Stillberatung

Muttermilch – natürlich gesund (Serie)

K. Muß / In der Schwangerschaft werden Frauen rund herum optimal betreut. Frauenarzt, Hebamme, Geburtsvorbereiterin oder die Geburtsklinik stellen dazu ein wichtiges Netzwerk dar. Für stillende Frauen ist ein vergleichbares Netzwerk erst im Aufbau. Die Apotheke kann ein wichtiger Partner im Netzwerk rund um die Schwangerschaft, Still- und Babyzeit werden. Schwangere und junge Mütter verlangen nach einer kompetenten Beratung Ų wir möchten Ihnen mit unserer Serie "Stillberatung" dazu das nötige Fachwissen an die Hand geben.

Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt die Kostendeckung der Hebammenbetreuung in den ersten zehn Tagen nach der Geburt, im Anschluss nur begrenzt bei auftretenden Problemen. Die Beratung beim Kinder- oder Frauenarzt ist nicht nur für gesetzlich versicherte Frauen oft dürftig. Manche Mütter nehmen das Angebot von Stillgruppen an, um weitere Informationen rund um das erste Babyjahr zu erhalten. Häufig wenden sich die Frauen auch an die Apotheke und erwarten dort kompetente Beratung. Im Mittelpunkt stehen hier neben Fragen zu Arzneimitteln in Schwangerschaft, Stillzeit oder für das Kind, auch der Wunsch nach eingehender Beratung bei der Anwendung von Stillhilfsmitteln oder Milchpumpen. Hebammen, Still- und Laktationsberaterinnen IBCLC (International Board Certified Lactation Consultant), Stillberaterinnen und Kinderärzte begrüßen es sehr, mit einer kompetenten Apotheke zusammenarbeiten zu können.

Voraussetzung ist ein entsprechendes Fachwissen sowie das Weiterleiten an Spezialisten bei besonderen Problemen (z. B. bei Mastitis) oder Situationen wie beispielsweise das Stillen von Zwillingen.

Bedeutung der Muttermilchernährung

Muttermilch deckt ernährungsphysiologisch alle Bedürfnisse ab: Sie ist leicht verdaulich, optimal bioverfügbar, passt sich in der Zusammensetzung ständig den Bedürfnissen des Säuglings an. Muttermilch ist immer frisch, hygienisch, gleich in der Temperatur und stets griffbereit – auch unterwegs. Sie bietet dem Säugling eine bestmögliche Gesundheitsprophylaxe. Insbesondere durch die enthaltenen Antikörper, so bestätigten zahlreiche Studien, erkranken gestillte Säuglinge wesentlich seltener an Mittelohrentzündungen, Infektionen des Magen-Darm-Traktes, der Atemwege, der Harnwege, Meningitis und anderen Infektionen. Muttermilch ist gleichzeitig am Aufbau des kindlichen Immunsystems beteiligt und unterstützt durch Wachstumsfaktoren die Entwicklung des Babys. Sie reduziert die Sterblichkeit an plötzlichem Kindstod um ein Drittel sowie das Risiko bei Frühgeborenen an nekrotisierender Enterokolitis zu erkranken. Neuere Studien belegen sogar eine prophylaktische Wirkung vor chronischen Krankheiten wie Adipositas, Diabetes mellitus, kardiovaskulären Erkrankungen, Hypertonie, Autoimmunerkrankungen wie Morbus Crohn, Krebserkrankungen. Weiterhin fördert Muttermilch sowohl die intellektuelle, als auch die motorische Entwicklung der Säuglinge.

Stillen beeinflusst auch die Gesundheit der Mutter positiv: Rasches Anlegen nach der Geburt unterstützt die Ausstoßung der Plazenta und fördert postpartum die Rückbildung der Gebärmutter. Weiterhin verzögert Stillen das Wiedereinsetzen der Menstruation und schont dadurch die Eisenreserven der Mutter, zudem wird das Risiko an Brust-, Eierstock- oder Gebärmutterhalskrebs, Multipler Sklerose oder an Osteoporose zu erkranken reduziert. Stillende Mütter erreichen ihr Ausgangsgewicht leichter wieder. Die Erfahrung zeigt auch, dass sie rascher eine tiefe Bindung zu ihrem Kind aufbauen und Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten im Umgang mit dem Baby entwickeln.

