Arzneimittel und Therapie

Wer ist Europameister der Gesundheit?

Die EM-Kandidaten und ihre Nachbarn im Vergleich

In den letzten Wochen herrschte ausgelassene Fußballstimmung, und ganz Europa blickte gespannt auf Frankreich, Austragungsort der diesjährigen EM. Deutschland musste leider im Halbfinale das Feld räumen. Am Ende hat sich Portugal den Titel erkämpft – zumindest im Fußball. Beim Thema Gesundheit liegen andere Länder vorn.

Das Health Consumer Powerhouse (HCP), eine schwedische Expertenkommission, veröffentlichte den achten „Gesundheits-Verbraucher-Index“ (Euro Health Consumer Index, EHCI), in dem sie die Gesundheitssysteme Europas vergleicht. Der Index basiert auf Patientenumfragen, unabhängigen Forschungsergebnissen und Statistiken zu Patientenrechten, Präventionsprogrammen und zur Zugänglichkeit medizinischer sowie pharmazeutischer Leistungen [1].

Grafik: VRD – Fotolia.com
Im europäischen Vergleich liegt das deutsche Gesundheitswesen im guten Mittelfeld.

Schneller Termin beim Hausarzt

Patienten in Albanien und Kroatien können ihren Hausarzt in der Regel noch am selben Tag aufsuchen. Auch in Mazedonien, Tschechien, Belgien, Malta und Bulgarien geht es schnell. Dagegen haben es Patienten aus Großbritannien, Finnland, Schweden, Griechenland, Lettland und Island besonders schwer, zeitnah einen Termin zu bekommen. Deutschland befindet sich hinter Italien, Frankreich und Polen im Mittelfeld.

Direkt zum Spezialisten

In der Auswertung, ob Patienten direkten Zugang zu einem Spezialisten (ohne eine vorherige Legitimation durch den Hausarzt) haben, ist Island Spitzenreiter. Nachfolgend werden die Schweiz, Luxemburg, die Slowakei und Deutschland aufgeführt. Spanien, Großbritannien, Irland und Monte­negro belegen die hinteren Plätze.

Operationstermine

Am kürzesten müssen die Schweizer auf einen Operationstermin warten: 90% der Patienten bekommen einen Termin innerhalb der nächsten drei Monate. Deutschland belegt nach Luxemburg und Belgien Platz 4. In Polen müssen die Patienten dagegen mit langen Wartezeiten rechnen.

CT-Scan in sieben Tagen

Stellvertretend für die Verfügbarkeit modernster Diagnosesysteme wurden Wartezeiten für einen Computertomografie-Scan analysiert. Am längsten müssen Patienten in Montenegro, ­Kroatien, Luxemburg und Polen warten, Schweizer und Isländer am kürzesten. Deutschland befindet sich im Ländervergleich vor Frankreich, Norwegen und Griechenland im oberen Drittel.

Umgang mit psychischen Erkrankungen

Der Mental Health Integration Index misst das politische Engagement und die Initiativen, die im Umgang mit psychischen Erkrankungen ergriffen werden. Deutschland geht demnach am besten auf die Bedürfnisse der Betroffenen ein, indem großzügige Sozialhilfe-Programme für eine bes­sere Integration in die Gesellschaft ange­boten werden. Großbritannien, Dänemark und Norwegen belegen die folgenden Ränge. Schwer tun sich Kroatien, Portugal, Griechenland, Rumänien und Bulgarien [2, 3].

MRSA-Infektionen

Zur Messung des Prozentsatzes resistenter Bakterienstämme wurden Daten aus dem European Antimicrobial Resistance Surveillance System (ECDC EARS-net) verwendet. Patienten in Island müssen eine MRSA-Infektion im europäischen Vergleich am wenigsten fürchten. Auch Norwegen, Schweden, die Niederlande, Dänemark und Finnland brauchen sich bisher nur wenig Sorgen zu machen. Deutschland befindet sich im Mittelfeld. Wesentlich schlechter gestaltet sich die Resistenzsituation in Italien, Griechenland, Portugal, Malta und Rumänien.

