Tiermedizin

EMA will Colistin-Verbrauch um zwei Drittel reduzieren

London - 02.08.2016, 11:30 Uhr


Aufgrund von zunehmenden Resistenzen gegen das Reserveantibiotikum Colistin will die EU die Verwendung bei Tieren stark reduzieren. Nach Vorschlägen der Europäischen Arzneimittelagentur EMA soll die verabreichte Colistin-Menge um 65 Prozent reduziert werden. Gleichzeitig soll das Antibiotikum neu klassifiziert werden.

Als Antwort auf die Entdeckung des Resistenzgens „mcr-1“, das Resistenzen gegen das Reserveantibiotikum Colistin vermittelt, will die Europäische Kommission den Einsatz des Arzneimittels in der Tiermast deutlich reduzieren. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA legte nun einen Plan vor, wie dies von den EU-Mitgliedstaaten umgesetzt werden soll: Der neue Zielwert von höchstens 5 Milligramm Colistin pro „Population Correction Unit“ (PCU), was einem Kilogramm eines Tieres entspricht, würde die verkaufte Menge von Colistin um rund 65 Prozent verringern.

Colistin soll neu klassifiziert werden

Der neue Zielwert soll nach den Vorschlägen der EMA in den nächsten drei bis vier Jahren von allen Mitgliedstaaten erreicht werden. Doch offenbar ist die Behörde nicht überzeugt, dass dieser Schritt ausreicht: Die Behörde ruft die EU-Mitgliedsländer auf, sich selber noch strengere Vorgaben zu setzen – möglichst unter 1 Milligramm Colistin pro PCU. Gleichzeitig soll die Colistin-Reduktion nicht durch andere Antibiotika kompensiert werden, betont die EMA in ihrer Stellungnahme. Stattdessen sollte der geringere Einsatz durch verbesserte Haltebedingungen, Biosicherheit zwischen Fortpflanzungszyklen und Impfungen ermöglicht werden.

Die Arzneimittelagentur schlägt vor, dass Colistin neu klassifiziert wird. Als neues Arzneimittel in der Kategorie 2 des Klassifikationssystems der EMA-Expertengruppe für Antibiotika soll es nur noch an Tiere abgegeben werden dürfen, für die keine effektive alternative Therapie existiert. In dieser Kategorie befinden sich noch weitere Antibiotika-Klassen, die von der WHO als für die menschliche Gesundheit sehr wichtig angesehen werden – wie systemische Cephalosporine der dritten oder vierten Generation, oder Breitspektrum-Penicilline.

Resistenzgen ist weit verbreitet

Während Colistin aufgrund seiner teils schweren Nebenwirkungen seit den 1950er-Jahren beim Menschen kaum verwendet wurde, wird inzwischen immer mehr darauf zurückgegriffen, wenn andere Antibiotika aufgrund von Resistenzen nicht mehr verwendet werden können. Daher sehen Behörden weltweit das „mcr-1“-Resistenzgen mit Sorge. Es wurde im Herbst zum ersten Mal in China identifiziert, ist aber schon seit Längerem auch in Europa weit verbreitet. Problematisch ist das Gen, weil es mobil ist und von Bakterien an die Umwelt sowie an andere Arten von Bakterien weitergegeben werden kann.

Anders als im Mai vom Direktor der US-Seuchenschutzbehörde verkündet, ist allerdings noch kein Fall bekannt, wo ein Patient aufgrund der Resistenz nicht mehr hätte behandelt werden können. 


Hinnerk Feldwisch-Drentrup, Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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