DAZ aktuell

900 Filialen gelten als ertragsschwach

Filialisierungstrend zeigt erste Schwächen

tmb | Während die Gesamtzahl der Apotheken sinkt, steigt die Zahl der Apothekenfilialen weiterhin. Dieser Aufwärtstrend dauert seit der Einführung der Filialen im Jahr 2004 an. Doch nun zeigen sich auch dort Schwächen. Möglicherweise kommt damit eine Sättigung beim Filialisierungstrend in Sicht. Etwa 20 Prozent aller Filialen erwirtschaften weniger als 25.000 Euro Jahresüberschuss und gelten damit als ertragsschwach, berichtet die Steuerberatung Treuhand Hannover in ihrem aktuellen Kundenmagazin.

Die Zahl der Filialapotheken stieg bisher weitgehend unbeeindruckt von der insgesamt abnehmenden Apothekenzahl. Doch während in den Anfangsjahren der Filialisierung Neugründungen dominierten, entsteht das Wachstum seit einigen Jahren vorrangig aus der Übernahme bestehender Apotheken. Diese Analyse aus den Daten der ABDA wurde bereits beim Filialapothekenleitertag im Rahmen der Interpharm 2018 vorgestellt. Die Treuhand Hannover konstatiert nun eine abnehmende Dynamik. Das Wachstum der Filialapotheken werde also geringer. Außerdem sei 2017 die Zahl der Filialverbünde mit nur jeweils einer Filiale leicht gesunken. Die ABDA hatte in ihrem Wirtschaftsbericht vom Frühjahr ausgewiesen, dass die Zahl der Hauptapotheken mit genau einer Filiale im Jahr 2017 auf 2282 (nach 2290 im Jahr 2016) zurückging. Das Wachstum ergibt sich demnach nur noch aus den größeren Verbünden. Die Zahl der Filialapotheken stieg 2017 auf 4512 gegenüber 4416 im Vorjahr.

Die neueste Information von der Treuhand Hannover ist jedoch die Erkenntnis, dass 20 Prozent aller Filialen und damit etwa 900 Filialapotheken ertragsschwach seien. Sie würden jeweils unter 25.000 Euro pro Jahr erwirtschaften.

Foto: imago / Ralph Peters
Vorsicht: Ertragsschwache Betriebsstätten! Etwa 900 Filialapotheken erwirtschaften laut Treuhand Hannover weniger als 25.000 Euro pro Jahr.

Höhere Kosten bei Filialen

Im Durchschnitt haben Filialapotheken gemäß Angaben der Treuhand Hannover im Jahr 2017 ein Betriebsergebnis von 4,9 Prozent vom Nettoumsatz erzielt. Das Ergebnis sei prozentual geringer als im Vorjahr und in absoluten Beträgen unverändert, denn der höhere Wareneinsatz und die höheren Kosten hätten den Umsatzzuwachs aufgezehrt. Das Betriebsergebnis resultiere aus einem Rohgewinn von 24,3 Prozent und Gesamtkosten von 19,6 Prozent jeweils vom Nettoumsatz. Gleich große Einzelapotheken hätten dagegen im Durchschnitt 6,9 Prozent vom Nettoumsatz erwirtschaftet. Für diese Vergleichsapotheken gibt die Treuhand Hannover 24,0 Prozent Rohgewinn und 17,3 Prozent Gesamtkosten an.

Die Differenz zwischen Einzel- und Filialapotheken ergibt sich zum größten Teil aus den deutlich höheren Personalkosten der Filialen, die die Kosten für den Filialleiter einschließen. Demnach würden die Personalkosten in Filialen 12,3 Prozent vom Umsatz betragen, in gleich großen Einzel­apotheken dagegen 10,2 Prozent. Bei einer durchschnittlichen Filiale machen die etwa zwei Prozentpunkte Kostendifferenz allerdings nicht einmal die 55.000 Euro aus, die als Tarifgehalt plus Arbeitgeberanteil für einen Vollzeitapprobierten zu veranschlagen wären. Die Treuhand Hannover erklärt dies durch Synergieeffekte beim Filialbetrieb.

Renditeerwartungen wachsen

Filialen erwirtschaften also naturgemäß geringere steuer­relevante Ergebnisse als vergleichbar große Einzelapotheken. Doch dies wird akzeptiert, weil Inhaber von Verbünden ihre berufliche Existenz nicht aus einer Filiale finanzieren müssen.

Einen Jahresüberschuss von 25.000 Euro als Grenze für ertragsschwache Filialen zu betrachten, erscheint damit plausibel. Im Honorargutachten im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums wird den Filialen hingegen gar kein Gewinn zugestanden. Dort werden Einzelapotheken und Ver­bünde unabhängig von der Zahl der Filialen betrachtet.

Doch auch in Filialen muss sich das eingesetzte Kapital rentieren und dem unternehmerischen Risiko muss ein Ertrag gegenüberstehen.

Prognose: Sättigung statt Anstieg

Die Treuhand Hannover erklärt, an ­Filialen würden inzwischen höhere Renditeerwartungen als früher gestellt. Damit liege der Verdacht nahe, dass die Filialisierung nun an Grenzen stößt.

Diese Gedanken sollen hier noch weiter geführt werden: Letztlich dürfte die Bereitschaft, grenzwertige Erträge zu akzeptieren und eine „Durststrecke“ durchzustehen, bei Filialen sogar geringer sein, weil die berufliche Existenz des Inhabers nicht davon abhängt. Damit wären die 900 ertragsschwachen Filialapotheken als bedroht einzustufen. Bei einer Verschlechterung der Bedingungen vor Ort oder der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für alle Apotheken würden die Inhaber diese Apotheken vermutlich schließen, sobald die Mietverträge erfüllt sind. Das wäre dann wohl eine Schließung auf Raten. Denn vermutlich betrifft dies vorrangig Apotheken, die als Einzelapotheken keinen Nachfolger gefunden hätten. Die Probleme dieser Apotheken werden also durch die Übernahme als Filiale aufgeschoben, aber nicht aufgehoben.

Existenzgefährdende wirtschaftliche Schwierigkeiten betreffen demnach mehr Apotheken, als es die Schließungszahlen der vorigen Jahre erkennen lassen, und die Filialen lösen keineswegs alle Probleme. Vielmehr gibt es nun erste Anzeichen, dass sich in einigen Jahren ein stabiler Anteil an Filialen ergeben könnte. |

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