Arzneimittel und Therapie

ASS kann Darmkrebs vorbeugen

Das genetische Muster ist entscheidend

Derzeit wird von einer prophylaktischen Einnahme von ASS zur Prävention kolorektaler Tumore abgeraten. Dies könnte sich ändern, wenn mithilfe genetischer Tests im Vorfeld bestimmt werden kann, welcher Patient von einer Prävention profitiert. Eine genomweite Vergleichsstudie lieferte erste Anhaltspunkte.

Die Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) und nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAID) scheint das Risiko zu senken, an einem kolorektalen Karzinom zu erkranken. Da die zugrunde liegenden Mechanismen nicht vollständig bekannt sind und die Therapie mit Risiken verbunden ist (Blutungen im Magen-Darm-Trakt), wird derzeit von einer prophylaktischen Einnahme abgeraten. Dies könnte sich ändern, wenn im Vorfeld geklärt werden könnte, wer von einer Prävention tatsächlich profitiert. Zur Suche nach genetischen Prädiktoren greift man auf Methoden der genetischen Epidemiologie zurück. Diese befasst sich mit der Identifizierung und Quantifizierung von genetischen Risikofaktoren für komplexe Erkrankungen und der Beschreibung von Interaktionen mit nicht-genetischen Faktoren. Durch genomweite Assoziationsstudien ist es möglich, für unterschiedliche Erkrankungen und erkrankungsrelevante Parameter die zugrunde liegenden genetischen Regionen zu beschreiben. Im obigen Fall sucht man also nach Interaktionen zwischen der Einnahme von ASS und NSAIDs, dem Risiko, an kolorektalen Tumoren zu erkranken, und bestimmten Genvarianten (Polymorphismen).

Risikopatienten früher zur Koloskopie

Eine am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg angesiedelte Studie (DACHS = Darmkrebs: Chancen der Verhütung durch Screening) befasst sich mit der Frage, ab welchem Alter Männer zur Darmkrebs-Vorsorge gehen sollen. An der seit 2003 laufenden Studie nehmen rund 5000 Patienten und 5000 Kontrollpersonen teil. Die Ergebnisse bestätigen den Nutzen einer Vorsorge-Koloskopie. So konnte gezeigt werden, dass für Probanden, die sich einer Vorsorge-Koloskopie unterzogen hatten, das Risiko, innerhalb von zehn Jahren an Darmkrebs zu erkranken, um etwa 90% niedriger ist im Vergleich mit Studienteilnehmern, die keine Vorsorge-Darmspiegelung in Anspruch genommen hatten. Zudem sind die Überlebensraten von Patienten, deren Karzinom durch eine Vorsorge-­Koloskopie entdeckt wurde, sehr viel höher als die Überlebensraten von Patienten, deren Tumor erst aufgrund von Beschwerden diagnostiziert wurde.

Zusätzlich befasst sich die Studie (in Zusammenarbeit mit weiteren Zentren) mit der Frage, wie das Screening verbessert werden kann. Ein Modell, in dem neben Geschlecht, Alter, Familienanamnese und Ergebnissen vorangegangener Koloskopien zusätzlich ein genetischer Risiko-Score (Zahl der Risiko-Allele auf den Genloci, die für ein erhöhtes Darmkrebsrisiko bekannt sind) einbezogen wird, führt zu einer genaueren Risikoeinschätzung. So sollten Männer mit hohem Risiko (Darmkrebs in der Familienanamnese und ein genetischer Risikoscore von 90%) bereits im Alter von 42 Jahren zur Vorsorge-Koloskopie gehen, Männer mit niedrigem Risiko (negative Familienanamnese und ein genetisches Risiko von 10%) mit 52 Jahren. Bei Männern mit einer negativen Familienanamnese und einem hohen genetischen Risikoscore sollte die erste Vorsorge-Koloskopie mit 47 Jahren erfolgen. Ein ähnlicher Trend wurde bei Frauen beobachtet.

Quelle

Grzegorek, K. Wann mit dem Darmkrebsscreening begonnen werden soll. Ärzte Zeitung vom 19. März 2015

DACHS-Studie Darmkrebs: Chancen der Verhütung durch Screening. http://dachs.dkfz.org/dachs/

Genomweite Vergleichsstudie

Für eine genomweite Analyse wurden Daten aus zehn Studien ausgewertet, die zwischen 1976 und 2003 in den USA, Kanada, Deutschland und Australien durchgeführt wurden. Zur Verfügung standen die Daten von 8634 Patienten mit Darmkrebs und 8553 gesunden Probanden als Kontroll-Gruppe. Für beide Gruppen wurde ein genomweiter Assoziationsscan durchgeführt, um auffällige Polymorphismen zu finden; zusätzlich wurden Risikofaktoren und die Einnahme von ASS und NSAIDs berücksichtigt. Der Vergleich führte zu zwei auffallenden Einzelnukleotid-Polymorphismen SNPs (SNP = Single Nucleotide Polymorphism) und zwar

  • SNP rs2965667 auf dem Chromosom 12p12.3, das in der Nähe des Gens MGST1 liegt. Es kodiert das Enzym microsomal glutathione S-transferase 1, das in den Stoffwechsel von Prostaglandin E eingebunden ist.
  • SNP rs16973225 auf dem Chromosom 15q25.2, das sich in der Nähe des Gens für Interleukin 16 befindet.

Risiko hängt vom Genotyp ab

Probanden, die ASS oder NSAIDs eingenommen hatten, wiesen ein um 34% verringertes Darmkrebsrisiko auf, wenn bei ihnen in rs2965667 der TT-Genotyp vorlag – was bei 96% der Probanden der Fall war. Bei den restlichen 4% der Probanden mit TA- oder AA-Genotypen war die Einnahme von ASS oder NSAID dagegen mit einem um 89% erhöhten Darmkrebsrisiko verbunden.

Für SNP rs16973225 wurden folgende Risiken ermittelt: Träger des AA-Genotyps erkrankten zu 34% seltener an Darmkrebs, wenn sie ASS oder NSAID eingenommen hatten. Für die mit einem Anteil von 9% seltenen AC- oder CC-Genotypen bestand keine protektive Assoziation. Diesen Ergebnissen zufolge hat die überwiegende Anzahl der Probanden protektive Genotypen, bei denen die Einnahme von ASS und NSAIDs das Darmkrebsrisiko senkt, und nur bei einem kleinen Teil kommt es zu einer Risikoerhöhung. Ziel ist es, mit genetischen Tests jene Personen zu finden, die am meisten von der ASS- bzw. NSAIDs-Einnahme profitieren, so ein Kommentator. |

Quelle

Nan H et al. Association of Aspirin and NSAID use with risk of colorectal cancer according to genetic variants. JAMA 2015;313(11):1133-1142

Wender R. Aspirin and NSAID chemoprevention, gene-environment interactions, and risk of colorectal cancer. JAMA 2015;313(11):1111-1112

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

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