Arzneimittel und Therapie

Schlafmützchen – Nomen est omen?

Selbstmedikation von leichten Schlafstörungen, Schmerzen und Unruhezuständen

Von Matthias Melzig | Extrakte aus dem Kalifornischen Mohn werden traditionell bei nervöser Anspannung und zur Schlafförderung angewendet. Als Wirkprinzip gelten mehrere Isochinolinalkaloide, die am GABAA -Rezeptor von Neuronen angreifen.

Die dekorative Gartenpflanze Kalifornischer Goldmohn (Eschscholzia californica Cham.) wird wegen des Aus­sehens der Blütenknospen synonym auch als Schlafmützchen bezeichnet. Sie erinnern an Zipfelmützen, wie man sie früher zur Nacht getragen hatte. Diese in Kalifornien bis Mexiko heimische Pflanze, seit dem 19. Jahrhundert auch in Europa als Zierpflanze verbreitet, ist Ausgangsmaterial für die traditionell verwendete Droge Eschscholziae herba (Kalifornisches Mohnkraut). Obwohl die Droge seit langer Zeit volksheilkundlich in Kombination mit pflanzlichen Sedativa zur Behandlung von Schlafstörungen, Schmerzen, nervöser Übererregbarkeit, Neuropathien und Enuresis nocturna bei Kindern eingesetzt wurde [1], bewertete sie die Kommission E seinerzeit als „Nullmonografie“, d. h. es lag kein ausreichendes wissenschaftliches Erkenntnismaterial vor, um das in der Erfahrungsheilkunde und Volksmedizin praktizierte Anwendungsgebiet wissenschaftlich bestätigen zu können [2].

In den letzten Jahren hat sich aber die wissenschaftliche Datenlage geändert, was u. a. zu einer Patentanmeldung von Boehringer Ingelheim im Jahr 2000 führte, die die Verwendung von definierten Drogenextrakten zur Behandlung von Depressionen verschiedenen Ursprungs betrifft [3]. Seit 2013 hat der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) die Droge als traditionelles Arzneimittel zur ­Milderung von Nervosität und Ängstlichkeit sowie zur Verbesserung der Schlafqualität eingeordnet [4].

Foto: Foto: rgillen – Fotolia.com
Mit seinen orange leuchtenden Blüten ist der Kalifornische Mohn unverwechselbar.

Isochinolinalkaloide

Die Zugehörigkeit zur Familie der Mohngewächse (Papaveraceae) erklärt einige Inhaltsstoffe aus der Gruppe der Isochinolinalkaloide (0,29 – 0,38%), die mit interessanten pharmakologischen Wirkungen auf das Zentralnervensystem verbunden sind. Dazu zählen u. a. Californidin, Allocryptopin, Protopin und Escholzin [1]. Drogen­extrakte wirken im Tierversuch sedativ, anxiolytisch, spasmolytisch und schwach analgetisch, zeigen aber keine nennenswerte Toxizität am Tier oder Menschen [5]. Der Angriff der ­Alkaloide wird an den Benzodiazepin-Bindestellen des GABAA -Rezeptors (modulatorischer Effekt) von Neuronen vermutet [6, 7, 8]. Es wurden aber auch eine Hemmung der Butyryl­cholinesterase-Aktivität [9] sowie eine Wechselwirkung mit dem 5-HT1A -Rezeptor nachgewiesen [10].

Klinische Studie mit Kombinationspräparat

Klinische Daten existieren bisher nur wenige, vor allem aus einer Doppel­blind-Placebo-kontrollierten Studie, die das französische Arzneimittel Sympathyl® auf Wirksamkeit und Sicherheit bei Angststörungen untersucht hat. Sympathyl® wird als traditionelles Arzneimittel bei Schlafstörungen bei Erwachsenen eingesetzt. Es stellt eine fixe Kombination aus dem getrockneten wässrigen Extrakt von Eschscholzia-californica-Kraut, dem getrockneten alkoholisch-wässrigen Extrakt aus Crataegus oxyacantha-Blüten und Magnesiumoxid dar [11]. Insgesamt 264 Patienten (81% Frauen, Durchschnittsalter 44,6 Jahre) wurden über drei Monate entweder mit dem Verum oder einem Placebo behandelt (2-mal täglich eine Tablette). Gemessen an den Veränderungen der Studienparameter (Hamilton Anxiety Scale und Somatic Score) konnte eine signifikante Verbesserung durch das Kombinationspräparat ermittelt werden. Über Nebenwirkungen berichteten 11,5% der Patienten in der Verum-Gruppe und 9,7% in der Placebo-Gruppe, ­allerdings waren die unerwünschten Wirkungen wie Verdauungs- oder Befindlichkeitsstörungen eher schwach ausgeprägt [12]. Wässrige Extrakte aus der Droge sind offensichtlich mit weniger Nebenwirkungen behaftet als ethanolisch-wässrige Auszüge [13].

