so die Empfehlung, amerikanische Firmen seien zum Teil bereits weiter und böten Konzepte an, die sich durch stärkere Mitverantwortung für Behandlungskosten und -qualität auszeichneten.

Steigender Reformbedarf


Insgesamt konstatieren die Unternehmensberater einen wachsenden Reformbedarf in der gesetzlichen Krankenversicherung, die bisherigen Eingriffe hätten nur kurzfristig gewirkt. Die Ausgaben stiegen kontinuierlich durch den medizinisch-technischen Fortschritt und die zunehmende Zahl Älterer, gleichzeitig gingen die Einnahmen der Krankenkassen zurück. Die ungünstige Entwicklung werde sich fortsetzen, prognostiziert BCG.

Hausaufgaben für Politiker


Die Politiker sollten weitere Wettbewerbselemente zulassen, die Innovationen förderten. Die strikte Trennung in die Sektoren ambulante Medizin und stationäre Versorgung müsse aufgehoben werden.
Für die pharmazeutische Industrie müßten dauerhaft verläßliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Der Aufbau der Gentechnologie in Deutschland sei gezielt zu fördern, zum Beispiel durch Maßnahmen wie die Bioregio-Initiative. Darüber hinaus sollte sich die Industrie aktiv an neuen integrierten Versorgungsformen im Gesundheitswesen beteiligen können. Dazu seien flexible Verträge zwischen den Akteuren notwendig. Insgesamt müßten Markt- und Wettbewerbselemente angesichts zunehmender Globalisierung gestärkt werden.
Auch die Politiker sollten die positiven Veränderungen der Vergangenheit am Standort Deutschland herausstreichen. BCG nennt in diesem Zusammenhang die verkürzten Zulassungszeiten beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Berlin - bis zu sechzehn Monaten für Neuzulassungen - sowie die Erleichterungen durch das zentrale Zulassungsverfahren und die gegenseitige Anerkennung nationaler Zulassungen in Europa. In Deutschland seien Genehmigungszeiten für biotechnologische Anlagen verkürzt worden, Wagniskapital privater und öffentlicher Investoren stehe vermehrt zur Verfügung. In der Bevölkerung sei besonders die Akzeptanz von Gentechnik im medizinischen Bereich gewachsen.
Die forschenden Unternehmen seien auf einem erfolgversprechenden Weg, sich an neuen Versorgungsformen zu beteiligen, sagte die Hauptgeschäftsführerin des VFA. Cornelia Yzer wies darauf hin, daß die Teilnahme von Herstellern daran vor kurzem noch undenkbar erschien, heute jedoch in Modellen realisiert werde. In Ansätzen werde Disease-Management umgesetzt. Nachdem Diabetes den Anfang gemacht habe, könnten Versorgungskonzepte zu Asthma folgen. Dabei sollten im Wettbewerb erfolgreiche Projekte bestimmt werden.

Innovationsbegriff weit fassen


Darüber hinaus hat sich Yzer gegen die zu enge Auslegung des Innovationsbegriffs vor allem durch Vertreter der Krankenkassen ausgesprochen. Auch Weiterentwicklungen bekannter Substanzen böten neue Therapiechancen. Der VFA vertrete die Auffassung, daß medizinischer Fortschritt für alle zugänglich sein solle. Arzneimittel, die ihre Wirksamkeit und Sicherheit nachgewiesen hätten, müßten freien Zugang zur Gesundheitsversorgung haben.
Quelle: The Boston Consulting Group, Innovationskraft: Forschende Arzneimittelhersteller am Standort Deutschland, 1998l

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