BMG steuert Engpass entgegen

Spahn: Paracetamol nur noch für den „akuten Behandlungsfall“

Stuttgart - 24.03.2020, 11:29 Uhr

Paracetamol ist knapp, nun ergreift das BMG Maßnahmen, damit auch künftig die Versorgung mit Paracetamol möglichst sicher ist. (Foto: imago images / Lichtgut)

Paracetamol ist knapp, nun ergreift das BMG Maßnahmen, damit auch künftig die Versorgung mit Paracetamol möglichst sicher ist. (Foto: imago images / Lichtgut)


Paracetamol ist knapp. Apotheken melden Engpässe, befeuert wird die starke Nachfrage nach dem fiebersenkenden Schmerzmittel durch die Corona-Pandemie und die – seitens WHO und EMA inzwischen entkräftete – Unsicherheit bei Ibuprofen. Das Bundesgesundheitsministerium greift nun ein und fordert Hersteller, Großhandel und Apotheken auf, Paracetamol nur im akuten und alternativlosen Behandlungsfall abzugeben.

Die Corona-Pandemie sorgt für erste Arzneimittelengpässe. Pneumokokken-Impfstoffe sind bereits knapp, und auch Paracetamol kristallisiert sich zunehmend als kritischer Kandidat heraus – so kritisch, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eingreift. In einem Brief, der DAZ.online vorliegt, fordert Spahn Hersteller, Großhandel und Apotheken auf, Paracetamol nur im akuten Behandlungsfall und der dafür benötigten Menge abzugeben und auch nur, wenn es keine geeigneten therapeutischen Alternativen gibt.

Das BMG will dadurch eine „bedarfsgerechte Versorgung mit paracetamolhaltigen Arzneimitteln weiterhin sicherstellen“, erklärt Spahn am 23. März 2020 in einem Schreiben an die Herstellerverbände, den Großhandelsverband PHAGRO und die ABDA. Bei den Abgabemengen sollen sich Hersteller und Großhandel an den durchschnittlichen monatlichen Absatzmengen von 2019 orientieren.

Was gilt für Apotheken?

Der Minister wendet sich auch direkt an die Apotheken. Diese sollen im Rahmen ihrer pharmazeutischen Beratung 

  • therapeutische Alternativen erwägen und
  • paracetamolhaltige Arzneimittel nur abgeben, wenn therapeutische Alternativen im individuellen Einzelfall nicht in Frage kommen und
  • Paracetamol nur in Mengen abgeben, die für eine akute Behandlung nötig sind.

Diese Vorgaben betreffen nicht nur die Apotheke vor Ort: Sie gelten auch für den Versandhandel mit paracetamolhaltigen Arzneimitteln. Die Regeln sind für OTC-Paracetamol ohnehin recht streng: Ohne Rezept bekommen Patienten in der Apotheke Paracetamol zur oralen Anwendung mit maximal 10 g, also ein Päckchen mit 20 Tabletten à 500 mg. Auch Paracetamol zur rektalen Anwendung ist verschreibungsfrei.

Paracetamol ist verschreibungspflichtig, ...

... ausgenommen Humanarzneimittel zur

a) oralen Anwendung zur symptomatischen Behandlung leichter bis mäßig starker Schmerzen und/oder von Fieber in einer Gesamtwirkstoffmenge von bis zu 10 g je Packung und

b) rektalen Anwendung

Quelle: Anlage 1 der Arzneimittelverschreibungsverordnung

Ärzte: Rx-Paracetamol nur, wenn medizinisch notwendig

Das BMG richtet sich auch an die Kassenärztliche Bundesvereinigung: Ärzte sollen verschreibungspflichtige paracetamolhaltige Arzneimittel ebenfalls nur nach Prüfung therapeutischer Alternativen und nur in der medizinisch notwendigen Packungsgröße verordnen.

Das BMG hatte bereits in der vergangenen Woche Apotheker und Ärzte aufgefordert, Arzneimittel bedarfsgerecht abzugeben und zu verordnen

Warum ist Paracetamol knapp?

Auch das BMG führt den Engpass bei Paracetamol auf die Coronakrise zurück. Aufgrund der Corona-Pandemie ist es zu einer starken Nachfrage nach dem fiebersenkenden Schmerzmittel gekommen.

