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Botanik: Titanenwurz in Stuttgart blüht

Der zoologisch-botanische Garten Wilhelma in Stuttgart-Bad Cannstatt bietet zurzeit eine höchst seltene Attraktion: eine blühende Titanenwurz. Der Blütenstand ist 2,90 m hoch und strömt einen intensiven Aasgeruch aus.

Die Titanenwurz (Amorphophallus titanum) ist in den Bergwäldern von Sumatra beheimatet. Dort wurde sie erst im Jahr 1878 von dem Botaniker Odoardo Beccari (1843 – 1920) entdeckt und an den Botanischen Garten von Kew gesandt. Ihre Kultur im Gewächshaus ist recht schwierig, weil ihre Knolle leicht von Nematoden befallen wird, und nur sehr selten gelingt es, sie in Kultur zur Blüte zu bringen.

Verwandt mit dem Aronstab

So exotisch die Titanenwurz zweifellos ist – sie hat bei uns einen nahen Verwandten, der auch am liebsten im Schatten von Gehölzen wächst: den Aronstab. Die Verwandtschaft beider Pflanzen erkennt man vor allem am Bau des Blütenstandes. Gemeinsam ist ihnen der senkrechte Kolben (Spadix), der von einem großen Hochblatt (Spatha) umhüllt wird und eine große Anzahl eingeschlechtiger, also entweder weiblicher oder männlicher Blüten trägt; die sehr kleinen Blüten sitzen in großer Zahl am unteren Kolben, und zwar die männlichen eine Etage über den weiblichen. Der obere Teil des Kolbens ist steril, erfüllt aber als Produzent des Aasgeruchs eine für die Fortpflanzung wichtige Funktion.

Geruchsmimikry

Für die Fortpflanzung der Titanenwurz sorgen in der Natur bestimmte Insekten, die üblicherweise ihre Eier in Aas ablegen. Sie werden vom Aasgeruch der Pflanze angelockt, der dem Geruch verwesender Tierkadaver gleicht (Geruchsmimikry), legen ihre Eier im Kolben ab und bestäuben dabei die Blüten. Dass die Insekten sich täuschen lassen, hat zur Folge, dass die aus den Eiern geschlüpften Maden keine Nahrung vorfinden und zugrunde gehen.

Männliche und weibliche Blüten der Titanenwurz blühen – wie beim Aronstab – zeitlich versetzt, was in der Natur dazu führt, dass die Insekten den Pollen der einen Pflanze zu den Fruchtknoten einer anderen Pflanze bringen; diese Fremdbestäubung stellt den Austausch von Genen sicher und beugt der Inzucht vor.

Entweder Laub oder Blüte

Eine Besonderheit der Titanenwurz ist, dass sie immer nur ein Blatt besitzt, von den Niederblättern abgesehen. Ein neues Blatt bildet sich also erst, wenn das alte Blatt abgestorben ist. So wechselt ein Laubblatt das andere ab, bis eines Tages kein neues Laubblatt aus der Knospe hervorbricht, sondern statt dessen der beschriebene Blütenstand. In der Natur bildet die Titanenwurz danach wieder neue Laubblätter, bis sie nach etwa zehn Jahren nochmals blüht. In Kultur überlebt sie aber ihre erste Blüte meistens nicht.

Die Stuttgarter Titanenwurz wurde aus einer Gewebekultur gezüchtet und ist 20 Jahre alt. Während dieser Zeit ist ihre Knolle kontinuierlich gewachsen und wiegt derzeit 40 kg; das ist mehr als die Hälfte dessen, was eine Titanenwurz in der Natur erreichen kann.

Die Blüte der Titanenwurz dauert leider nicht lange. Schon zwei Tage, nachdem sich das Hochblatt geöffnet hat, beginnt es zu welken. Die Wilhelma ist während dieses kurzen Ereignisses ausnahmsweise von 8.15 bis 22.00 Uhr geöffnet. Info unter www.wilhelma.de.

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