Phytoforschung

Griechischer Bergtee

Fakten zu einer traditionell verwendeten Arzneipflanze

Von Matthias Melzig | Sucht man im Internet unter dem Stichwort „Griechischer Bergtee“, so erscheinen bei Google ca. 109.000 Verweise – gegenüber 426.000 für „Kamillentee“. Was hat es auf sich mit diesem „neuen Star“?
Foto: omphoto – stock.adobe.com
Der Griechische Bergtee besitzt lange Blütenstände mit vielen gelben Einzelblüten.

Der Griechische Bergtee (Sideritis scardica Griseb.), eine südeuropäische Lamiacee, wird seit Jahrhunderten volksheilkundlich bei Lungenerkrankungen, Erkältungen sowie gastrointestinalen Beschwerden eingesetzt. Bereits Dioskurides hat in seiner „Materia Medica“ (1. Jh.) drei „Sideritis“ genannte Pflanzen beschrieben. Der Name wird vom griechischen Wort „sideros“ hergeleitet, zu Deutsch „Eisen“ bzw. „er, der das Eisen ist oder hat“.

Dioskurides empfahl verwundeten Soldaten die Behandlung mit „Sideritis“, um eine schnellere Genesung und bessere Rehabilitation zu erreichen. In der deutschen Gattungsbezeichnung „Gliedkraut“ kommt zum Ausdruck, dass verwundete Glieder damit behandelt wurden [1]. In den bulgarischen Rhodopen ist die Droge aufgrund der vielfältigen Wirkungen auch als „Langlebigkeitstee“ bekannt [2].

S. scardica ist auf der Balkanhalbinsel in einer Höhe von 1000 bis 2000 m heimisch. Das Verbreitungsgebiet umfasst den Südwesten Albaniens, Nordosten Griechenlands, südliche Regionen Bulgariens, Mazedonien und den europäischen Teil der Türkei. Die 15 bis 40 cm hohe Staude wächst bevorzugt auf trockenen, offenen Kalksteinböden. Sie übersteht Temperaturen bis -10 °C unter einer Schneedecke. Seit 1989 ist S. scardica auf der Roten Liste Bulgariens aufgeführt, die IUCN (Internationale Union zur Bewahrung der Natur und natürlichen Ressourcen) stufte die Pflanze 2001 als potenziell gefährdet ein [1, 2].

Bei Erkältungssymptomen und gastrointestinalen Beschwerden

Das HMPC (Herbal Medicinal Product Committee, Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel) hat 2016 eine Monografie zu Sideritis scardica vorgelegt. Da seine Verwendung zu medizinischen Zwecken seit über 40 Jahren belegt ist, wurde die Droge Sideritis scardica herba (syn. Herba Sideritis scardicae) als traditionelles pflanzliches Arzneimittel eingestuft.

Die HMPC-Monografie führt Erkältungssymptome und leichte gastrointestinale Beschwerden als Indikationen auf und empfiehlt, zwei- bis dreimal täglich einen Tee zu trinken (je 2 bis 4 g zerkleinertes Kraut mit 150 bis 200 ml kochendem Wasser aufgießen). Die akute und chronische Toxizität werden als gering eingeschätzt, mutagene Effekte konnten nicht nachgewiesen werden. Es liegen allerdings keine Daten zur Reproduktionstoxizität, zur Anwendung in der Schwangerschaft und Stillzeit oder bei Kindern und ­Jugendlichen vor [3].

Im Vergleich zu anderen Lamiaceen enthält S. scardica verhältnismäßig wenig ätherisches Öl (0,03%). Bisher wurden über 100 verschiedene Bestandteile des Öles identifiziert. In allen untersuchten Populationen konnten Monoterpene, Sesquiterpene, Diterpene sowie Fettsäuren und deren Ester identifiziert werden. Daneben kommen Triterpene und mehr als 40 Flavone in der Droge vor. Außerdem enthält sie Derivate der Benzoe-, ­China- und Zimtsäure, Ferulasäure ­sowie Phenylethanoidglykoside. Die genaue Zusammensetzung ist abhängig vom Standort der Pflanze [1, 2].

Die Droge zeigte in In-vitro- und In-­vivo-Untersuchungen antioxidative, entzündungshemmende, gastroprotektive [4] sowie osteoprotektive ­Effekte [5], die die traditionellen ­Anwendungen stützen. Wie die meisten Ätherisch-Öl-haltigen Lamiaceendrogen besitzt auch S. scardica antimikrobielle Eigenschaften sowohl ­gegenüber Hefen als auch gegenüber grampositiven und gramnegativen Bakterien. Hervorzuheben ist dabei die Aktivität gegen Problemkeime wie Candida albicans, Pseudomonas aeruginosa, Klebsiella pneumoniae oder Enterococcus faecalis [6].

ZNS-Wirksamkeit

Besondere Aufmerksamkeit erregten Berichte zur ZNS-Wirksamkeit des Griechischen Bergtees, denn nach neuen Arzneistoffen zur Behandlung neurologischer Erkrankungen und Störungen wie ADHS, M. Alzheimer und Depressionen wird intensiv gesucht, wobei auch Naturstoffe und Drogenextrakte von Interesse sind.