Diese Fakten sprechen für sich und trotzdem hat Deutschland niedrige Stillquoten, insbesondere Weiterstillquoten, zu verzeichnen. Allzu leichtfertig wird noch umgestellt auf künstliche Säuglingsnahrung. Eine bessere Aufklärung und Unterstützung der Mütter trägt zu einer höheren Stillrate und letztendlich zur Verbesserung unserer Stillkultur bei!

Anatomische und physiologische Grundlagen der Laktation

Um die komplexen Zusammenhänge der Milchsynthese und des Stillens verstehen zu können, sind Kenntnisse über den Aufbau der Brust sowie über die physiologischen Vorgänge notwendig.

Die Brust besteht aus Drüsengewebe, umgeben von Fettgewebe. Der Brustmuskel (Musculus pectoralis major) befindet sich hinter dem Brustgewebe.

Bindegewebsbahnen (Coopersche Ligamente) durchziehen die Brust. Das Drüsengewebe einer Brust baut sich aus kreisförmig angeordneten Drüsenlappen (Lobi) auf.

Vergleichbar mit einer Traubenrispe verzweigen sie sich in kleinere Drüsenläppchen (Lobuli). Die Milchgänge (Ducti) stellen dabei die Verbindungsgänge zwischen den einzelnen Lobuli und Lobi dar. Die Endverzweigung eines Ductus setzt sich aus vielen Endsprossen (Azini) zusammen. In der Schwangerschaft vergrößern sich die Azini stark. Ihre maximale Größe erreichen sie mit Beginn der Milchbildung, dann bezeichnet man sie als Milchbläschen (Alveolen). Die Alveolen werden von kleinsten Lymph- und Blutgefäßen umgeben.

Aus den Blutbestandteilen wird Muttermilch in diesen Zellen synthetisiert. Damit die gebildete Milch zur Mamille gelangen kann, sind die Milchbläschen mit glatten Muskelfasern (Myoepithelialzellen) umhüllt. Diese reagieren auf hormonelle Reize mit Kontraktion und drücken die Milch in die Milchgänge. Das Saugen des Babys bewirkt also nicht allein den Milchfluss. Vor ihrer Mündung in die Mamille vereinigen sich die Ducti zu etwa sechs bis acht Ausführungsgängen.

Im oberen äußeren Quadranten bis hin zur Axilla befindet sich am meisten Drüsengewebe. Der gesamte Drüsengewebeanteil in der Brust ist altersabhängig: Junge Frauen enthalten mehr als ältere.

Schutz und Halt

Bindegewebe verleiht der Brust ihre Festigkeit. Jedes Lobuli wird von einem Bindegewebsmantel umhüllt, aber auch zwischen den einzelnen Lobi und um das gesamte Drüsengewebe verlaufen Bindegewebsstränge, ausgehend vom Musculus pectoralis major bis hin zum Unterhautgewebe. Das Bindegewebe übernimmt also die Stützfunktion für die Brust. Fettgewebe bildet eine schützende Hülle um das Brustdrüsengewebe und dem Bindegewebsmantel. Außerdem ist es verantwortlich für die Größe und die Form der Brust. Das bedeutet, je kleiner die Brust, desto weniger Fett befindet sich in den Zwischenräumen. Die Größe der Brust lässt daher keine Rückschlüsse auf die Stillfähigkeit zu. Nur wenige Frauen verfügen über ein zu geringes Brustdrüsengewebe und können aufgrund dessen nur eingeschränkt oder gar nicht stillen.

