Feuilleton

Wie Heilpflanzen unsere Städte erobern

Stadtökologie für Apotheker

Von Clemens Arvay | Pflanzen, die häufig auf städtischen Brachen, Schutthalden, Bahnhöfen, Industrie­geländen oder entlang von Gleisen und Straßen wachsen, werden in der Botanik als „urbanophil“ bezeichnet. Einige Gewächse dieser Ruderalflora sind den Apothekerinnen und Apothekern aus ihrer täglichen Arbeit bekannt. Sie beinhalten Wirkstoffe, die nicht nur in der traditionellen Volksheilkunde eine Rolle spielen, sondern deren pharmazeutische Bedeutung mittlerweile durch wissenschaftliche Evidenz gestützt wird.
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In den Städten der gesamten Nordhalbkugel siedelt sich zum Beispiel häufig das Schmalblättrige Weidenröschen an – Epilobium angustifolium. In der Volksheilkunde wurde die Pflanze gegen Erkrankungen des Magens, des Darms und der Prostata eingesetzt. Eine Studie aus dem Jahr 2013 kam zu dem Ergebnis, dass Weidenröschen-Extrakt bei Prostatakrebs das Absterben von Tumorzellen begünstigt [1, 2]. Das Schmalblättrige Weidenröschen weist einen hohen Gehalt an Polyphenolen auf. Im Extrakt wurden vor allem Flavonoide, Phenolsäuren und Tannine in hohen Konzentrationen gefunden [3]. Unter den enthaltenen Tanninen kommt dem Ellagitannin eine besondere Bedeutung zu, dessen antikarzinogene Wirkung auch im Zusammenhang mit anderen Pflanzenextrakten belegt wurde [4]. Diese Inhaltsstoffe verleihen Weidenröschenextrakt neben der abtötenden Wirkung auf Tumorzellen auch keimtötende, antioxidative sowie dadurch immunregulatorische, entzündungshemmende Wirkungen [5].

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Borago officinalis, der Borretsch, stellt in Süd- und Osteuropa eine Wildpflanze dar. Die seit dem 16. Jahrhundert in Mitteleuropa kultivierte Arzneipflanze hat unsere Gärten längst verlassen und taucht auf urbanen Brachen auf, wo ihr die Funktion als Bienenweide zukommt. Sie ist eine wichtige Nahrungsgrundlage für stadtlebende Bienen und trägt dazu bei, karge Böden für die Besiedelung durch Stauden und Gehölze vorzubereiten. Wegen der für die Leber toxischen Pyrrolizidinalkaloide in den Blättern wird Borretsch heute kaum mehr verwendet, erlebt jedoch derzeit eine Renaissance in der Dermatologie. Kaltgepresstes Öl aus den Samen, die frei von toxischen Alkaloiden sind, enthält hohe Anteile an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, insbesondere Linolsäure, die wir zum Aufbau des Stratum corneum essenziell benötigen. Die antiinflammatorische und die Regeneration der Hautbarriere fördernde Wirkung des Borretsch-Öls kommt bei äußerer Anwendung vor allem Patienten mit Neurodermitis zugute [6]. Hingegen konnte für die orale Einnahme von Borretschöl kein signifikanter klinischer Nutzen bei atopischen Ekzemen belegt werden [7].

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Ethnobotanisch besonders interessant ist eine urbanophile Pflanze, die typischerweise in Großstädten im gesamten Westen der USA und Kanadas vorkommt: das gelbblühende Lemonweed, Lithospermum ruderale. Nordamerikanische Ureinwohner wie zum Beispiel die Navajo und Shoshone setzten es schon lange vor der Kolonialisierung Amerikas zur Linderung von Entzündungen und Durchfällen ein. Heute wissen wir, dass die Pflanze die entzündungshemmende und verdauungsregulierende Chlorogensäure enthält [8]. In der indigenen Volksmedizin Nordamerikas wurde Lemonweed außerdem zur Geburtenkontrolle genutzt. Und siehe da: Eine Studie mit Mäusen an der Universität von Minnesota wies bereits 1945 nach, dass die Pflanze Wirkstoffe enthält, welche die Chance einer Befruchtung der Eizelle um 50 Prozent verringern [9]. Zwar ist diese zusätzliche Erkenntnis von geringer pharmazeutischer Relevanz, die Übereinstimmung mit der Ver­wendung der Pflanze durch indigene Völker ist in der Summe jedoch bemerkenswert.

Ökologisch betrachtet fungieren Ruderalpflanzen als Pioniergewächse, die auch auf kargen Flächen Fuß fassen können und den Boden für die spätere Besiedelung durch Stauden und Ge­hölze vorbereiten. Da städtische Nischen meist nährstoffarm sind, fördern sie die Konkurrenz und verhindern somit die Dominanz weniger Arten. Deswegen finden wir auf Ruderalstandorten oft eine hohe Artenvielfalt – und eben Wirkstoffe, die in der Pharmazie bekannt sind. |

Literatur

[1] Stolarczyk M, Naruszewicz M and Kiss AK (2013), Epilobium induce apoptosis in prostate. J Pharm Pharmacol, 65: 1044-1054.

[2] Shikov AN et al. Chemical Composition and In Vitro Antioxidant Evaluation of Commercial Water-Soluble Willow Herb (Epilobium angustifolium L.) extracts. J Agric Food Chem. 2006 May 17;54(10):3617-24.

[3] Remmel I et al. Phenolic Compounds in five Epilobium Species collected from Estonia. Nat Prod Commun. 2012 Oct;7(10):1323-4.

[4] Aqil, Farrukh et al. Antioxidant and antiproliferative activities of anthocyanin/ellagitannin-enriched extracts from Syzygium cumini L. (Jamun, the Indian Blackberry), Nutrition and cancer vol. 64,3 (2012): 428-38.

[5] Schepetkin, Igor A et al. Therapeutic Potential of Polyphenols from Epilobium Angustifolium (Fireweed), Phytotherapy research: PTR vol. 30,8 (2016): 1287-97.

[6] Lin TK et al. Anti-Inflammatory and Skin Barrier Repair Effects of Topical Application of some Plant Oils Int J Mol Sci. 2017 Dec 27;19(1). pii: E70.

[7] Bamfort JT. Oral Evening Primrose Oil and Borage Oil for Eczema Cochrane Database Syst Rev. 2013 Apr 30;(4):CD004416.

[8] Spektrum Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen, Lithospermum ruderale, online: http://www.spektrum.de/lexikon/arzneipflanzen-drogen/lithospermum-ruderale/8783, abgerufen am 19.09.2018

[9] Cranston E. The Effect of Lithospermum ruderale on the Oestrous Cycle of Mice, University of Minnesota, Medical School, Minneapolis 1945

Autor

Clemens Arvay, Diplom-Biologe und Buchautor. Studium der Landschaftsökologie und Pflanzen­wissenschaften in Wien und Graz. Forschungsschwerpunkt: Beziehung zwischen Mensch und Natur, gesundheits­fördernde Effekte des Kontakts mit Pflanzen, Tieren und Landschaften. Arvay hat zahlreiche Bücher verfasst, darunter der Bestseller „Der Biophilia-Effekt“ oder „Biophilia in der Stadt“

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