Niederlande

Pharma verteidigt sich gegen „Wucherpreis“-Vorwürfe

Remagen - 08.07.2015, 08:55 Uhr

In den Niederlanden wird ebenfalls rege über Arzneimittelpreise diskutiert. (Bild: arunchristensen/Fotolia)

In den Niederlanden wird ebenfalls rege über Arzneimittelpreise diskutiert. (Bild: arunchristensen/Fotolia)


In den Niederlanden wurde kürzlich eine breite Diskussion über kostspielige Arzneimitteltherapien losgetreten. Gleich in mehreren Beiträgen im Onlineportal des Finanztagblatts (Financieele Dagblad) wurde die Industrie an den Pranger gestellt. Der Königin Wilhelmina Fonds für die niederländische Krebsgesellschaft (KWF Kankerbestrijding) sprach dort von „Wucherpreisen“ und forderte von den Firmen „drastische Preissenkungen“. Nun bemüht sich der niederländische Verband der Hersteller innovativer Arzneimittel (Nefarma) darum, den Ruf der so Gescholtenen wiederherzustellen.

Neue Medikamente für seltene Krankheiten seien teuer, gesteht der Vorsitzende von Nefarma, Hans Sijbesma, in einem Interview auf der Internetseite seines Verbandes zu. Sie kosteten manchmal sogar mehr als 100.000 Gulden pro Jahr pro Patient. Vorwürfe, die  pharmazeutischen Unternehmen würden ihre Monopolstellung missbrauchen, wies er dennoch als übertrieben zurück. „Es ist gut, dass mehrere Berichte den Fokus auf das Problem legen“, meint Sijbesma. „Aber es macht keinen Sinn, mit dem Finger nur auf die Pharmaindustrie zu zeigen. Die Regierung und die Krankenversicherer haben ein Finanzierungsproblem.“

Pharma offen für andere Erstattungsformen

Weiter führt er aus, dass es „schon erhebliche Einschnitte, allein rund eine Milliarde bei Arzneimitteln in der ambulanten Versorgung“, gegeben habe. „Das Geld fließt nicht für Innovationstätigkeit zurück. Bedenken Sie, dass ein neues Medikament Entwicklungskosten von 2,5 Milliarden Euro erfordert. Außerdem entwickeln wir Medikamente mehr und mehr präzise für kleine Gruppen von Patienten, was zu einem höheren Preis für den Einzelnen führt.“ Dennoch sei man gesprächsbereit für andere Erstattungsformen.

Als Beispiele führt der Verbandsvorsitzende ein Preis-Volumen-Modell an, bei dem die Preise fallen, wenn sie größeren Gruppen von Patienten verschrieben werden. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Medikamente nur dann bezahlt werden müssen, wenn sie bei den einzelnen Patienten tatsächlich wirken. Auch die Einigung auf eine maximale Erstattung pro Patient hält er für denkbar. Auf die Frage, wie hoch die Deckelung denn ausfallen solle, etwa eine halbe Million Euro pro Patient, will sich Sijbesma indes nicht festlegen. Die Kosten hingen schließlich auch davon ab, ob mehrere Mittel zum Einsatz kämen, und: „Wir sehen mehr und mehr Gebrauch von Kombinationen von innovativen Medikamenten.“

Wettbewerb sorgt für Senkung der Preise

Weiteren Schwung hat sich die Diskussion offenbar durch eine jüngste Äußerung der niederländischen Gesundheitsministerin Edith Schippers geholt, dass ein neues Medikament gegen Lungenkrebs nicht automatisch erstattet werden solle, weil sie befürchtet, dass die Gesamtausgaben sich auf Hunderte von Millionen bis hin zu einer Milliarde Euro pro Jahr belaufen könnten. Hier wiegelt der Verbandschef ab. „Ich denke, dass die Suppe nicht so heiß gegessen wird, wie sie aufgetischt wird.“

Dieses Präparat sei eine Immuntherapie, eine neue Generation von Medikamenten. „Es gibt vier oder fünf große Pharmaunternehmen, die sich auf diesem Gebiet engagieren. Der Wettbewerb ist unglaublich stark. In wenigen Jahren werden noch viel mehr solcher Arzneimittel auf den Markt kommen. Dann geraten die Preise unter Druck.“ Dennoch gibt Sijbesma sich über die Aussage der Ministerin besorgt, denn er befürchtet zusätzliche Hürden für die Versorgung und das Risiko, dass die besten zur Verfügung stehenden Medikamente den Patienten erst verspätet zur Verfügung stehen.


Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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