Fragen aus der Praxis

"Vitamin B17 " bei Krebs?

Wie Amygdalin zu beurteilen ist


Frage


Ein laut Auskunft der Ärzte unheilbarer Darmkrebspatient mit Lungenmetastasen möchte alles probieren und fragt nun nach Erfahrungen (Therapieerfolge, Unbedenklichkeit) für die Anwendung von Vitamin B17 (Laetrile, Aprikosenkernextrakt). Uns ist das Thema aus der Vergangenheit bekannt, als uns vom Bezug und der Abgabe des Präparates abgeraten wurde. Gibt es Studien, die die Einnahme rechtfertigen?


Antwort gibt



Dr. Ulrike König
RAIZ der LAK Baden-Württemberg
Apotheke Schwarzwald-Baar Klinikum
Villingen-Schwenningen GmbH



Amygdalin, der Inhaltsstoff in der Bittermandel und in Kernen von Aprikosen und Äpfeln ist eine zytotoxische, Apoptose-induzierende Substanz. Daher sind grundsätzlich auch entsprechende Wirkungen auf Tumorzellen anzunehmen, die allerdings weder in den meisten tierexperimentellen Studien noch in den wenigen zur Verfügung stehenden systematischen Untersuchungen an Krebspatienten bestätigt werden konnten.

Irreführend: Vitamin B17

Kontrollierte, randomisierte klinische Studien mit Laetrile oder Amygdalin gibt es nicht. Das in den USA patentierte Laetrile ist eine gegenüber dem natürlichen Amygdalin chemisch leicht abgewandelte Substanz, die Anfang der 1950er Jahre von Ernst T. Krebs synthetisiert wurde. In Mexiko bezeichnet Laetrile hingegen das aus zerstoßenen Mandelkernen extrahierte Amygdalin. Häufig werden beide Bezeichnungen synonym verwendet. Eine weitere und zudem irreführende Bezeichnung ist Vitamin B17 Tatsächlich handelt es sich um ein Pseudovitamin, das der Körper für seine normale Funktion nicht benötigt.

Erfahrungen aus den USA

Die Daten der publizierten klinischen Studien stammen bereits aus den 70er und 80er Jahren und wurden vom National Cancer Institute (NCI) durchgeführt.

Für eine erste Zusammenfassung und Bewertung der immer wieder berichteten Therapieerfolge bat das NCI Ende der 70er Jahre mehr als 400.000 Ärzte und Therapeuten um eine Rückmeldung positiver Fallberichte von Patienten, die mit Laetrile behandelt wurden. Zu dieser Zeit war Laetrile in den USA ein sehr weit verbreitetes alternatives Mittel zur Behandlung von Krebspatienten. Man geht von einer Zahl von etwa 70.000 Personen aus, die damals in den USA mit Laetrile behandelt wurden. Insgesamt wurden jedoch nur 93 positive Fallberichte beim NCI eingereicht. Von den 67 auswertbaren Fällen zeigten vier Patienten ein partielles und zwei Patienten ein komplettes Tumoransprechen während einer Therapie mit Laetrile.

Obwohl nicht Ziel dieser Umfrage wurden von 220 Ärzten jedoch auch Berichte von insgesamt über 1000 Patienten eingeschickt, die nicht von einer Therapie mit Laetrile profitiert hatten [9].

Klinische Studie mit ernüchterndem Ergebnis

Das NCI entschloss sich trotzdem zu zwei weiterführenden klinischen Studien. Die Phase I-Studie diente zunächst der Festlegung der Dosis und Applikationsroute. In die darauf folgende Phase II-Studie, die 1982 im New England Journal publiziert wurde, wurden insgesamt 178 Patienten mit unterschiedlichen Tumorentitäten (vorwiegend Brustkrebs, Kolon- und Lungenkarzinom) mit zu dieser Zeit gutem Allgemeinbefinden eingeschlossen. Die Patienten hatten zuvor keine andere Tumortherapie erhalten bzw. eine vorherige Therapie lag mindestens einen Monat zurück. Sie erhielten über 21 Tage Amygdalin intravenös, gefolgt von einer oralen Erhaltungstherapie. Wie auch in entsprechenden "Therapieempfehlungen" (z. B. Stoffwechseltherapie nach Krebs) üblich, erhielten die Patienten zusätzlich Vitamine und Pankreasenzyme und mussten eine spezielle Diät einhalten. Von den 175 auswertbaren Patienten zeigte nur ein Patient ein partielles Ansprechen, das während der zehnwöchigen Amygdalin-Therapie anhielt. 45% der Patienten hatten hingegen bereits am Ende der intravenösen Therapie einen messbaren Tumorprogress. Sieben Monate nach Abschluss der intravenösen Amygdalin-Gabe war die Tumorerkrankung bei allen Patienten vorangeschritten. Dies entspricht in etwa dem, was auch zu erwarten gewesen wäre, wenn die Patienten keine Therapie erhalten hätten. Die Autoren schlussfolgerten daher, dass Amygdalin (Laetrile) keine effektive Tumortherapie ist.

