Erkrankungen des ZNS

Proteinkapseln überwinden Blut-Hirn-Schranke

Bonn - 31.03.2012, 10:00 Uhr


Wissenschaftler des Bonner Life Science Inkubators (LSI) haben eine „Medikamenten-Fähre“ entwickelt, die Wirkstoffe von der Blutbahn gezielt ins Gehirn befördert. Tierstudien belegen, dass dieses Transportsystem die natürliche „Blut-Hirn-Schranke“ überwindet, die das Gehirn üblicherweise vor einer medikamentösen Behandlung abschottet.

Darüber berichtete jetzt die Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V. 

Die „Blut-Hirn-Schranke“ schützt das Hirngewebe vor Krankheitserregern, hindert aber auch viele Arzneistoffe daran, von der Blutbahn ins Gehirn zu gelangen. Wissenschaftler des LSI haben nun eine „Medikamenten-Fähre“ entwickelt, die diese Barriere überwindet. Untersuchungen mit Mäusen konnten dies jetzt erstmals bestätigen. Den Tieren war mittels des neuen Verfahrens ein Markierungsstoff in die Blutbahn verabreicht worden, der sich später im Gehirn wiederfand. Damit bietet sich eine neuartige Möglichkeit, Erkrankungen des zentralen Nervensystems medikamentös zu behandeln.

Das Verfahren beruht auf künstlich hergestellten Proteinkapseln, die als „Virus-Like-Particles“ (VLPs) bezeichnet werden. VLPs werden bereits seit einigen Jahren in der Immunforschung, aber auch zur praktischen Impfung verwendet. Diese Proteinkapseln für den Transport von Wirkstoffen einzusetzen ist jedoch ein neuer Ansatz. Die Forscher entwickelten kugelförmige, Millionstel Millimeter große Hüllen, so genannte „Engineered Protein Capsules“ (EPC), die sich gezielt mit Wirkstoffen beladen lassen. Die Proteine der Kapsel wirken wie ein Navigationssystem, das die winzigen Transporter dazu leitet, ihre Fracht in Hirnzellen abzuliefern, sozusagen eine Pille mit eingebautem GPS-System. Die Fähre wird vom Gehirn als etwas wahrgenommen, das es unbedingt benötigt, und kann so durch die Blut-Hirn-Schranke schlüpfen. Damit können eine Vielzahl von Wirkstoffen gezielt von der Blutbahn ins Gehirn transportiert werden. Die Untersuchungen zeigen zudem, dass die Fracht nicht nur in den Zellen ankommt, sondern dort auch noch funktionsfähig ist. 


Dr. Bettina Hellwig