Erfahrungsheilkunde

In der Schweiz sind Präparate mit einem Pulver aus Kalifornischem Mohnkraut mit Blüten (Eschscholziae californicae herbae cum flore pulvis) im Handel (Arkocaps® Escholtzia, Phytopharma® Escholtzia). Als Anwendungsgebiete werden angegeben: ­„traditionell bei nervöser Anspannung und zur Schlafförderung bei leichten Schlafstörungen“ [14].

In der Homöopathie wird die Droge in Tiefpotenzen ebenfalls bei leichten Schlafstörungen eingesetzt [1].

In Nordmexiko dient die Droge in der Volksmedizin als Opiumersatz in der Kinderheilkunde bzw. als leichtes Beruhigungs- und Schmerzmittel. Es existieren auch Berichte darüber, dass die Droge als Marihuana-Ersatz geraucht wird und leichte euphorische Zustände induziert, wobei die psychoaktive Wirkung als „sehr mild“ ein­geschätzt wird [15].

Zusammengefasst erscheint der Kalifornische Goldmohn als eine traditionelle Arzneipflanze, deren pharmakologisches Potenzial gegenwärtig noch nicht ausgeschöpft ist und die aufgrund der berichteten Effekte phytotherapeutisches Interesse auf sich zieht. Sollten weitere klinische Befunde zur Wirksamkeit der Droge vorgelegt werden, würde die Evidenz entsprechender Arzneimittel steigen. Für solche Arzneimittel zur Selbstmedikation von leichten Schlafstörungen, Schmerzen und Unruhezuständen gibt es durchaus Bedarf. |

Literatur

 [1] Kreis W, in: Hagers Handbuch. 5. Aufl. Springer, Berlin/Heidelberg 1993:110-115

 [2] Schilcher H, Kammerer S, Wegener T. Leitfaden Phytotherapie, 4. Aufl. Urban & Fischer, München 2010:374-376

 [3] Patentschrift WO/2000/027412

 [4] Assessment report on Eschscholzia californica Cham., herba, 28 January 2015; EMA/HMPC/680375/2013, Committee on Herbal Medicinal Products

 [5] Teuscher E, Lindequist U. Biogene Gifte, 3. Aufl. WVG, Stuttgart 2010:490-493

 [6] Rolland A et al. Neurophysiological effects of an extract of Eschscholzia californica Cham. (Papaveraceae). Phytother Res 2001;15:377-381

 [7] Fedurco M et al. Modulatory effects of Eschscholzia californica alkaloids on recombinant GABAA receptors. Biochem Res Int 2015;2015:617-620

 [8] Sarris J et al. Plant-based medicines for anxiety disorders, Part 1: a review of preclinical studies. CNS Drugs 2013;27:207-219

 [9] Cahlikova L et al. Acetylcholinesterase and butyrylcholinesterase inhibitory compounds from Eschscholzia californica (Papaveraceae). Nat Prod Commun 2010;5:1035-1038

[10] Gafner S et al. Alkaloids from Eschscholzia californica and their capacity to inhibit binding of [3H]8-Hydroxy-2-(di-N-propylamino)tetralin to 5-HT1A receptors in vitro. J Nat Prod 2006;69:432-435

[11] http://base-donnees-publique.medicaments.gouv.fr/extrait.php?specid=61279600

[12] Hanus M et al. Double-blind, randomised, placebo-controlled study to evaluate the ­efficacy and safety of a fixed combination containing two plant extracts (Crataegus oxyacantha and Eschscholtzia californica) and magnesium in mild-to-moderate anxiety disorders. Curr Med Res Opin 2004;20:63-71

[13] Manda VK et al. Modulation of CYPs, P-gp, and PXR by Eschscholzia californica (California Poppy) and its alkaloids. Planta Med 2016;82:551-558

[14] www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Kalifornischer_Mohn&search=eschscholzia

[15] Rätsch C. Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen, 2. Aufl. AT-Verlag, Aarau 1998:261-263

Autor

Prof. Dr. Matthias F. Melzig, Professor für Pharmazeutische Biologie an der Humboldt-Universität zu Berlin von 1996 bis 2002, seitdem an der Freien Universität Berlin.

Institut für Pharmazie, Königin-Luise-Str. 2+4, 14195 Berlin

autor@deutsche-apotheker-zeitung.de

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