Dass in Apotheken vor allem nach Paracetamol gefragt wird – und nicht nach Ibuprofen oder ASS – dürfte erheblich auch auf der Verbreitung einer WhatsApp-Nachricht zurückzuführen sein, die vor kurzem vor einem Zusammenhang von Ibuprofen-Einnahme und schweren COVID-19-Verläufen warnte. WHO und EMA sehen aktuell keine Hinweise zwischen Ibuprofen und einer Komplizierung von SARS-CoV-2-Infektionen – allerdings: Die Unsicherheit in der Bevölkerung ist geblieben, das wird jeder Apotheker in öffentlichen Apotheken aktuell bestätigen.

Mehr zum Thema

Ob die Einfuhrbeschränkungen Indiens den Engpass von Paracetmaol zusätzlich befeuern, bleibt spekulativ. Indien verhängte bereits vor Wochen einen Exportstopp für 26 Wirkstoffe und Arzneimittel, mit darunter auch Paracetamol.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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9 Kommentare

Gut, dass es die Apotheke vor Ort noch 18.000 mal gibt

von Christoph Gulde am 24.03.2020 um 15:22 Uhr

An Tagen wie diesen merkt die Öffentlichkeit hautnah, wie wertvoll die Apotheke vor Ort ist.
Ich freue mich besonders, dass auch von der Politik in Krisenzeiten erkannt wird, wozu die Apotheke pharmazeutisch in der Lage ist und dass über überfällige gesetzliche Beinfreiheit zur Aufrechterhaltung der Arzneimittelversorgung in Zeiten von Mangelverwaltung ernsthaft angegangen wird. Ob es die Versorgung der Bevölkerung mit (wieder) selbsthergestellten Desinfektionsmitteln ist oder die rationierte Abgabe von Arzneimitteln im Handverkauf: Die Apotheke zeigt sich als zuverlässige Stütze der Versorgung. Und fast alle handeln in heilberuflicher Verantwortung. Ich kenne keinen, der jetzt die Gesetze des Markts ausnützt und, wie auf Vorschlag des unsäglichen 2HM Gutachtens, die Gelegenheit nutzt und die Sorgen der Bevölkerung mit marktmöglichen Preisanhebungen und Mengenausweitungen zu beantworten.
Meine Hoffnung für die Zeit nach der Krise ist, dass von diesen Lernkurven bei Bevökerung und Politik bleibt, dass die Apotheke vor Ort für jeden Krisenfall unverzichtbar ist und von daher im Interesse der Bevölkerung besondere Unterstützung verdient hat.
Mir fällt dazu Beinfreiheit bei der Versorgung versus dem unsäglichen Retaxwahn einiger Krankenkassen ein, die Aufhebung der Präqualifizierung für die Abgabe kleiner Hilfsmittel und beispielsweise die Dauererlaubnis zur Herstellung von Desinfektionsmittel ein. Allein der letzte Punkt hätte ohne Biozidverordnung dazu geführt, dass in 18.000 Apotheken rund 50 Liter Isopropanol/ Ethanol vorrätig gesen wären, die 1.250.000 Litern dezentralen Grundvorrat an Desinfektionsmitteln bedeutet hätten.

Ich könnte noch mehr schreiben, aber die Arbeit schreit.



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Umschreibung für die Daz

von Conny am 24.03.2020 um 14:17 Uhr

Was Herr Spahn sagt interressiert mich relativ wenig. Gut so ?

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Was ist los?

von Hummelmann am 24.03.2020 um 13:22 Uhr

Ist das nun ein Ausdruck von Unwissenheit, Hilflosigkeit oder von Dummheit?
Lieber Herr Spahn!
Es mag Ihnen vielleicht in der Vergangenheit verborgen geblieben sein, wie gewissenhaft die absolute Mehrheit der Apotheker und Apothekerinnen ihren Job ausübt. Arzneimittel geben wir immer nur ab, wenn wir es für richtig und angemessen halten. Wir brauchen keine Belehrungen, wie man unseren Beruf am besten mit Leben füllt. Was wir schon lange dringend brauchen, ist eine angemessene Anerkennung und eine entsprechende Bezahlung für das, was wir jeden Tag tun. Wenn wir unseren Beitrag zur Gesundheit auch in Zukunft noch leisten sollen, brauchen wir außerdem wirksamen Schutz vor dem Versandhandel und einheitliche Preise. Schon vergessen? Traurig aber wahr: Noch immer sterben in Deutschland mehr Apotheken als Corona-Patienten!
Wenn Sie jetzt auch noch jeden Tag laut herum posaunen, welche Arzneimittel demnächst knapp werden, bekommen wir in der Apotheke schlimmere Zustände als beim Toilettenpapier. Mit solchen Pressemeldungen unterstützen Sie uns nicht, Sie fallen uns für ein paar billige Presse-Schlagzeilen in den Rücken. Denn das Papier wird ja im Gegensatz zu den Arzneistoffen noch immer in Deutschland gefertigt. Also: Wenn Sie uns schon nicht bei der Beschaffung helfen wollen, dann mischen Sie sich wenigstens nicht in unsere Arbeitsabläufe ein. Im Gegensatz zu den meisten Politikern verfügen wir nämlich über jahrelange Erfahrung im Umgang mit gefährlichen Krankheiten und Lieferengpässen.