Form und Größe des Warzenhofes (Areola) variieren von Frau zu Frau. Rund um den Warzenhof befinden sich kleine Wölbungen, die Montgomery-Drüsen. Es handelt sich dabei um spezielle Talgdrüsen, die ein fettendes, antibakterielles Sekret absondern und die Areola vor Austrocknung schützt. Die Areola enthält Schweißdrüsen und Haarfollikel, zudem enden hier viele Nervenfasern. Während der Schwangerschaft nehmen die Montgomery-Drüsen leicht an Größe zu, die Areola wird dunkler.

Die Brustwarzen (Mamillen) können verschieden geformt sein, von rund über flach bis zylinderförmig und unterscheiden sich auch in der Größe. Die Mamillen sind von vielen kleinen Muskelfasern umgeben, die von Nervenenden durchsetzt sind. Werden die Brustwarzen durch Kälte, sexuelle Reize oder durch Stillen stimuliert, zieht sich die Muskulatur zusammen und richtet die Mamille auf. Dadurch kann sie das Baby beim Stillen mit dem Mund leichter erfassen.

Hormonelle Vorgänge in der Schwangerschaft

In der Schwangerschaft beginnt das Wachstum der Milchgänge, Drüsenlappen und der Milchbläschen unter dem Einfluss der Plazentahormone Östrogen und Progesteron, sowie dem Hypophysenhormon Prolaktin. Das nun größere Drüsengewebe verdrängt das umliegende Fett- und Bindegewebe. Die Brust fühlt sich dadurch schwerer an und spannt etwas. Dies macht sich ab ca. der 5. Schwangerschaftswoche bemerkbar. Die Brustwarzen werden empfindlicher. Die Venen treten durch vermehrte Durchblutung deutlicher hervor. Auch die Pigmentierung des Warzenhofes verstärkt sich, er wird bräunlicher und dadurch besser erkennbar für das Baby. Die Montgomery-Drüsen treten während der Schwangerschaft etwas hervor und auf den Mamillen bildet sich eine dünne Schicht Hornhaut.

Prolactin und humanes Plazentalaktogen bewirken eine Ausdifferenzierung der Drüsenzellen in den Alveolen zur Milchbildung (Phase der Laktogenese). Das humane Plazentalaktogen ist zusätzlich für die Bildung der vielen Prolactinrezeptoren verantwortlich, die es gleichzeitig besetzt hält. Dadurch verhindert es, dass das weitaus aktivere Prolactin die Milchproduktion auslöst.

Progesteron ist ebenfalls Gegenspieler (Antagonist) von Prolaktin. Dies bedeutet im Umkehrschluss, wenn die Plazenta geboren wurde, fallen die beiden Antagonisten rasch in ihrer Plasmakonzentration ab. Die Rezeptoren liegen frei für die Besetzung mit Milchbildungshormon Prolaktin, das nun seine volle Wirkung entfalten kann. Damit nun so viele Rezeptoren wie möglich besetzt werden können, ist im Plasma eine entsprechend hohe Prolactinkonzentration nötig. Durch das Saugen des Babys werden sensible Nerven in der Mamille und Areola gereizt. Diese Impulse werden über afferente Nervenbahnen zum Hypothalamus in das ZNS geleitet und bewirken in der Hypophyse die Sekretion von Milchbildungshormon Prolactin und Milchspendereflexhormon Oxytocin. Häufiges Anlegen während der ersten Tage – auch nachts – ist erforderlich, um hohe Prolactinplasmakonzentrationen zu gewährleisten. Je mehr Rezeptoren nun mit Prolactin besetzt werden können, desto besser kommt die Milchbildung in Gang. Dieser Prozess dauert zwei bis drei Tage bis zur vollen Wirksamkeit, was auch durch den Milcheinschuss erkennbar wird. Währenddessen bilden die Alveolarzellen Kolostrum, die "Neugeborenenmilch", die in den ersten fünf bis sieben Tagen gebildet wird und die mit ihrem hohen Eiweiß- und niedrigen Fettgehalt außerordentlich energiereich ist.

