Medizin

Was steckt eigentlich hinter … Schlafstörungen?

Der Mensch verbringt ein Drittel seiner Lebenszeit mit Schlafen. Rund 30 Prozent der Bevölkerung kämpfen zumindest zeitweise mit Schlafstörungen, etwa fünf Millionen Deutsche müssen deswegen behandelt werden.

Der Schlafbedarf unterscheidet sich von Mensch zu Mensch: Zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr schläft die Mehrheit zwischen sechs und neun Stunden pro Tag. Zum Einschlafen brauchen manche weniger als fünf Minuten, andere dagegen bis zu einer halben Stunde.

Eine Schlafstörung liegt vor, wenn der Nachtschlaf nicht die nötige Erholung bringt. Der Betroffene fühlt sich tagsüber müde. Er ist gereizt, kann sich schlecht konzentrieren und reagiert oft empfindlich auf Genussmittel wie Coffein, Nicotin und Alkohol. Viele Betroffene verlieren jede Lebensfreude und entwickeln alle Zeichen einer Depression oder Angst-Erkrankung.

Um die Ursache für die Schlafstörung herauszufinden, ist zunächst nach Beginn, Art und Dauer der Beschwerden zu fragen und wie der Betroffene davon in seinem Alltag beeinträchtigt wird. Fragen nach den Gewohnheiten, der Einnahme von Medikamenten und Vorerkrankungen liefern weitere Erkenntnisse. Aufschlussreich ist die Frage, ob es Auslöser gibt wie berufliche oder private Konflikte, und ob die Schlafqualität in jüngster Zeit auch bei Ruhe beeinträchtigt ist.

Durch eine solche Befragung gelingt es in der Mehrzahl der Fälle, die Schlafstörung als primär bzw. sekundär einzuordnen, woraus sich auch die Therapie-optionen ergeben. Eine gesonderte Untersuchung im Schlaflabor (Polysomnographie) ist sehr aufwendig und in der Praxis nur selten erforderlich.

Sekundäre Schlafstörung

Sekundäre Schlafstörungen sind Folge einer Primärerkrankung, wobei sich die Erkrankung und die Schlafstörung sehr oft gegenseitig verstärken.

Psychiatrische Erkrankungen

zum Beispiel wirken sich fast immer auf die Schlafqualität aus: Der Patient kann nicht durch-schlafen, häufig fehlt ihm der Tiefschlaf und manche Patienten leiden unter Angstträumen. Chronische Schmerzen sorgen bei 70 Prozent der Betroffenen für eine schlechte Schlafqualität, die wiederum die Schmerzwahrnehmung verstärkt. Hier ist es unerlässlich, den Teufelskreis mit einer angemessenen Schmerztherapie zu durchbrechen.

Auch 75 Prozent aller Parkinson-Patienten klagen über Schlafstörungen, die im Verlauf der Krankheit zunehmen. Dabei kann sich sogar der Schlaf-Wach-Rhythmus umkehren. Die Schlafstörungen entstehen sowohl durch die Krankheit selbst als auch durch ihre Behandlung, besonders durch Levodopa.

Weniger bekannt ist, dass über die Hälfte aller Schlaganfallpatienten an Schlafstörungen leiden, z. B. in Form von Atemstörungen im Schlaf.

Schnarchen

Fast jeder Mensch schnarcht hin und wieder. Der Schlaf bleibt dabei meist ruhig und erholsam. Störend wirkt sich das Geräusch eher auf den Schlaf des Bettnachbarn aus. Wenn auf das Schnarchen häufig eine längere Atempause (Apnoe) folgt, kann es sich aber um das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom (OSAS) handeln. Zwei Prozent der Erwachsenen sind davon betroffen, meist übergewichtige Männer zwischen 40 und 65 Jahren. Dabei kollabieren beim Einatmen im Schlaf immer wieder die Rachenwände, weil deren Muskulatur entspannt ist. Durch die folgende Atempause bekommt das Gehirn zu wenig Sauerstoff. Die Hypoxie erzeugt einen Weckreiz, wodurch der Schlafende kurz aufschreckt und Luft holt. Meist wacht er zwar nicht richtig auf, aber die Schlafqualität verschlechtert sich erheblich. Abnehmen verbessert ein OSAS oder beseitigt es sogar völlig. Auslösende Faktoren wie Alkohol, Nicotin, Schlafmittel oder Bewegungsmangel sollte der Patient meiden. Bleibt der Erfolg aus, muss der Betroffene nachts eine Nasenmaske tragen. Sie sorgt für einen geringen Luftüberdruck, der das Zusammenfallen der Rachenwände verhindert.

Primäre Schlafstörung

Wenn keine andere Erkrankung nachweisbar ist, liegt eine primäre Schlafstörung vor. Erste Hilfe bieten die Regeln der Schlafhygiene:

regelmäßige Schlafzeiten einhalten und Einschlafrituale nutzen,

das Abendessen früher einnehmen und dabei Coffein und Alkohol meiden,

Stressursachen abbauen und Konflikte lösen (in der Familie wie im Job),

Matratze und Bettzeug inklusive Kissen optimieren,

bei schnarchendem Partner getrennt schlafen.

