Beratung

Typische Probleme von Senioren

Tipps zur Arzneimittelanwendung verbessern die Therapiesicherheit

Auf die Frage: „Kennen Sie sich mit dem Medikament aus?“ geben betagte Kunden in der Apotheke meistens eine positive Antwort. Denn schließlich verschreibt ihnen der Arzt schon seit vielen Jahren das Asthmaspray oder den Insulinpen. Doch häufig stellt sich heraus, dass ihnen infolge funktionaler Defizite die Anwendung nicht mehr so gut wie früher gelingt. Dann muss das Apothekenpersonal helfend eingreifen, um weiterhin die Wirksamkeit der Behandlung zu gewährleisten. Von Dr. Claudia Bruhn

Die Anwendung einiger Arzneiformen wie Insulinpens, Pulverinhalatoren oder Augentropfen ist komplex. Die dabei auszuführenden Schritte stellen oftmals große Anforderungen an die kognitiven, visuellen, audiologischen oder feinmotorischen Fähigkeiten der Patienten. Doch diese Fähigkeiten können krankheits- oder altersbedingt eingeschränkt ein. Die Apotheke hat in solchen Fällen zahlreiche Interventionsmöglichkeiten, die über Ratschläge bei der Abgabe weit hinausgehen.

Patienten mit ergonomischen Einschränkungen

Infolge von Erkrankungen wie Arthrose, Rheumatoider Arthritis oder Gicht, durch Sensibilitätsstörungen bei Diabetes mellitus oder bei senilem Tremor sind die Beweglichkeit und die Griff­stärke der Finger eingeschränkt. Auch Arzneimittel, die bei Daueranwendung zu Muskelschwäche führen, können die Fingerkraft beeinträchtigen. Dazu zählen u. a. Diuretika, Betablocker und Muskelrelaxanzien.

Für ergonomisch beeinträchtigte Patienten kann bereits die Entfernung einer Erstöffnungssicherung ein unüberwindliches Hindernis darstellen; sie können beispielsweise eine Aufreißlasche nicht festhalten und entfernen. Bei Augentropfen in bottelpack®-Fläschchen muss die Verschlusskappe einmal kräftig gedreht werden, um sie in den gebrauchsfertigen Zustand zu überführen, was viele Patienten ebenfalls überfordert. In solchen Fällen sollte das Apothekenpersonal die Entfernung der Erstöffnungssicherung anbieten. Wenn der Patient Schwierigkeiten mit dem Überwinden von Kindersicherungen hat, kann man es mit ihm einige Male üben, bis er die Technik beherrscht.

Salben oder Pasten lassen sich häufig nur mit größerer Kraftanstrengung aus Tuben herausdrücken. Etwas leichter geht es, wenn die Arzneiform vor der Anwendung leicht erwärmt wird, z. B. durch Halten in der geschlossenen Hand. Alternativ kann ein handelsüblicher Tubenentleerer empfohlen werden. Einige wenige Arzneimittel sind anstelle von Tuben in Roll-on-Flaschen (mit Kugelkopf) verfügbar, aus denen die Zubereitung ohne Kraftaufwand entleert werden kann.

Beim Teilen von Tabletten ist die Methode, bei der die Tablette mit der Teilungskerbe nach unten auf eine harte Unterlage gelegt und mit dem Zeigefinger oder Daumen auf die glatte Seite gedrückt wird, für ergonomisch eingeschränkte Patienten am besten geeignet. Doch diese Methode erfordert eine Tablettenform mit einem weiten Bruchkerbenwinkel. Gegebenenfalls sollte daher nach Rück­sprache mit dem Arzt der Austausch durch ein Wirkstoff-identisches Arzneimittel, das diese Anforderung erfüllt, erfolgen.

Alternativ können Tablettenteiler als Hilfsmittel eingesetzt werden, deren Handhabung jedoch auch ein gewisses Maß an Geschicklichkeit erfordert. Schließlich kann die Apotheke dem Patienten das Teilen der Tabletten als Rezepturleistung anbieten.

Analog könnte der Arzt ein Dosieraerosol, bei dem die Aerosoldose in den Behälter gedrückt werden muss, durch ein atemzuggesteuertes Inhalationssystem (z. B. Autohaler®) ersetzen.

Ein vollautomatischer Insulinpen ist eine Alternative zu einem Standardpen, da jener weniger Fingerkraft bei der Bedienung erfordert.

Patienten mit visuellen Einschränkungen

Ein vermindertes Sehvermögen kann sich negativ auf die Anwendungssicherheit von Arzneimitteln aus­wirken, denn die Patienten können ähnlich aussehende Medikamenten­packungen leicht verwechseln. Die Apotheke kann dem vorbeugen, indem sie z. B. zwei ähnliche Augentropfenfläschchen oder Dosieraerosole mit unterschiedlich gefärbten Haftetiketten beklebt („Signalfarben“).

Skalierungsstriche an Messbechern oder Dosierspritzen erkennt der Patient leichter, wenn der Apotheker sie mithilfe eines wasserfesten Markers hervorhebt.

Einem sehbehinderten Patienten kann auch das Abzählen von Tropfen schwerfallen. In diesem Fall schlägt man ihm vor, die Arznei nicht in einen Löffel oder in ein Glas tropfen zu lassen, sondern in einen dünnwandigen Plastikbecher, den der Patient am oberen Rand festhält. Das dabei entstehende Geräusch erleichtert ihm das Abzählen der Tropfen.