Diese im Gegensatz zu positiven anekdotischen und Einzelfallberichten sowie im Internet kursierenden persönlichen Krankheitsverläufen ernüchternden Ergebnisse der praktisch einzigen uns bekannten publizierten größeren Studie führten dazu, dass vom NCI keine weiteren Studien durchgeführt wurden.

Cochrane-Review: keine Evidenz

In einem erst 2011 veröffentlichten Cochrane-Review wurden die zur Verfügung stehenden Daten noch einmal bezüglich der immer wieder propagierten Antitumorwirkung sowie möglicher Nebenwirkungen ausgewertet. Auch mit dieser sehr umfassenden Literaturrecherche konnte keine publizierte bzw. laufende randomisierte klinische Studie gefunden werden. Schlussfolgerung der Autoren ist daher, dass auf der Basis der zur Verfügung stehenden Daten keinerlei Evidenz für einen Nutzen von Amygdalin oder Laetrile als Mittel zur Behandlung von Krebs besteht.

Gefahr Cyanidvergiftung

Einem nicht belegten Nutzen steht jedoch eine zumindest mögliche Gefährdung infolge einer Blausäure- bzw. Cyanid-Vergiftung vor allem bei oraler Einnahme entgegen. Während es bei intravenöser Applikation von Amygdalin (4,5 g/qm) im Rahmen pharmakokinetischer Untersuchungen keine klinischen oder labormedizinischen Zeichen einer Cyanid-Intoxikation gab, führte die orale Gabe (500 mg Amygdalin als Tablette) teilweise zu signifikant erhöhten Blutcyanid-Konzentrationen. Besonders hohe Werte wurden bei zwei Patienten beobachtet, die zusätzlich Mandelkerne verzehrt hatten. Die gemessenen Cyanid-Konzentrationen betrugen dabei bis zu 2,1µg/ml im Gesamtblut [5]. Dies sind durchaus kritische Werte, denn Cyanid-Konzentrationen > 0,5µg/ml können bereits toxische Effekte verursachen, komatös-letale Wirkungen sind ab 1 bis 3 µg/ml beschrieben [7].

Cyanid-Ionen binden mit hoher Affinität an dreiwertiges Eisen. Durch eine entsprechende Bindung an Cytochromoxidasen der Mitochondrien ist eine Sauerstoffverwertung praktisch nicht mehr möglich. Es kommt zu einer "inneren Erstickung" [7]. Klinische Zeichen einer Blausäure- bzw. Cyanid-Vergiftung können unspezifische Symptome wie Übelkeit, Kopfschmerzen und Schwindel sein, es kann zu Blutdruckabfall, Leber-, Nerven- und Hirnschädigungen, Krämpfen und komatösen Zuständen kommen. Im Zusammenhang mit der Anwendung von Amygdalin beschrieben zwei Einzelfallberichte eine deutliche Neuromyopathie im Zusammenhang mit hohen Cyanid-Spiegeln, Zeichen einer Demyelinisierung und einer axonalen Degeneration in der Biopsie bzw. dem klinischen Bild von zerebralen Krampferscheinungen infolge schwerer Laktazidose bei Kombination von Laetrile mit Vitamin C in hochdosierter Form. Darüber hinaus wurde auch eine Kasuistik mit letalem Ausgang veröffentlicht [10].

Diese Untersuchungen und Fallberichte widerlegen damit auch die These, dass es sich bei Laetrile um eine gezielte, tumorzellspezifische Therapie handelt, die für gesunde Zellen praktisch untoxisch ist.

