Arzneimittel und Therapie

Mit Statinen das Darmkrebsrisiko halbieren?

Statine können möglicherweise mehr als nur Lipide senken. In einer retrospektiven Fall-Kontroll-Studie in Nordisrael sank bei Menschen, die mindestens fünf Jahre lang ein Statin eingenommen hatten, das Risiko für ein Kolorektalkarzinom auf die Hälfte. Noch ist es aber zu früh, um Statine zum Schutz vor Darmkrebs zu empfehlen.

Kolorektalkarzinome entwickeln sich typischerweise in einem Zeitraum von zehn bis 20 Jahren – viel Zeit, um sie zu entdecken und chirurgisch/medikamentös anzugehen. Trotz wirksamer Screening- und Operationsmethoden gab es aber im Jahr 2002 weltweit über eine Million Darmkrebskranke, und etwa eine halbe Million Patienten starben daran.

Chemoprävention – Krebs verhindern

In den letzten Jahren wurde intensiv nach chemopräventiven Wirkstoffen gesucht, also Substanzen, die die Entstehung einer Krebserkrankung verhindern könnten. Kandidaten für die Prävention von Darmkrebs sind beispielsweise Acetylsalicylsäure und andere nicht-steroidale Antiphlogistika (NSAR), deren breite Anwendung aber aufgrund ihrer Toxizität problematisch ist. Ein anderer Kandidat sind die bisher als Lipidsenker eingesetzten Statine. Sie hemmen die 3-Hydroxy-3-methylglutaryl-CoenzymA(HMG-CoA)-Reduktase, die an der Cholesterinsynthese und der Wachstumskontrolle beteiligt ist.

Warum Statine?

Folgende Tatsachen sprechen für eine Eignung der Statine zum Schutz von Kolorektalkarzinomen:

  • Die HMG-CoA-Reduktase wird in Darmkrebszellen vermehrt gebildet.
  • Statine hemmen in vitro das Wachstum von Kolonkarzinom-Zelllinien.

Randomisierte Studien zu Statinen beschäftigten sich in erster Linie mit kardiovaskulären und Sicherheits-Endpunkten. Studien, die zusätzlich die Krebsinzidenz erfassten, ergaben mal mehr, mal weniger Krebsfälle im Zusammenhang mit dem Lipidsenker.

Bevölkerungsbasierte Fall-Kontroll-Studie

In einer retrospektiven Fall-Kontroll-Studie in Nordisrael wurde der Zusammenhang zwischen einer Statin-Einnahme und dem Risiko, an Kolorektalkarzinomen zu erkranken, untersucht. Erfasst wurden Patienten, die zwischen 1998 und 2004 die Diagnose Kolorektalkarzinom erhalten hatten, sowie Kontrollpersonen, die hinsichtlich Alter, Geschlecht, Klinik und ethnischer Abstammung mit den Patienten vergleichbar waren. Alle Teilnehmer wurden in einem strukturierten Interview unter anderem zur Einnahme von Statinen gefragt. In einer Untergruppe wurden die Angaben der Teilnehmer anhand der ärztlichen Verordnung von Statinen überprüft.

Senken Statine das Darmkrebsrisiko?

Die Analyse erfasste 1953 Patienten mit einem Kolorektalkarzinom sowie 2015 Kontrollen, davon bildeten je 1651 zusammenpassende Paare. Das Durchschnittsalter betrug 70 Jahre. Frauen machten knapp die Hälfte der Teilnehmer aus.

11,6% der Kontrollpersonen, aber nur 6,1% der Darmkrebspatienten berichteten, mindestens fünf Jahre lang ein Statin eingenommen zu haben. Das Risiko eines Kolorektalkarzinoms war also bei langjähriger Statin-Einnahme im Vergleich zur Nichteinnahme um die Hälfte verringert.

Dieser Zusammenhang blieb bestehen, wenn andere Einflussfaktoren berücksichtigt wurden:

  • Einnahme von Acetylsalicylsäure oder anderen NSAR,
  • körperliche Aktivität,
  • Hypercholesterinämie,
  • positive Familienanamnese für Darmkrebs (mindestens ein Verwandter ersten Grades betroffen),
  • ethnische Zugehörigkeit (Ashkenazi-Juden haben ein erhöhtes Risiko für Kolorektalkarzinome),
  • Gemüseverzehr.

 

Vermutlich ein Klasseneffekt der Statine

Simvastatin (Denan®, Zocor®) und Pravastatin (z. B. Pravasin®) waren die beiden am häufigsten eingenommenen Statine. Sie machten 97% der verwendeten Statine aus. Beide senkten das Risiko für Kolorektalkarzinome vergleichbar stark.