Ist damit keine Verbesserung zu erreichen, ist der nächste Schritt eine Verhaltenstherapie. Dadurch lernt der Patient unter professioneller Anleitung, wie er schlafstörendes Verhalten ausschalten und schlafförderndes einüben kann.

Alle diese Maßnahmen wirken erst mittelfristig. Als Soforthilfe verlangen und erhalten über ein Drittel der Betroffenen deshalb Hypnotika. Sie sind hilfreich, wenn eine kurzfristige Ausnahmesituation wie eine anstehende Operation oder ein Todesfall die Schlafstörung verursacht.

Die Anwendung sollte auf zwei Wochen begrenzt werden: Denn Schlafmittel führen zu Gewöhnung und psychischer Abhängigkeit. Kritisch sind besonders die ersten Nächte nach dem Absetzen, da es dann sehr häufig zu Albträumen, Angstzuständen und verschlimmerter Schlaflosigkeit (Rebound) kommt. Ob die neueren Benzodiazepin-Agonisten wie Zopiclon und Zolpidem hier Vorteile bieten, ist zweifelhaft. Um eine dauerhafte Verbesserung der Schlafqualität zu erreichen, sollte der Patient daher dazu ermutigt werden, deren Ursachen zu beseitigen.

Quellen

A. S. Fauci et al.: Harrisons Innere Medizin, ABW, Berlin, 17. Aufl. 2009

A. Schäffler (Hrsg.): Gesundheit heute, Knaur, München. 2. Aufl. 2009

A. Sturm und W. Zidek (Hrsg.): Checkliste XXL Differenzialdiagnose Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2003.

Autor

Dr. med Arne Schäffler & Kollegen, Augsburg; www.schaeffler.cc
Beschwerdebild
Was steckt dahinter?
Müdigkeit und Abgeschlagenheit bei Schlafmangel oder -störungen

Konzentrationsschwierigkeiten
Schlafdefizit

primäre Schlafstörung

depressive Verstimmung und
Depression
Müdigkeit und Antriebslosigkeit in oder vor belastenden Situationen

Oft Konzentrations- und/oder
Gedächtnisstörungen

Evtl. körperliche Beschwerden wie
Kopf- oder Magenschmerzen
Psychische Abwehr- und Schutzreaktionen

Depressive Verstimmung

Larvierte (versteckte) Depression

Depressive Persönlichkeitsstörung
Tagesmüdigkeit und Sekundenschlaf bei nächtlichem Schnarchen mit längeren Atempausen

Nächtliches Schwitzen

Nicht erholsamer Nachtschlaf

Konzentrationsstörungen

oft depressive Verstimmung
Schlafapnoe-Syndrom
Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom
(OSAS)

zentrales Schlafapnoe-Syndrom
Müdigkeit und Abgeschlagenheit bei Wetterumschwung (z. B. Föhn)
Wetterfühligkeit

Migräne mit Aura
Wiederholte Schlafanfälle unterschiedlicher Länge

wiederholte, kurzfristige Lähmungen,
v. a. in affektgeladenen Situationen

Unterbrochener, nicht erholsamer
Nachtschlaf mit häufigen Albträumen
Narkolepsie

Dissoziative Störung
Ausgeprägte Tagesschläfrigkeit,
v. a. in reizarmen Situationen
Verlängerter Nachtschlaf

Beginn meist im Jugendalter
Primäre Schlafsucht (Hypersomnie)
Apathie und/oder abnorme
Ermüdbarkeit mit zunehmenden
Gedächtnisstörungen
Demenz, z. B. Alzheimer

Chorea Huntington

Gehirntumoren

Abhängigkeit von Alkohol, Drogen,
Medikamenten
Anhaltende Müdigkeit mit Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit und Schlafstörungen
Depressive Verstimmung

Depression

Nach Absetzen von Hypnotika
Tiefsitzende Erschöpfung mit dem
Gefühl, "ausgebrannt" zu sein

Leistungsschwäche

Antriebslosigkeit

Kritische, zynische oder abweisende Einstellung gegenüber der eigenen Arbeit
Burnout-Syndrom

Depressive Verstimmung

reaktive Depression

larvierte Depression

häufig bei zugrunde liegender zwanghafter Persönlichkeitsstörung
Ständiges Gefühl der Erschöpfung über mindestens 6 Monate ohne Besserung durch Entspannung

Oft Konzentrations- und Gedächtnisstörungen

Oft Hals-, Kopf-, Muskel- und/oder
Gelenkschmerzen
Chronique Fatigue Syndrome (CFS)

Depressive Verstimmung

larvierte Depression
Abgeschlagenheit und verminderte Leistungsfähigkeit mit Fieber, Nachtschweiß und Gewichtsverlust
Chronische Infektion

Plasmozytom, Leukämie,
Maligne Lymphome, anderer Tumor

Rheumatische Erkrankungen,
z. B. Rheumatoide Arthritis
Müdigkeit oder Benommenheit bei oder nach Medikamenteneinnahme

Konzentrations- und Gedächtnisstörungen

Evtl. Schwindel

Evtl. depressive Verstimmung
Nebenwirkung von Medikamenten
(bei Einnahme, Dosisänderung und/oder nach dem Absetzen)
Sedativa, Hypnotika

Opioide

Antihistaminika, Antiemetika

Antidepressiva, Neuroleptika

Antihypertonika

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