Verbot in den USA

In den USA wurde von der FDA aufgrund fehlender klinischer Wirksamkeitsbelege sowie dem Fehlen einer Zulassung als Arzneimittel die Herstellung und der Vertrieb von Laetrile strikt verboten. Verstöße werden seither entsprechend geahndet [6].

In Deutschland sind Mandelonitril und Mandelonitril-Glykoside (Laetrile, Amygdalin, "Vitamin B17 ") als bedenkliches Rezepturarzneimittel eingestuft [8].

Fazit

Zusammenfassend gibt es derzeit weder eine publizierte randomisierte klinische Studie noch einen in seriösen klinischen Studien belegten Nutzen von Amygdalin für die Behandlung einer Tumorerkrankung. Vielmehr hat sich Laetrile in den entsprechenden Untersuchungen des NCI als unwirksam erwiesen. Demgegenüber steht das Risiko möglicher Intoxikationen vor allem bei oraler Gabe. Von einer Therapie mit Laetrile ist daher auch weiterhin dringend abzuraten.

Dass Patienten mit einer unheilbaren Erkrankungssituation alle Möglichkeiten ausschöpfen möchten, ist verständlich. Oftmals bindet die verzweifelte Suche jedoch einen nicht unerheblichen Teil der verbleibenden Lebenszeit und meist auch finanzielle Mittel. Es ist für die Beratung von Patienten mit einer nicht mehr heilbaren Krebserkrankung wichtig, auch darauf hinzuweisen, dass selbst bei einer unheilbaren Erkrankungssituation oft noch eine längere Zeit bei guter Lebensqualität erreicht werden kann. Es wäre wünschenswert, solche Patienten möglichst frühzeitig in ein Palliativprogramm mit intensiver interdisziplinärer Betreuung, idealerweise auf einer Palliativstation aufzunehmen. Dort kann sehr individuell auf die Bedürfnisse und Wünsche des Patienten in dieser Lebensphase eingegangen werden. Eventuell kann ein entsprechender Kontakt für den Patienten vermittelt werden.


Antwort kurz gefasst


  • Die Bezeichnung Vitamin B17 ist irreführend.

  • Es gibt keinen Beleg für einen Nutzen von Amygdalin bzw. Laetrile in der Behandlung von Tumorerkrankungen.

  • Es besteht ein hohes Intoxikationsrisiko.

  • Von einer Behandlung mit Laetrile ist dringend abzuraten.



Literatur

[1] Milazzo S, Ernst E, Lejeune S, Boehm K, Horneber M. Latrile treatment for Cancer (Review) The Cochrane Collaboration 2011

[2] National Cancer Institute (www.cancer.gov): Laetrile/Amygdalin (PDQ®), Health Professional (Version 08/10/2012)

[3] Cancer Research UK (http://cancerhelp.cancerresearchuk.org): Laetrile (amygdalin, vitamin B17) (Version 13/02/2012)

[4] Moertel CG, Fleming TR, Rubin J et al. A clinincal trial of amygdalin (Laetrile) in the treatment of human cancer. N Engl J Med. 1982; 306:201 – 206

[5] Ames MM, Moyer TP, Kovach CG et al. Pharmacology of amygdalin (laetrile) in cancer patients. Cancer Chemother Pharmacol. 1981; 6(1):51 – 57

[6] www.fda.gov

[7] Bertsche T, Schulz M. Amygdalin – ein neues altes Krebsmittel? Pharmazeutische Zeitung 2003

[8] AMK "Bedenkliche Rezepturarzneimittel" (Stand: Februar 2011), Pharmazeutische Zeitung 2011 (April): 103 – 105

[9] Quackwatch (www.quackwatch.org) The Rise and Fall of Laetrile (Version 06/2012)

[10] Hübner J. Komplementäre Onkologie, 2. Auflage, Schattauer Verlag 2012

[11] Münstedt K. Komplementäre und alternative Krebstherapien, 3. Auflage, ecomed Medizin


Autorin

Dr. Ulrike König, Fachapothekerin für Arzneimittelinformation – Onkologische Pharmazie, Schwarzwald-Baar Klinikum Villingen-Schwenningen GmbH, Apotheke, Vöhrenbacherstr. 23, 78050 Villingen-Schwenningen



DAZ 2012, Nr. 46, S. 46