Interpharm 2009

Das kann ins Auge gehen

Opthalmika sollen zwar nur lokal am Auge wirken, können aber auch systemisch oder am anderen Auge unerwünschte Arzneimittelwirkungen hervorrufen. Andererseits können systemisch eingesetzte Arzneistoffe, die eigentlich ganz andere Mechanismen im Organismus anvisieren, auch "ins Auge gehen" und dort unerwünschte Arzneimittelwirkungen hervorrufen, wie Prof. Dr. Lutz Hein, Freiburg, erläuterte.

Der Grau Star zählt zu den häufigsten Augenerkrankungen, die bei Älteren zu einer starken Sehbehinderung führen können. Die genaue Ursache der Kataraktentwicklung ist meist unbekannt. Die Trübung der Linse kann auch durch Arzneistoffe ausgelöst werden. Bekannt ist diese unerwünschte Arzneimittelwirkung von Glucocorticoiden, wobei es keine Rolle spielt, ob sie inhalativ, lokal oder peroral angewendet werden. Vor allem Rheumapatienten, die eine hochdosierte Glucocorticoidtherapie bekommen oder Asthmatiker, die ein Glucocorticoidspray regelmäßig anwenden, sollten auf die Möglichkeit einer Linsentrübung hingewiesen werden. Bei Asthmasprays sollte die korrekte Anwendung geübt werden, so dass möglichst keine große "Nebelwolke" bei der Inhalation produziert wird. Diese "Glucocorticoidwolke" allein kann aber kein Katarakt auslösen. Entscheidend ist die kumulative Corticoiddosis über die Zeit: in einer Studie lag sie unter 1000 mg und das Risiko war 2,5-fach erhöht, lag die nach Applikation inhalativer Corticoide aufgenommene Dosis allerdings über 2000 mg, so war die Katarakt-Häufigkeit 5,5-fach erhöht. Die Linsentrübung ist nicht reversibel, daher hilft es auch nichts, die Glucocorticoide abzusetzen. Abhilfe schafft nur die Katarakt-OP, bei der eine Kunstlinse eingesetzt wird.

Arzneimittel-induzierte Glaukome

Der intraokuläre Druck beträgt normalerweise 15 mmHg. Durch eine Abflussblockade des Kammerwassers kann er jedoch plötzlich auf ein Mehrfaches ansteigen. Die Folge kann ein akuter Glaukomanfall sein. Ist der Kammerwinkel verschlossen, so spricht man von einem Winkelblockglaukom. Als Symptome treten ein einseitig rotes Auge, weite, reaktionslose Pupille, Schmerzen, Übelkeit oder verschwommenes Sehen auf. Das Winkelblockglaukom gilt als augenärztlicher Notfall! Ausgelöst werden kann ein Glaukomanfall u. a. auch durch Arzneimittel wie

  • Adrenozeptor-Agonisten: Adrenalin, Ephedrin, Amphetamin oder Cocain,
  • Anticholinergika: Atropin, Ipratropium, Tropicamid
  • Cholinergika: Pilocarpin
  • Antidepressiva: tri- und tetrazyklische, SSRI, Venlafaxin
  • H1 /H2 -Antihistaminika

Die häufigste Glaukomform ist das Offenwinkelglaukom, bei dem es durch eine Abflussbehinderung direkt im Abflussbereich des Augenwinkels über Jahre hinweg zu einer Erhöhung des Druck im Augeninnern kommt. Da keine Beschwerden verspürt werden, kommt es unbemerkt zur Schädigung des Sehnerven. Auslöser können Glucocorticoide sein, da es unter der Therapie zu Ablagerung von Extrazellulärmatrix im Kammerwinkel kommt. Etwa 5% aller Menschen reagieren auf lokal applizierte Corticoide mit einer Erhöhung des Augeninnendrucks, 90% aller Patienten mit Offenwinkelglaukom! Wochen nach Therapiebeginn kommt es zu einer Erstmanifestation. Nach einer Zweitexposition steigt der Augeninnendruck innerhalb von Tagen an. Dieses sogenannte sekundäre Glaukom ist aber reversibel, sodass als erste Maßnahme das Corticoid abgesetzt werden muss.