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Paracetamol - Engpass

von Dr. Klaus Weber am 24.03.2020 um 13:03 Uhr

Guten Tag,
auch ich bin gegen den Versand von Arzneimitteln.
Aber sollten wir nicht auch über die Vor-Ort-Apotheken sprechen, die in Zeitungsanzeigen und Plakaten 20 Paracetamol für 0,99 € anbieten?

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Spahn jetzt auch noch als Pharmadirigent, na dann ....

von Heiko Barz am 24.03.2020 um 12:48 Uhr

Spahn beweist mit solch einer Bemerkung seine persönliche Hilflosigkeit den wirtschaftlichen und berufspolitischen Zwängen gegenüber. Wenn allerdings diese „Krise“ erhellende Gedankengänge bei ihm bewirkt, diesen seit langen Jahren diskutierten Arzneimitteloutsourcingskandals auch und besonders von der Politik seit 2004 grundsätzlich mit verursacht zu haben, dann könnte man auch über eine prinzipielle nationale Neuordnung der Arzneimittelproduktion nachdenken. Nur wird das Gesundheitswesen in Folge dessen nicht nur bei Arzneimitteln wesentlich teurer und dann gibt es nur einen Weg: Beitragserhöhung und das wird unserem Volk nur schwer zu vermitteln sein. Dann werden die ausgetretenen Leistungsverbilligungspfade doch wieder betreten und es gibt die gleichen Processe wie vorher (Arzneimittelverknappung, AM-Verunreinigungen - Valsartean - etc.)
Ich befürchte aber, dass sich nur noch wenige „Phantasten“ dieser Zwangssituation erinnern, wenn eine Normalversorgung in allen Bereichen sich wieder durchgesetzt hat,

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Halloooo...

von Michael Weigand am 24.03.2020 um 11:47 Uhr

....das soll er doch mal den Heuschrecken aus Holland erzählen....jetzt sind wir systemrelevant und sollen unsere Kunden, die Herr Spahn noch nicht zu docmorris genötigt hat, auch noch an die kurze Leine nehmen...damit der Oberhänsli (Name passt) dann wieder ein paar Neukunden begrüßen kann, die von der VOr-Ort-Apotheke Spahn-gerecht bedient worden sind...Paracetamol gibts eh pro Kunde nur eine Packung...so ist das Gesetz....wenn die mal die Konkurrenz aus dem Internet beschneiden würden...dann könnte man solche tollen Ratschläge ja auch gern befolgen...aber nach der Krise regiert doch docmorris wieder in unserem Bundeskabinett...

also wie war das...dürfen die Versender auch nur noch eine Packung OTC pro Kunde abgeben...oder sollen nur wir unsere Kunden vor den Kopf stoßen...beste Werbung für Internet....dass Herr Spahn nicht mal in der Krise davor zurückschreckt, uns unsere Kunden auszuspannen...ekelhaft...wenn man direkt nach Oberhänslis Triumphgeheul Herrn Spahn hört, wie er uns (sic!) was von Moral erzählen will....

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AW: Abgabe Paracetamol

von Dr. Arnulf Diesel am 24.03.2020 um 13:56 Uhr

Seit wann darf man nur eine Packung pro Kunde abgeben? Da hier das Paracetamol AP und nicht Supermarktfreiwahlartikel ist, dürfte die richtige Abgabemenge durch den Apotheker bzw. sein pharmazeutisches Personal im Beratungsgespräch individuell festzulegen sein. Wenn ich Paracetamol für ungeeignet halte, ist die Abgabemenge 0, manchmal 1, wenn durch den Kunden seiner Oma ein Weg erspart wird und kein Hinweis auf einen Mißbrauch vorliegt, auch 2 Packungen. Die Vorschriften sind bei den Versendern wichtig, da bei der Bestellung kein persönicher Kontakt gegeben ist.

AW: an Dr. Diesel....

von Michael Weigand am 24.03.2020 um 14:37 Uhr

so war das auch gemeint...in meiner Wut nur etwas falsch rübergekommen...wenn glaubhaft für einen zweiten Patienten (und nicht nur Standardkommentar) dann gehen auch zwei Packungen, aber halt nur pro Person

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