„Nicht akzeptabel“

Onkologen warnen vor Gefahr durch Lieferengpässe

Stuttgart - 03.03.2017, 17:30 Uhr

Apotheker gleichen durch logistische Anstrengungen viele Probleme in der Onkologie aus(Foto: bananna / Fotolia)

Apotheker gleichen durch logistische Anstrengungen viele Probleme in der Onkologie aus(Foto: bananna / Fotolia)


Erhebliche Kritik an Lieferengpässen im Bereich der Krebstherapie äußerte die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie am Freitag. Apotheker würden durch logistische Anstrengungen zwar viele Probleme ausgleichen, doch sei die optimale Behandlung von Patienten immer wieder gefährdet.

Wie die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) in einer Presseerklärung am Freitag erklärte, beeinträchtigen Lieferengpässe im Bereich der Hämatologie und Onkologie die Behandlung von Krebspatienten. Aus Sicht vieler anderer Länder erscheine das Problem zwar als Jammern auf hohem Niveau, räumte der Verband ein – doch käme es immer wieder zu Entwicklungen, „die die optimale Behandlung unserer Patientinnen und Patienten gefährden“, wie der geschäftsführende DGHO-Vorsitzende Carsten Bokemeyer betonte. „Es handelt sich um ein relevantes Problem“, erklärte er.

Zwar könnten Apotheken „durch logistische Anstrengungen“ die meisten Engpässe ausgleichen, doch träten dennoch immer wieder Defekte auf. „Ein Beispiel, bei dem es in den letzten Jahren zu ‚rezidivierenden‘ Arzneimittelengpässen kam, ist Melphalan“, erklärte der medizinische Leiter der DGHO Bernhard Wörmann. Wenn Arzneimittel nicht mehr dem Patentschutz unterliegen, sei die Herstellung für Pharmafirmen ökonomisch wenig attraktiv .

Mit Mehraufwand über ausländische Apotheken

Arzneimittel werden teilweise weltweit nur noch in einer einzigen Produktionsstätte hergestellt. Treten dann Qualitätsprobleme auf, käme es schnell zu bedrohlichen Liefer- und Versorgungsengpässen. „Im Fall von Melphalan ging das zulasten von Patientinnen und Patienten“, erklärte Wörmann. „Das ist für uns als Fachgesellschaft, die sich der optimalen Behandlung von Patientinnen und Patienten mit hämatologischen und onkologischen Erkrankungen verpflichtet sieht, nicht akzeptabel.“

Ein anderes Beispiel nannte DGHO-Vorstand Diana Lüftner: Ende des vergangenen Jahres kam es beim Lungenkrebsmedikament Osimertinib zu einem Defekt, nachdem der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) den Zusatznutzen von Osimertinib als „nicht belegt“ erklärt hatte „Wir haben nach der Marktrücknahme kritisiert, dass zwar alle am Verfahren Beteiligten innerhalb ihrer eigenen Regeln Recht haben“, betonte Lüftner. „Den Schaden aber haben die Patientinnen und Patienten getragen.“ Nach Intervention der Fachgesellschaft sei das Arzneimittel nun – wenn auch mit deutlichem Mehraufwand – über ausländische Apotheken erhältlich. 

DGHO hat Engpässe dokumentiert

Die DGHO hat im neuen Band ihrer Gesundheitspolitischen Schriftenreihe Lieferengpässe aus der Onkologie, aber auch aus anderen Bereichen dokumentiert. „Daraus ist eine beeindruckende und gleichzeitig bedrückende Sammlung geworden, die die Dringlichkeit einer Lösung verdeutlicht“, erklärte Wörmann.

Auch der frühere Präsident des Bundesverbands Deutscher Krankenhausapotheker (ADKA) und Leiter der Krankenhausapotheke am Universitätsklinikum Heidelberg, Torsten Hoppe-Tichy, erklärte, Lieferengpässe seien „keine Kavaliersdelikte“. Er forderte eine Änderung im Arzneimittelgesetz (AMG) zur Belieferung der Krankenhäuser. „Die pharmazeutischen Unternehmer müssen im Rahmen ihrer Verantwortlichkeit eine bedarfsgerechte und kontinuierliche Belieferung der Krankenhausapotheken – und nicht nur der bisher im AMG genannten vollversorgenden Arzneimittelgroßhandlungen – sicherstellen“, erklärt er.

Hoppy-Tichy forderte eine Lagerhaltungspflicht für Pharmaunternehmen, eine Meldeverpflichtung bei Lieferengpässen seitens der pharmazeutischen Industrie mit Angabe von therapeutischen Alternativen, die Einstufung von Verstößen dagegen als Ordnungswidrigkeit sowie Bürokratieerleichterungen und Vorratshaltung bei Importen.

Auch der Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Karl Broich erklärte, die Behörde sehe es „mit Sorge“, dass es bei Antibiotika oder Zytostatika immer wieder zu Lieferengpässen kommt. „Der intensive Austausch mit allen beteiligten Akteuren im Jour fixe und unsere Lieferengpass-Liste, die auf freiwilligen Meldungen der Industrie beruht, sind bereits wichtige Schritte hin zu mehr Transparenz und Versorgungssicherheit für die Patientinnen und Patienten“, sagte Broich. Das BfArM beobachte „sehr genau“, ob die bisherigen Maßnahmen ausreichen, oder ob beispielsweise eine Meldeverpflichtung eingeführt werden sollte. 


hfd / DAZ.online
redaktion@daz.online


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