Lieferengpässe

Globales oder hausgemachtes Problem?

München - 17.09.2014, 15:18 Uhr


Lieferengpässe sind noch immer ein Thema in bundesdeutschen Apotheken. Wie Fritz Becker, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands, in einer Diskussionsrunde auf der PharmaWorld der Expopharm darstellte, gibt es zwar einige Lieferengpässe, aber keine Versorgungsengpässe. Unter Moderation von Elmar Esser diskutierte er mit Bork Bretthauer vom Verband Pro Generika.

Die Apotheken täten alles, damit die Versorgung ihrer Patienten nicht leiden müsse, so Becker. Lieferengpässe hätten eine Ursache darin, dass viele Arzneimittel nicht mehr in Europa produziert würden. Bretthauer machte klar, dass jedes Unternehmen prinzipiell großes Interesse daran hat, liefern zu können. Nach eigenen Analysen seien Lieferengpässe in einer Art Marktverengung zu sehen, z. B. bei komplex herzustellenden Arzneimitteln. Daneben gebe es auch Schwierigkeiten bei Qualitätsanforderungen. Ein dritter Grund sei die große Nachfrage nach Arzneimitteln aus anderen Ländern – die eigenen Produktionskapazitäten könnten hier bisweilen nicht mithalten, alle Länder ausreichend zu beliefern. 

Becker kann sich auch vorstellen, dass auf anderen Märkten bessere Margen generiert werden, vor allem auf Märkten ohne Rabattverträge. Daher die Forderung Beckers, im sensiblen Bereich der Impfstoffe auf Rabattverträge zu verzichten: „Bei Impfstoffen keine Rabattverträge, keine Ausschreibungen!“

Bretthauer betonte, dass Hersteller unter Rabattverträgen leiden. Diese seien kein Rezept für eine zukünftige Arzneiversorgung. Auch die fehlende Planbarkeit der Produktion angesichts der oft kurzfristig abgeschlossenen Rabattverträge sei eine große Schwierigkeit. Becker zeigte sich überzeugt: Der „wahnsinnige Preisdruck“, dem sich Hersteller aufgrund der Rabattverträge ausgesetzt sehen, werden sie auch an die Hersteller der Ausgangsstoffe weitergeben. Bretthauer erklärte: „Man wird einen umfassenden Lösungsansatz für dieses Problem finden müssen.“ Eine Möglichkeit, die Rabattverträge abzuschaffen, sieht Becker derzeit allerdings nicht.

Ein zentrales Register der Lieferengpässe kann allerdings nicht die Lösung sein, so Becker, dies wäre keine Hilfe für Apotheken. Im Gegenteil, es könnte Retaxationsgefahr bestehen. Auch Bretthauer sieht in einem Register keinen Ausweg, es diene nur der Information. Eine Lösung für das Problem Lieferengpässe werde auch dieser Apothekertag nicht bringen können, so Becker, das Thema sei zu vielschichtig.

Die Substitutionsausschlussliste könnte dagegen ein kleiner Schritt sein, ergänzte Bretthauer, bei einigen Arzneistoffen für mehr Stabilität im Markt zu sorgen. Aber es gebe noch Probleme mit dieser Liste, warf Becker ein. Der DAV hatte seinerzeit eine Liste vorgelegt, die der GKV-Spitzenverband nicht akzeptierte. Der pharmazeutische Sachverstand sei bei den Diskussionen außen vor geblieben, so Becker. Nur der Preis habe eine Rolle gespielt. Mittlerweile hat der Gesetzgeber den Gemeinsamen Bundesausschuss beauftragt, die Liste zu erarbeiten. Doch auch hier seien Apotheker nicht eingebunden. Becker zeigte sich insgesamt unzufrieden mit der Arbeit an der Liste: „Mir geht das alles zu langsam“.

„Ich würde mir wünschen, dass Apotheker mehr pharmazeutische Bedenken anmelden“, so Becker, hier gebe es auch keine Retaxationen. Aber er machte auch deutlich: Wenn die Substitutionsausschlussliste in Kraft ist, kann bei diesen Wirkstoffen das Instrument der pharmazeutischen Bedenken nicht mehr eingesetzt werden.


Peter Ditzel


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