Neben einer schwachen Hemmung der Acetylcholinesterase durch die Diterpene Siderol, Sideridiol und Sideroxol [7] wurde in Tierversuchen (Mäuse) festgestellt, dass S.-scardica-Extrakte die β-Amyloid-Bildung im Gehirn um 55% reduzierten sowie die Gedächtnisleistungen steigerten [8, 9]. Als potenzieller Wirkmechanismus wurde bei Ratten eine Psychostimulierung be­obachtet [10], die möglicherweise auf einer Wiederaufnahmehemmung von Neurotransmittern wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin basiert [11]. Diese Ergebnisse waren für die Wissenschaftler so interessant, dass sie für Extrakte aus dem Griechischen Bergtee und ähnlichen Spezies ein Europapatent beantragten, das 2011 auch erteilt wurde [12].

Unter dem Gesichtspunkt einer Evidenz-basierten Therapie sind natürlich klinische Studien essenziell. Bisher sind keine Daten zu Sideritis scardica in der Cochrane Library aufgeführt. Lediglich eine Anwendungsbeobachtung mit einem als Nahrungsergänzungsmittel deklarierten S.-scardica-Extrakt (kombiniert mit B-Vitaminen) ist publiziert: In der sechswöchigen Studie mit 64 gesunden Probanden wurde festgestellt, dass das Prüfpräparat mentalen Stress reduzieren und die Stresstoleranz verbessern kann [13]. Eine Bioverfügbarkeitsstudie mit zehn gesunden Probanden, die jeweils eine Tasse Griechischen Bergtee getrunken hatten, untersuchte weiterhin die renal ausgeschiedenen Metaboliten der Polyphenole. Nachgewiesen wurden hier verschiedene glucuronidierte, sulfatierte und methylierte Verbindungen [14].

Trotz des Fehlens valider klinischer Daten kann man einen gewissen Hype um diese Droge herum feststellen, denn lokale und überregionale Medien berichten über bemerkenswerte Wirkungen. Es gibt eine eigene Website (www.griechischer-berg-tee.de) mit der Angabe von klinischen Indikationen (!) und natürlich jede Menge Werbung zum Kauf der Droge, daher auch die vielen Internet-Verweise.

Die durchaus ernst zu nehmenden Berichte aus der traditionellen Heilkunde zur Wirksamkeit der Droge rechtfertigen ihren Gebrauch, was die HMPC ja auch mit der o.g. Monografie anerkannt hat. Andererseits ­erscheint die Datenlage zur Anwendung am Menschen so dünn, dass eine Empfehlung in der Apotheke zur Nutzung bei neurologischen Störungen nicht angebracht ist. Hier muss unbedingt mit klinischen Fakten nachgebessert werden. |

Literatur

 [1] Latté KP. Sideritis scardica Griseb. Z Phytother 2016;37:85-91

 [2] Todorova M et al. Sideritis scardica Griseb., an endemic species of balkan peninsula: Traditional uses, cultivation, chemical composition, biological activity. J Ethnopharmacol 2014;152:256-265

 [3] Chinou I, Kroes B. Assessment report on ­Sideritis scardica Griseb.; Sideritis clandestina (Bory & Chaub.) Hayek; Sideritis raeseri Boiss. & Heldr.; Sideritis syriaca L., herba. 02.02.2016; EMA/HMPC/39455/2015

 [4] Tadić V et al. Anti-inflammatory, gastro­protective, and cytotoxic effects of Sideritis scardica extracts. Planta Med 2012;78:415-427

 [5] Jeremic I et al. Sideritis scardica extract prevents bone loss in ovariectomized rats. Ann Rheum Dis 2015;74:921

 [6] Tadić V et al. Chemical and antimicrobial evaluation of supercritical and conventional Sideritis scardica Griseb., Lamiaceae, extracts. Molecules 2012;17:2683-2703

 [7] Topcu G et al. Lamiaceae family plants as a potential anticholinesterase source in the treatment of Alzheimer’s disease. Bezmialem Science 2014;1:1-25

 [8] Feistel B et al. Extract preparations from Sideritis scardica enhances memorizing skills of mice in Morris water maze. Planta Med 2013;79:PB9

 [9] Hofrichter J et al. Sideritis ssp. extracts enhance memory and learning in Alzheimer’s β-Amyloidosis mouse models and aged C57BI/6 mice. J Alzheimers Dis 2016;53:967-980

[10] Dimpfel W. Pharmacological classification of herbal extracts by means of comparison to spectral EEG signatures induced by synthetic drugs in the freely moving rat. J Ethnopharmacol 2013;149:583-589

[11] Knörle R. Extracts of Sideritis scardica as triple monoamine reuptake inhibitors. J Neural Transm 2012;119:1477-1482

[12] Patentschrift EP 2 229 950 B1 vom 22.06.2011

[13] Behrendt I et al. Effect of an herbal extract of Sideritis scardica and B-vitamins on cognitive performance under stress: A pilot study. Intern J Phytomed 2016;8:95-103

[14] Petreska Stanoeva J, Stefova M. Assay of urinary excretion of polyphenols after ingestion of a cup of mountain tea (Sideritis scardica) measured by HPLC-DAD-ESI-MS/MS. J Agric Food Chem 2013;61:10488-497

Für die intensive Literaturrecherche danke ich Frau stud. pharm. Josefin Vieweg.


Autor

Prof. Dr. Matthias
F. Melzig,

Professor für Pharmazeutische
Biologie an der Humboldt-Universität
zu Berlin von 1996 bis 2002, seitdem an der Freien Universität Berlin.

Institut für Pharmazie,
Königin-Luise-Str. 2+4, 
14195 Berlin

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