Der Zusammenhang scheint eine spezifische Wirkung der Statine zu sein. Für Fibrate, eine andere lipidsenkende Arzneistoffklasse, konnte kein signifikanter Zusammenhang zum Kolorektalkarzinom-Risiko gezeigt werden (Odds-Ratio 1,08). Allerdings hatten nur 21 Patienten und 20 Kontrollpersonen, also weniger als 1%, ein Fibrat (Bezafibrat) eingenommen, was nicht ausgereicht hätte, um leichte Effekte aufzudecken.

Die protektive Wirkung der Statine bestand sowohl für Kolon- als auch für Rektumkarzinome. Auch Patienten mit erhöhtem Darmkrebsrisiko (z. B. positive Familienanamnese oder entzündliche Darmerkrankung) profitierten von der Statin-Einnahme.

Es gab keinen Hinweis auf eine Wechselwirkung zwischen Statinen und Acetylsalicylsäure/NSAR hinsichtlich des Darmkrebsrisikos.

In einer Untergruppe von Patienten und Kontrollen wurde die Einnahme der Statine überprüft. Bei 276 von 286 Teilnehmern (96,5%), die eine regelmäßige Statin-Einnahme meldeten, konnte diese anhand der ärztlichen Verordnungen bestätigt werden. Die Angaben der Teilnehmer waren also weitgehend verlässlich.

Und der Nutzen?

Demnach hatten Personen, die wegen einer Hypercholesterinämie fünf Jahre oder länger ein Statin einnahmen ein um 47% verringertes relatives Risiko für ein Kolorektalkarzinom. Die absolute Risikoreduktion ist aber wahrscheinlich gering: In der durchschnittlichen israelischen Bevölkerung müssten 4814 Menschen mit Statinen behandelt werden, um einen einzigen Darmkrebsfall zu verhindern, in einer Hochrisikogruppe (zum Beispiel mit einem Darmkrebspatienten in der nahen Verwandtschaft) immerhin noch die Hälfte.

Reicht die Evidenz?

Die Beweislage für die chemopräventive Wirksamkeit von Statinen genügt noch nicht. Eine andere Beobachtungsstudie – eine Analyse der Datenbank britischer Hausarztpraxen (General Practice Research Database) mit 3244 Patienten – hatte einen Anstieg des Risikos für Kolon- und Rektumkarzinome bei mehr als fünfjähriger Statin-Einnahme ergeben.

Nach Ansicht der beiden Kommentatoren vom National Cancer Institute wäre es zu früh, Statine als Chemopräventiva gegen Kolorektalkarzinome außerhalb von klinischen Studien zu empfehlen. Nur eine prospektive randomisierte klinische Studie mit Kolorektalkarzinomen als Endpunkt könnte Klarheit über die chemopräventive Wirksamkeit der Statine verschaffen.

Susanne Wasielewski

 

 

Quelle
Poynter, J. N., et al.: Statins and the risk of colorectal cancer. N. Engl. J. Med. 352, 2184 – 91 (2005).
Hawk, E., Viner, J. L.: Statins and cancer4 – beyond the „one drug, one disease“ mo- del. N. Engl. J. Med. 352, 22384 – 2239 (2005).

Das können Sie Ihren Kunden heute schon empfehlen:

Darmkrebs-Früherkennung Männer und Frauen ab 50 Jahre sollten an Maßnahmen zur Früherkennung von Dickdarmkrebs teilnehmen. Die Früherkennung versucht Darmkrebs im frühestmöglichen Stadium aufzudecken, damit er geheilt werden kann. Sie besteht aus folgenden Untersuchungen:

  • einmal jährlich digitale rektale Untersuchung: Der Arzt tastet den Enddarm mit dem Finger auf Schleimhautveränderungen und Unregelmäßigkeiten ab.
  • alle zwei Jahre Test auf okkultes Blut: Der Patient erhält Testbriefchen, mit denen unsichtbare (okkulte) Blutspuren im Stuhl erkannt werden können.
  • Bei positivem Okkultbluttest muss eine Darmspiegelung (Koloskopie) vorgenommen werden.

Eine Darmspiegelung ist auch Bestandteil der Krebsfrüherkennung für alle Versicherten ab 55 Jahre. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen im Rahmen der Darmkrebsvorsorge die Kosten einer ersten sowie einer weiteren Koloskopie nach mindestens zehn Jahren. Menschen mit Darmkrebs in der Familie sollten bereits im jüngeren Alter zur Darmspiegelung gehen.

Quelle www.darmkrebs.de www.krebsinformationsdienst.de/Krebsvorbeugung/index.html

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