Skandal um Unterdosierungen

Whistleblower-Preis für ehemalige Mitarbeiter der Zyto-Apotheke

Kassel - 04.12.2017, 09:10 Uhr


„Wir haben überhaupt nicht damit gerechnet“

Die Kasseler Bürgermeisterin Ilona Friedrich merkte an, dass Porwoll auch ein Jahr nach der Durchsuchung der Zyto-Apotheke noch arbeitssuchend ist. „Das wirft kein gutes Licht auf die höchst sensible und auf Vertrauen bauende Apothekenbranche“, erklärte sie. Glück im Unglück hatte Klein: Sie lebt wie Porwoll zwar weiterhin mit Zweifeln, ob sie alles richtig gemacht hat – hat inzwischen aber eine neue Stelle im „Exil“, wie sie sagt. „Ich bin glücklich, eine neue Heimat in Duisburg gefunden zu haben“, sagt sie.

Eigentlich habe sie aufgrund der schlechten Erfahrungen ein halbes Jahr nach der Durchsuchung ihren Job aufgeben wollen, doch fand sie mit der Sonnenwall-Apotheke eine neue Arbeitsstätte, in der sie nun äußerst zufrieden ist. Ihre neuen Chefs kamen gleich mit zur Preisverleihung nach Kassel – und zeigten sich stolz über den Mut ihrer Mitarbeiterin. Klein arbeitet nun im Handverkauf. „Wie kann es sein, dass sie im Labor gearbeitet hat – sie ist so wunderbar im Umgang mit Menschen“, erklärt Apothekeninhaberin Corinna Scherff gegenüber DAZ.online.

Porwoll und Klein zeigten sich deutlich gerührt über die Ehrungen. „Wir haben überhaupt nicht damit gerechnet“, erklärte Klein. Der ehemalige kaufmännische Leiter Porwoll kritisierte, dass sich seit Bekanntwerden des Skandals praktisch nichts verändert hätte: Das Ziel, die „dysfunktionalen Rahmenbedingungen“ zu ändern, sei „nicht ansatzweise erreicht“ – immer noch könne kein Patient sich sicher sein, dass seine Zytostatika tatsächlich in Ordnung sind. „Immer noch gilt ‚blindes Vertrauen vor ordentlicher Kontrolle‘“, erklärte Porwoll.

PTA will Ross und Reiter nennen

„Wir kämpfen bis zum Schluss“, sagte Klein. Die PTA wird am Mittwoch beim Prozess am Landgericht Essen als Zeugin aussagen. „Ich werde Ross und Reiter nennen“, erklärte sie gegenüber DAZ.online.

Neben den Apotheken-Mitarbeitern erhielt auch der türkische Journalist und frühere Chefredakteur der Zeitung „Cumhüriyet“, Can Dündar, den diesjährigen Whistleblower-Preis. „Er ist in das Mahlwerk der Weltpolitik geraten“, erklärte der Publizist Michael Lüders in seiner Laudatio: Nachdem Dündar umfangreiche Waffenlieferungen aus der Türkei an islamistische Kämpfer in Syrien öffentlich gemacht hat, lebt er – auch nach einem versuchten Mordanschlag – nun im Exil in Berlin. „Wer die Kritik ausspricht, der lebt in der Tat sehr, sehr gefährlich“, betonte Lüders. Dündar erwähnte in seiner Dankesrede auch die „sehr mutige Arbeit“ von Klein und Porwoll. 



Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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