Aus Kammern und Verbänden

Vertrauen auf Lebensfähigkeit der Apotheke bleibt

Die erwartete Ablehnung der neuen Apothekenbetriebsordnung im Bundesrat, eine Minderheitenposition zur künftigen Apothekenhonorierung und differenzierte Aussagen zum Umgang mit Krankenkassen waren herausragende Aspekte im Bericht des Vorsitzenden Dr. Jörn Graue in der Mitgliederversammlung des Hamburger Apothekervereins am 5. Dezember.
Foto: DAZ/tmb
Dr. Jörn Graue Foto: DAZ/tmb

Graue erinnerte an die Bestimmung in § 78 AMG, nach der die Preise und Preisspannen den berechtigten Interessen der Apotheken Rechnung tragen müssen. Doch sah er diesbezüglich keinen Silberstreif am Horizont. Zugleich warnte Graue davor, Rabatte und Nebensortiment zur Disposition zu stellen, denn wer glaube ernsthaft, die Politik würde solche Verluste ausgleichen?

Patchwork-Verordnung

Der Entwurf zur neuen Apothekenbetriebsordnung sei "absolutes Patchwork unterschiedlicher Interessengruppen. Es ist in sich widersprüchlich, und zwar alle paar Seiten", so Graue. Unverständlich bleibe dabei auch die "Hast, die keine Fristverlängerung für eine breit angelegte Diskussion duldet". Die vorgesehenen Erleichterungen würden der Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzverbotes geradezu den Weg ebnen. Die Apotheker wollten entrümpeln, aber keine "Apotheke light" ohne Labor und Notdienst schaffen. Graue ging davon aus, dass die Novelle der Apothekenbetriebsordnung im Bundesrat scheitern werde. Die Abschaffung von Pick-up-Stellen sei nicht über die Apothekenbetriebsordnung, sondern über das Arzneimittelgesetz und das Apothekengesetz zu regeln. Doch auch bei den dort anstehenden Änderungen, müssten die Apotheker aufpassen, "dass keine neuen Trojaner eingeschleust werden", so Graue.

Graue sieht die Gefahr, dass das ABDA-KBV-Konzept "in der politischen Diskussion zerrieben" wird. Die Gegner würden sich geschickt positionieren, doch die Darstellung des Hausärzte-Vorsitzenden Weigelt gehe insbesondere in finanzieller Hinsicht völlig an der Realität vorbei. Mit 15 Euro pro Patient und Monat sei das Konzept kaum kostendeckend, zudem könnte der kostensenkende Effekt auch die Apotheken treffen. Denn "das millionenschwere ABDA-KBV-Konzept ist schließlich darauf angelegt, Multimedikation herunterzufahren", so Graue. Nach dem AMNOG sei es "für die Apotheke ausgeschlossen, weitere Aufgaben zu übernehmen, wenn diese nicht solide gegenfinanziert sind".

"Mit seinen gesundheitspolitischen Vorstößen gerät Bahr in der Realität des politischen Systems an jene Grenze, die unserem gesetzlichen Auftrag, eine umfassende Versorgung sicherzustellen, diametral widerspricht."

Dr. Jörn Graue

Dynamisierung – aber wie?

In den Fokus rücke jetzt endlich die Frage nach einer fairen Dyna misierung des Apothekenhonorars. Erstes Element des ABDA-Vorschlages ist eine automatische Dynamisierung des packungsbezogenen Fixhonorars in Abhängigkeit vom Bruttoinlandsprodukt, den Packungszahlen und der allgemeinen Kostenentwicklung. "Hamburg plädiert dagegen für eine Anhebung des variablen Zuschlags, was uns unabhängiger von steten, sicher vergeblichen Anpassungswünschen machen würde", so Graue. Hier räche sich, dass die altbewährte degressive Preisverordnung über Bord geworfen wurde, ohne einen Anpassungsmechanismus sicherzustellen. Weitere Elemente des ABDA-Vorschlags betreffen die Ver gütungen für Rezepturen und Betäubungsmittel sowie eine Notdienstpauschale.