Abtreibungen

Es gibt in Europa noch immer Länder, in denen Schwangerschaftsabbrüche gesetzlich nicht erlaubt sind, darunter Malta, Zypern, Irland und Polen. Österreich verbietet Abtreibungen zwar nicht, doch gibt es keine öffentlichen Krankenhäuser, die diese durchführen, sodass genaue Zahlen fehlen. Da Frauen aus Luxemburg Abtreibungen meist anonym im Ausland durchführen lassen, kann auch hier keine genaue Statistik erfasst werden. Die höchste Abtreibungsrate zeigen Schweden, Ungarn, Estland, Rumänien und Bulgarien.

Deutschland verzeichnet mit ca. 150 Abtreibungen pro 1000 Geburten weniger Fälle als Italien, Portugal, Island, Spanien und Frankreich. Kroatien, die Schweiz und Griechenland haben die geringsten Abtreibungsraten.

Bezahlbarer Zahnarztbesuch?

Bei der Frage, mit welchem Anteil öffentlicher Gesundheitsausgaben die zahnärztliche Versorgung subventioniert wird, schneidet Slowenien am besten ab, gefolgt von den Niederlanden, Kroatien, Malta, Österreich und Luxemburg. Deutschland liegt auf Platz 8. Am teuersten wird es für Ita­liener, Isländer, Rumänen, Portugiesen und Letten mit Zahnbeschwerden.

Impfung von Kindern

Mit einer Impfquote bei Kindern von fast 100% ist Ungarn Spitzenreiter. Schlusslichter sind Norwegen, Großbritannien, die Schweiz, Österreich und Island. Überraschenderweise werden in Dänemark innerhalb von Europa die wenigsten Kinder geimpft.

Raucherprävention

Gemessen am Umsatz verkaufter Zigaretten wird am wenigsten in Großbritannien und am meisten in Luxemburg geraucht. Deutschland liegt im vorderen Drittel vor Belgien, Portugal, Spanien, der Schweiz, Dänemark, Polen und Italien.

Alkoholkonsum

Am meisten getrunken wird in Irland, dicht gefolgt von Deutschland, Litauen, Österreich und Tschechien. Zurück­haltend im Umgang mit Alkohol sind Mazedonien, Albanien, Norwegen und Island.

Antibiotika-Einsatz

Die meisten Antibiotika werden in Großbritannien, Frankreich und Irland verordnet, die wenigsten in den Niederlanden, Estland, Schweiz, Litauen und Ungarn. Deutschland gehört auf Platz 7 zu den Ländern mit den niedrigsten Antibiotika-Verordnungen.

Pflege für ältere Menschen

Schweden hat in Relation die meisten Altenpflegeheime und die meisten Betten in Altenheimeinrichtungen. Auch die Schweiz, Belgien, Island, die Niederlande, Malta und Finnland sind in dieser Hinsicht gut ausgestattet. Albanien, Griechenland und Bulgarien haben dagegen noch einiges nachzuholen. Deutschland befindet sich im Mittelfeld nach Norwegen, Slowenien, Luxemburg, Irland und Frankreich.

Endergebnis

Mit 916 von 1000 möglichen Punkten sind die Niederlande Europameister beim Euro Health Consumer Index, gefolgt von der Schweiz, Norwegen und Finnland. Das deutsche Gesundheitssystem wird als das einschränkungsfreiste und verbraucherorientierteste beschrieben, da Patienten zu jeder Zeit Gesundheitsversorgung erwarten können. Dass Deutschland dennoch nur 828 Punkte und damit Platz 7 erreicht, führt das HCP teilweise auf die „Neigung der Deutschen zur Nörgelei“ zurück. Im Bereich Arzneimittel teilt sich Deutschland mit Finnland und den Niederlanden übrigens Platz 1. Erfasst wurde unter anderem die Subvention von Verschreibungen, der Einsatz neuer Medikamente und der Antibiotikaeinsatz pro Einwohner. |

Quelle

[1] Health Consumer Powerhouse. Euro Health Consumer Index 2015; verfügbar unter http://www.healthpowerhouse.com/files/EHCI_2015/EHCI_2015_report.pdf (Zugriff am 11.7.2016)

[2] Murawiec S et al. One of many lessons from the European Mental Health Integration Index. Psychiatr Danub 2015;27:S97–102

[3] Germany leads Europe in dealing with mental illness. EIU for the Media. News vom 8. Oktober 2014

Apothekerin Isabelle Maucher

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