Intraoperatives Floppy-Iris-Syndrom

Das Intraoperative Floppy-Iris-Syndrom (IFIS) ist ein Symptomkomplex, der mit einem erhöhten Risiko für Komplikationen während einer Kataraktoperation einhergeht. Es besteht die Gefahr eines Makulaödems und der Schädigung der Iris bei der OP. Ursächlich hierfür ist vermutlich die Wirkung selektiver alpha1A -Adrenozeptorantagonisten (Tamsulosin), die in der Behandlung der benignen Prostatahyperplasie eingesetzt werden. Ein Absetzen der Medikation im Vorfeld der Operation hat keinen Effekt, da durch den Adrenozeptorantagonisten die Konsistenz der Iris schon verändert ist. Darum sollte im Vorfeld der Augenarzt informiert werden, damit er bei einer Operation entsprechende Vorbereitungen treffen kann. Er wird dann intraoperativ Adrenalin verabreichen, das zu einer Pupillendilatation führt, so dass die Iris nicht beschädigt werden kann.

Arzneimittel-induzierte Lipidose

Bei einer Lipidose bilden Arzneistoffe mit polaren Lipiden Komplexe, die in den Organen abgelagert werden, z. B. auch in der Retina in verschiedenen Netzhautarealen. Diese Corneopathie durch Lipidspeicherung kann induziert werden durch

  • Antiarrhythmika: Amiodaron
  • Antidepressiva: Imipramin, Zimelidin, Amitriptylin, Mianserin, Maprotilin
  • Neuroleptika: Clozapin, Chlorpromazin
  • Antimalaria-Mittel: Chloroquin, Quinacrin
  • Antiöstrogene: Tamoxifen

Die Diagnose kann der Augenarzt in der Spaltlampenuntersuchung stellen, Hinweise sind eine erhöhte Blendempfindlichkeit oder Sehen von Lichteffekten um Lichtquellen. Ein Absetzen der Medikation ist in der Regel nicht erforderlich, da eine Lipidose reversibel ist.

Retinopathie, Optikusneuritis und Keratitis

Veränderungen an der Netzhaut können neben Erkrankungen wie Diabetes oder Hypertonie auch durch Arzneistoffe ausgelöst werden. Dazu gehört z. B. Chloroquin, das in der Malaria-Prophylaxe und der Basistherapie bei Rheuma angewendet wird. Hier muss die Medikation abgesetzt und therapeutische Alternative gesucht werden. Gleiches gilt für eine Optikusneuritis, eine Entzündung des Sehnerven. Unter Verdacht, diese auszulösen, stehen z. B. Amiodaron, Ethambutol, Isoniazid, Ciclosporin. Eine Optikusneuritis ist zwar sehr selten, da aber die Gefahr einer permanenten Schädigung des Sehnerven besteht, muss die Medikation abgesetzt werden. Eine Entzündung der Hornhaut (Keratitis) kann durch chemische oder mechanische Reize oder infolge einer Bindehautentzündung oder einer Entzündung des Tränensackes entstehen. Vor allem das Konservierungsmittel Benzalkoniumchlorid gilt als Auslöser lokaler Reizungen, die zu einer Keratitis führen können. Daher sollten nach Möglichkeit alle Augentropfen ohne Konservierungsmittel angewendet werden, vor allem bei trockenem Auge.

ck

Applikation am Auge Werden Arzneistoffe mittels wässriger Augentropfen verabreicht, so werden sie durch den reflexartig erhöhten Tränenfluss sehr schnell entfernt. Zusätzlich stellen Konjunktiva und Cornea wirksame Diffusionsbarrieren dar.
Okuläre Nebenwirkungen von Arzneimitteln

0 Kommentare

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.