Zur 2012 anstehenden Änderung des Großhandelshonorars verwies Graue auf vorläufige Berechnungen des NARZ, nach denen der Großhandel im direkten Spannenvergleich relativ zum Vorjahr sogar gewinnt. "Von ei ner Gesamtverschlechterung gegenüber dem Vorjahr kann deshalb keine Rede sein", erklärte Graue, der den Apothekern zu harten Verhandlungen riet.

"Das Ganze gemahnt an mittelalterliche Verhältnisse, wo Raubritter nach eigenem Gutdünken Wegezoll erhoben."

Dr. Jörn Graue über die Retaxationen einiger Betriebskrankenkassen

Beziehungen zu den Krankenkassen

Zum Vertragsgeschäft des Deutschen Apothekerverbandes berichtete Graue über die zunehmenden Wünsche von Primärkassen, insbesondere für Hilfsmittel bundesweite Verträge abzuschließen. Aus seiner Sicht sei dies an vier Grundvoraussetzungen gebunden:

  • Unter den Landesapothekerverbänden muss Einigkeit über gemeinsame Vertragsstrategien bestehen,

  • die besonders betroffenen Län der müssen am Verhandlungsgeschehen beteiligt werden,

  • der Umgang mit Minderheitsinteressen muss geklärt sein,

  • in Berlin muss eine erfahrene Verhandlungsmannschaft verfügbar sein.

Obwohl diese Voraussetzungen nicht erfüllt waren, habe der Deutsche Apothekerverband im Sommer mit einer Satzungsände rung eine weitgehende Vertragskompetenz für sich im Hilfsmittelbereich schaffen wollen. Der Hamburger Apothekerverein und andere Verbände hatten dieses Vorhaben jedoch von der Tagesordnung nehmen lassen.

Die Beziehung zu den Krankenkassen betrachtete Graue differenziert. Er lobte die AOK Rheinland-Hamburg ausdrücklich als "vernünftigen Verhandlungspartner, der sich wohltuend abhebt vom Gebahren manch anderer ‚kranker‘ Kassen", so Graue. Zugleich kritisierte er "das beispiellose Retaxgeschehen" der Protaxplus im Auftrag der Novitas BKK, die die Retaxbefugnis rechtsmissbräuchlich nutze. "Ich bin zuversichtlich, dass wir einen Großteil der zusammengeschusterten Retaxate als fehlerhaft zurückweisen können", erklärte Graue und zeigte sich entschlossen, dies auch gerichtlich klären zu lassen. Obwohl Graue über zahlreiche Probleme berichtete, gab er sich letztlich zuversichtlich: "Ich vertraue der Lebensfähigkeit der deutschen Apotheke, sie wird an ders werden, aber sie wird nicht im Bodenlosen verschwinden."

Gastredner in der Mitglieder versammlung war der frühere ABDA-Hauptgeschäftsführer Dr. Johannes Pieck. Er kritisierte den Entwurf der neuen Apothekenbetriebsordnung mit ähnlichem Tenor wie zuvor im Quedlinburger Kreis (siehe DAZ 45, S. 18).

"Politiker sehen ja bekanntlich ihre Aufgabe meist darin, möglichst viel Schaden anzurichten, damit es ihre Nachfolger umso schwerer haben."

Dr. Jörn Graue

Zusammenarbeit mit Schleswig-Holstein

Über die Arbeit der Geschäftsstelle berichtete erstmals der neue Geschäftsführer Dr. Thomas Friedrich, der bereits seit zwölf Jahren Geschäftsführer des Apothekerverbandes Schleswig-Holstein ist und nun für beide Verbände arbeitet. Die Zusammenarbeit zwischen beiden Verbänden soll nun intensiviert werden. Dazu verwies Friedrich insbesondere auf die Hilfsmittelstelle HilmA, die künftig auch Hamburger Apotheker nutzen können.


tmb



DAZ 2011, Nr. 50, S. 96

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