Patienten mit audiologischen Einschränkungen

Ein vermindertes Hörvermögen führt u. a. dazu, dass der Patient Betriebsgeräusche von Applikationsformen nicht mehr richtig wahrnimmt. Dies betrifft beispielsweise akustische Signale bei Insulinpens oder Einrastgeräusche bei Pulverinhalatoren. Vermutet der Apotheker ein solches Problem, sollte er sich in einer geräuscharmen Um­gebung (Beratungskabine) zunächst einen Eindruck verschaffen, wie gut der Patient das entsprechende Geräusch noch wahrnehmen kann.

Durch kleine Hilfestellungen lässt sich das Problem häufig lösen. So kann der Patient die Lautstärke des Betriebsgeräuschs durch Ausnutzen der Knochenschallleitung am Schädel ­erhöhen. Um z. B. bei einem Insulinpen die erfolgreiche Dosisvorwahl akustisch wahrzunehmen, muss der Patient den Pen gegen das Kinn oder einen anderen Teil des Schädels drücken.

Bei einigen Pulverinhalatoren zeigen neben dem Geräusch noch weitere Signale die korrekte Anwendung an. Der Patient sollte sich dann ausschließlich darauf konzentrieren. So wird beim Novolizer® die korrekte Inhalation nicht nur durch Klicken hörbar, sondern zusätzlich wechselt das Kontrollfenster wieder von grün auf rot. Außerdem haften am Wirkstoff Lactose­partikel, deren süßlicher Geschmack die erfolgreiche Anwendung bestätigt.

Patienten mit kognitiven Einschränkungen

Um ein Dosieraerosol, einen Pulverinhalator oder ein Injektionsarzneimittel korrekt anzuwenden, ist ein ­gewisses Maß an geistigem Leistungsvermögen notwendig, das älteren ­Patienten oft fehlt – nicht nur infolge geistigen Abbaus, sondern auch durch Erkrankungen oder durch die Nebenwirkung von anderen Arzneimitteln.

Demente Patienten stellen das Apo­thekenpersonal bei der Erklärung von Arzneimittelanwendungen vor besondere Herausforderungen. Wissenschaftliche Termini sind fehl am Platz, stattdessen sollten allgemein verständliche Ausdrücke verwendet werden. Sehr hilfreich kann es sein, die Anwendung anhand von Placebo-Arzneiformen zu veranschaulichen.

Zu den Arzneimitteln, die die kognitive Leistungsfähigkeit verschlechtern können, zählen insbesondere

  • Stoffe mit anticholinergen Haupt- oder Nebenwirkungen wie trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin) oder Spasmolytika (z. B. Oxybutinin),
  • Betablocker und
  • Benzodiazepine.

Ein Check der Gesamtmedikation auf solche Arzneimittel und die Suche nach Alternativen könnten hilfreich sein. Vor allem kann die Apotheke Patienten mit kognitiven Einschränkungen unterstützen, indem sie beim Arzt die Umstellung auf ein Arzneimittel anregt, dessen Handhabung weniger komplex ist.

Werden Arzneimittel für Demenzpatienten an deren Betreuungspersonen ausgehändigt, ist ihnen die Anwendung genau zu erklären.

Wenn ein Patient eine Tablette oder Kapsel einnimmt, sollte er den Kopf leicht nach vorn neigen und den Mund mit Wasser füllen. Die Arzneiform schwimmt auf dem Wasser, und wenn sie sich dem Rachen nähert, kann der Patient sie leicht hinunterschlucken. Danach soll er reichlich Wasser trinken (insgesamt möglichst 200 ml).

Patienten mit Schluckbeschwerden

Schluckstörungen (Dysphagien) bei Senioren sind hauptsächlich durch anatomische Veränderungen der am Schluckakt beteiligten Strukturen wie Kehlkopf, Zunge und Speiseröhren­schließmuskel sowie durch die nachlassende Speichelproduktion bedingt. Verstärkt werden sie u. a. durch Arzneimittel wie Anticholinergika, die als Nebenwirkung Mundtrockenheit verursachen, oder durch Neuroleptika, die Bewegungsstörungen (Spätdyskinesien) der Mundmuskeln und Zunge hervorrufen können. Dies führt zu großen Adhärenzproblemen bei der Einnahme fester Peroralia.

Zunächst sollte das Apothekenper­sonal prüfen, ob die Tabletten zerkleinert bzw. die Kapseln geöffnet werden können, ohne dass ein Wirkverlust eintritt. Wenn dies möglich ist, sollte der Patient das entstandene Pulver jedoch nicht mit Wasser hinunterspülen, sondern besser mit einem breiförmigen Nahrungsmittel wie Apfelmus, Kartoffel- oder Gemüsebrei oder einem hochviskosen Getränk wie Bananensaft vermischt einnehmen.

Lassen sich feste Peroralia nicht zerkleinern, kann die Verwendung eines Überzugsmaterials (Medcoat® Schluckhilfe) erwogen werden. Der Patient überzieht damit die Tablette oder Kapsel selbstständig mit einer nach Zitrone schmeckenden Masse, indem er sie durch einen Blisternapf schiebt, der diese Masse enthält.

Auch das richtige Schlucken einer Tablette oder Kapsel will gelernt sein. Die Grafik zeigt, wie es geht, und das Apothekenpersonal sollte es dem Patienten erklären. Viele Patienten machen nämlich einen typischen Fehler: Sie neigen bei der Einnahme von festen Peroralia den Kopf nach hinten, weil sie glauben, damit den Schluck­akt zu erleichtern. Doch bei dieser Position wird der Speiseröhren­eingang verengt und das Schlucken sogar erschwert. |

Quelle

Kircher W. Arzneiformen richtig anwenden, 4. Aufl. Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart 2016

Autorin

Dr. Claudia Bruhn ist Apothekerin und arbeitet als freie Medizinjournalistin. Sie schreibt seit 2001 regelmäßig Beiträge für die DAZ.

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