Arzneimittel und Therapie

Neue Daten zu 2019-nCoV

Übertragung während der Inkubationszeit möglich

cst | Das Coronavirus hält die Welt in Atem. Die Zahl der bestätigten Infektionen und Todesfälle steigt unaufhörlich. Die Weltgesundheitsorganisation stuft die Situation als „gesundheitliche Notlage mit internationaler Tragweite“ ein. Zwischenzeitlich gibt es neue Erkenntnisse zum Ursprung und der Übertragung des neuartigen Virus.

Bereits Anfang Dezember 2019 sollen sich die ersten Patienten in der zentralchinesischen Metropole Wuhan mit dem neuartigen Coronavirus (2019-nCoV) infiziert haben. Mittlerweile hat sich 2019-nCoV in mehr als 20 Länder verbreitet, darunter auch Deutschland. Doch woher stammt der Erreger, der zu schweren Pneumonien führen kann? Dieser Frage sind chinesische Wissenschaftler mithilfe einer Genomanalyse nachgegangen. Dazu untersuchten sie Proben der bronchoalveolären Lavage von neun infizierten Patienten. Acht von ihnen hatten den Huanan Seafood Markt besucht, der mit dem Ausbruch in Zusammenhang gebracht wird. Ein Patient hatte in einem nahe gelegenen Hotel übernachtet. Die Ergebnisse der phylogenetischen Analyse wurden in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht.

Ursprünglich aus Fledermäusen

Demnach zählt das neuartige Virus zu den Sarbecoviren, einer Untergattung der Betacoronaviren. Es ähnelt den Virus­typen bat-SL-CoVZC45 und bat-SL-CoVZXC21. Dabei handelt es sich um SARS-ähnliche (severe acute respiratory syndrome) Viren, die in Fleder­mäusen vorkommen. Allerdings betrug die Ähnlichkeit weniger als 90%. Die Wissenschaftler gehen daher davon aus, das 2019-nCoV über einen bislang nicht identifizierten Zwischenwirt auf den Menschen übergegangen sein muss. Dafür spricht auch, dass Fledermäuse in dieser Jahreszeit Winterschlaf halten und auf dem mittlerweile geschlossenen Huanan-Markt gar keine Fledermäuse, dafür aber verschiedene andere Tiere (auch Säugetiere) verkauft wurden.

Bemerkenswert ist, dass die Genom­sequenzen des Virus bei den neun untersuchten Patienten nahezu identisch waren (99,98%). 2019-nCoV scheint also erst kürzlich auf den Menschen übergegangen zu sein. Wie es sich hier weiter verbreitet hat, war Gegenstand zweier Veröffentlichungen im „New England Journal of Medicine“. Li et al. betrachteten die ersten 425 Fälle mit bestätigter 2019-nCoV-Infektion. Bei ihnen war der Erreger mittels real-time RT-PCR nachgewiesen worden. Die Patienten waren zwischen 15 und 89 Jahren alt – das mediane Alter lag bei 59 Jahren. Anhand der Expositionsdaten von 10 Patienten ermittelten die Wissenschaftler eine durchschnittliche Inkubationszeit von 5,2 Tagen. Zu Beginn des Ausbruchs verdoppelte sich die Zahl der Erkrankten in Wuhan nach den Berechnungen der Studienautoren alle 7,4 Tage. Die Basis­reproduktionszahl R0 wird mit 2,2 angegeben, d. h. ein Infizierter steckt im Schnitt 2,2 weitere Menschen an. Das Tückische dabei: Bereits vor Ausbruch der Symptome kann das Virus an andere Personen weitergegeben werden. Dies bestätigen die Fälle aus Deutschland. Hier hatten sich zwei Teilnehmer einer Mitarbeiterschulung des Automobilzulieferers Webasto bei einer Kollegin aus China mit 2019-nCoV infiziert – und das, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Symptome zeigte und erst auf dem Rückflug erkrankte.

Wo bleibt die Impfung?

Diese Frage haben sich Prof. Dr. Robert Fürst und Dr. Ilse Zündorf in DAZ 2020, Nr. 5, S. 38 gestellt. In ihrem Beitrag haben sie darauf hingewiesen, dass auch die Firma CureVac aus Tübingen an der Entwicklung eines Impfstoffs forscht. Wie CureVac bekannt gab, wird dieses Unterfangen nun verstärkt von der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) gefördert – und zwar mit bis zu 8,3 Millionen US-Dollar. Mithilfe von CureVacs mRNA-basierter Plattform soll innerhalb von weni­gen Monaten ein geeigneter Impfstoffkandidat für die klinische Erprobung gefunden werden.

Foto: jarun011 – stock.adobe.com

Hohe Viruslast trotz Genesung

Im Anschluss kam es zu einer Infektionskette, wobei der erste deutsche Patient weitere Kollegen infizierte, auch dies während der Inkubationszeit. Keiner der Patienten erkrankte schwer. Aus medizinischen Gründen wäre eine Behandlung im Krankenhaus nicht erforderlich gewesen. Nachdenklich stimmt jedoch, dass die Virusl­ast im Sputum des ersten Patienten auch nach Abklingen der leichten, unspezifischen Symptome mit 108 Kopien/ml noch recht hoch war. Den Münchner Ärzten zufolge ist denkbar, dass das Virus womöglich auch längere Zeit nach der Genesung übertragen werden könnte. |

Literatur

Robert Koch-Institut (RKI). Antworten auf häufig gestellte Fragen zum neuartigen Coronavirus (2019-nCoV). Stand: 1. Februar 2020. www.rki.de

Lu R et al. Genomic characterisation and epidemiology of 2019 novel coronavirus: implications for virus origins and receptor binding. Lancet 2020; doi: 10.1016/S0140-6736(20)30251-8

2019 novel coronavirus is genetically different to human SARS and should be considered a new human-infecting coronavirus. Pressemitteilung des Lancet vom 29. Januar 2020. www.eurekalert.org

Li Q et al. Early Transmission Dynamics in Wuhan, China, of Novel Coronavirus-Infected Pneumonia. N Engl J Med 2020; doi: 10.1056/NEJMoa2001316

Rothe C et al. Transmission of 2019-nCoV Infection from an Asymptomatic Contact in Germany. N Engl J Med 2020; doi: 10.1056/NEJMc2001468

CureVac und CEPI bauen ihre Kooperation zur Entwicklung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus nCoV-2019 aus. Pressemitteilung vom 31. Januar 2020. www.curevac.com

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