Die Milchproduktion wird zu Beginn hormonell gesteuert. Nach etwa drei Wochen erfolgt die Milchbildung nach Angebot und Nachfrage: Je häufiger ein Baby gestillt wird, desto mehr Milch steht für seine nächste Mahlzeit zur Verfügung.

Saugen an der Brust bewirkt auch die Sekretion von Oxytocin. Erfolgsorgan von Oxytocin ist die Alveole. Sie ist umgeben von feinen Muskelfaserzellen (Myoepithelzellen), die sich durch das Hormon kontrahieren und die im Lumen der Zelle gebildete Milch in die terminalen Milchgänge presst. Auf diese Weise wird der Milchflussreflex ausgelöst. Der Oxytocin-Antagonist Adrenalin wird im Nebennierenmark gebildet. Es verhindert im Zentralnervensystem die Ausschüttung von Oxytocin und somit auch die Kontraktion der glatten Muskulatur der Myoepithelzellen und die Oxytocinwirkung am Zielorgan. Solch eine Adrenalinwirkung zeigt sich in Stresssituationen, wie sie bei Schmerzen z. B. bei wunden Mamillen, Angst, Überforderung, An- und Verspannung auftreten können.

Bei Wöchnerinnen, die nicht stillen können oder wollen, fällt der Prolaktinplasmaspiegel auf Werte nicht stillender Frauen. Innerhalb von zwei Wochen bildet sich das durch die Schwangerschaftshormone vergrößerte Brustdrüsengewebe wieder zurück.

In der Schwangerschaft werden Frauen rund herum optimal betreut. Aber auch junge Mütter verlangen nach einer kompetenten Beratung – wir möchten Ihnen mit unserer Serie "Stillberatung" dazu das nötige Fachwissen rund um die Still- und Babyzeit an die Hand geben. Muttermilch deckt ernährungsphysiologisch alle Bedürfnisse des Säuglings ab: Sie ist leicht verdaulich und passt sich in der Zusammensetzung ständig den Bedürfnissen an. Stillen beeinflusst aber auch die Gesundheit der Mutter positiv: Im ersten Teil unserer Serie geht es um die Veränderungen im Körper der Mutter, um hormonelle Veränderungen und um die anatomischen und physiologischen Grundlagen der Laktation.

Literatur

Das beste für Mutter und Kind

Natürlich, praktisch, selbstverständlich: Stillen kann doch jede, oder? Doch die Erfahrung lehrt, Probleme zeigen sich auf unterschiedlichsten Ebenen. Nach einer intensiven Begleitung in der Schwangerschaft, finden sich Mütter in der Stillzeit oft allein mit ihren Fragen. Dabei ist Stillen ideal für Mutter und Kind. Und: Eine gut informierte Mutter stillt ihr Kind länger!

Dieses Buch begleitet zu Themen wie:

  • Stillen: Förderung von Anfang an!
  • Stillprobleme: Ursachen erkennen und beseitigen!
  • Hilfsmittel: Richtig angewandt unterstützen sie Mutter und Kind!
  • Erkrankungen: Was tun, wenn doch mal ein Arzneimittel nötig ist?

Ob Arzt, Hebamme, Stillberatung oder Apotheke: Knüpfen Sie an Ihrem Teil des Netzes, um Mutter und Kind aufzufangen.

Karin Muß Stillberatung und Stillförderung 2005. XVI, 287 S., 40 s/w Abb., 6 farb. Abb., 5 s/w Tab. Kartoniert. 37 Euro. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH ISBN 3-8047-2104-4

Dieses Buch können Sie einfach und schnell bestellen unter der Postadresse: Deutscher Apotheker Verlag Postfach 101061 70009 Stuttgart oder im Internet unter: www.dav-buchhandlung.de oder per Telefon unter: (0711) 25 82-3 41 oder -3 42