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Botanische Rarität im Vintschgau: Ephedra – das Meerträubel

Das milde Klima des Vintschgaus ist die Ursache dafür, dass in den Parks von Meran nicht nur viele exotische Pflanzen aus den Tropen und Subtropen gedeihen, sondern dass auch die natürliche Flora der Gegend einige Besonderheiten aufweist. Dazu gehört auch das Meerträubel, eine alte Arzneipflanze.

Ein Relikt der Warmzeit

Das Meerträubel (Ephedra distachya) kommt, wie der deutsche Name und der bedeutungsgleiche lateinische Name "uva marina" verraten, hauptsächlich in küstennahen Gebieten vor, so z.B. am Mittelmeer und am Atlantik. Es wächst aber durchaus auch im Landesinnern, sofern die Winter nur mild genug sind. Während einer wärmeren Klimaperiode nach der letzten Eiszeit war das Verbreitungsgebiet des Meerträubels viel größer und reichte sogar bis Schweden.

Von diesen küstenfernen Gebieten sind in Europa nur einige Reliktstandorte übrig geblieben, in Deutschland keiner, in den Südalpen immerhin drei: Diese befinden sich bei Sitten (Sion) im Wallis, am Doss Trento bei Trient und im Schlandernauntal bei Schlanders, etwa 40 km westlich von Meran. Dieser letztere Standort beschränkt sich auf wenige südlich exponierte Felsrippen und Böschungen aufgelassener Weinberge und ist nur Eingeweihten bekannt. Der aus dem Griechischen stammende wissenschaftliche Name "Ephedra" bedeutet "aufsitzend" und könnte auf den bevorzugten Standort der Pflanze auf Felsen verweisen.

Ein hoch entwickelter Nacktsamer

Das Meerträubel ist ein Strauch, der bis zu 2 m hoch werden kann, in den Südalpen jedoch meist unter einem Meter Höhe bleibt. Die grünen Zweige tragen gegenständige Blätter, die nur zwei bis drei Millimeter lang sind, sodass sie fast kahl erscheinen und an Schachtelhalme erinnern. Die Pflanze blüht – je nach Gunst der Lage – von Februar bis Mai. Die Blüten sind winzig, aber zahlreich und lassen, von Weitem gesehen, die ganze Pflanze gelb erscheinen.

Das Meerträubel gehört wie die Nadelbäume und der Ginkgobaum zu den Nacktsamern (Gymnospermen), einer entwicklungsgeschichtlich alten und bezüglich der Artenzahl im Laufe der Evolution arg geschrumpften Gruppe des Pflanzenreichs. Allerdings ist es innerhalb dieser Gruppe recht hoch entwickelt und zeigt schon gewisse Ähnlichkeiten mit den Bedecktsamern (Angiospermen):

  • Die Samenanlage der weiblichen Blüte ist nicht völlig nackt, sondern von einem Integument umhüllt. Da diese Gewebehülle einen Empfängnistropfen absondert, der Insekten anlockt, finden wir hier einen Übergang von der bei Nacktsamern üblichen Windbestäubung zu der bei Bedecktsamern häufigen Insektenbestäubung.
  • Auffällig ist auch der Blütenstand: Jeweils eine weibliche Blüte ist von mehreren männlichen Blüten umgeben, die nur aus Staubblättern bestehen. Diese reduzierten zwittrigen Blütenstände weisen bereits auf zwittrige Blüten hin, wie sie für die Bedecktsamer typisch sind.

Als Nacktsamer bildet das Meerträubel keine Früchte, das heißt, die Samen sind nicht von Fruchtblättern umhüllt, sondern liegen frei. Doch färben sich die Samen zur Reifezeit scharlachrot und erinnern dann an Beeren.

Arzneipflanze

Schon die Neandertaler des Orients verwendeten Ephedra wegen ihrer euphorisierenden Wirkung als Arzneipflanze. In der mitteleuropäischen Volksmedizin hat sie, schon wegen der geringen Vorkommen, keine Rolle gespielt. 1885 isolierte der Japaner Nagai, der in Deutschland als organischer Chemiker ausgebildet worden war, den Wirkstoff Ephedrin, und in den 1920er-Jahren entdeckte man in den USA dessen antiasthmatische Wirkung. cae

Literatur: Huber, B.: Im Orneto-Ostryon des mittleren Eisack- und oberen Etschtales. Mitt. Dtsch. Dendrol. Ges. 62, 19–33 (1962). Caesar, W.: Nagai – ein japanischer Pharmazeut in Deutschland. Dtsch. Apoth. Ztg. 140, 4031–4032 (2000).

Das milde Klima des Vintschgaus ist die Ursache dafür, dass in Meran nicht nur viele tropische und subtropische Pflanzen gedeihen, sondern dass auch die natürliche Flora der Gegend einige Besonderheiten aufweist. Dazu gehört das Meerträubel, eine alte Arzneipflanze.

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