US-Studie

Medizinische Behandlung in Apotheken spart Kosten und verbessert Versorgung

Berlin - 06.06.2024, 10:45 Uhr

Apotheker*innen in den USA können neben Arzneimitteln auch medizinische Behandlungen anbieten. Das spart Geld. (Foto: IMAGO / Pond5 Images)

Apotheker*innen in den USA können neben Arzneimitteln auch medizinische Behandlungen anbieten. Das spart Geld. (Foto: IMAGO / Pond5 Images)


Durchschnittlich 278 US-Dollar konnten bei einer medizinischen Behandlung gespart werden, wenn diese in einer Apotheke und nicht in der Arztpraxis oder Notaufnahme durchgeführt wurde. Zu dieser Erkenntnis kommt eine aktuelle Studie zum Gesundheitssystem in den USA. 

Im US-Bundesstaat Washington konnte ein Forscher*innen-Team nachweisen, dass die Kosten für das Gesundheitssystem deutlich gesenkt werden können, wenn Apotheken bestimmte medizinische Behandlungen alternativ zu anderen medizinischen Versorgungseinrichtungen durchführen. 

In der Studie der Washington State University (WSU), die im April veröffentlicht wurde, konnten sowohl deutliche Kostensenkungen belegt werden, als auch Verbesserungen bei der Patient*innen-Versorgung. Demnach lagen die Kosten bei der Behandlung leichter Erkrankungen in einer Apotheke im Median um 277,78 US-Dollar niedriger als bei den traditionellen Versorgungseinrichtungen, wie Arztpraxen oder Notaufnahmen. Asthma, Hefepilz- und Harnwegsinfektionen sind die Krankheitsbilder mit den größten Kosteneinsparungen, wenn sie in der Apotheke behandelt werden.

„Insgesamt zeigte diese Untersuchung sowohl die Machbarkeit als auch erhebliche Kosteneinsparungen für die Patienten und die öffentliche Gesundheit, wenn die Versorgung durch einen Gemeindeapotheker im Vergleich zu Anbietern an traditionellen Versorgungsstandorten erfolgt“, schlussfolgern die Autor*innen.

23,5 Millionen Dollar potenzielle Einsparung bei 85.000 Patient*innen

Im Bundesstaat Washington wurden über einen Zeitraum von drei Jahren Daten aus insgesamt 46 Apotheken, Drogerien, Lebensmittelgeschäften und Filialen einer Warenhauskette gesammelt – alle bieten in den USA Apotheken-Leistungen in jeweils unterschiedlichem Umfang an. Insgesamt wurden 84.555 Patient*innen in der Studie berücksichtigt. Davon wurden 496 bei Krankheiten wie Asthma, Harnwegsinfektionen, Allergien und Kopfschmerzen in der Apotheke behandelt.

In der Studie werden die zehn häufigsten in der Apotheke behandelten Erkrankungen angeführt. Bei allen liegen die Behandlungskosten deutlich unter den Kosten bei den traditionellen medizinischen Versorgern. Allein für die 496 Patient*innen, die sich in der Apotheke behandeln ließen, konnte eine Kostenersparnis von 138.000 Dollar errechnet werden.

Hätten alle 84.555 der untersuchten Personen sich alternativ in der Apotheke behandeln lassen, wären Einsparungen von knapp 23,5 Millionen Dollar möglich gewesen, legt man den aggregierten Medianwert von 277,78 Dollar zugrunde.

Laut der Studie suchten mehr Frauen als Männer den Weg in die Apotheke, vor allem bei der Behandlung von Harnwegsinfekten und bei der hormonellen Verhütung – wobei die Kostendifferenz bei hormoneller Verhütung gegenüber den traditionellen Versorgern am niedrigsten war, bei Harnwegsinfekten war sie am zweithöchsten. Eine Behandlung in der Notaufnahme wegen einer Harnwegsinfektion kostete 932,70 Dollar mehr als in der Apotheke – dort wurden für die Behandlung nur 30 Dollar abgerechnet. Allein durch die Behandlung von Harnwegsinfekten in Notaufnahmen entstünden in den USA jährliche Kosten von 4 Milliarden Euro.

Verbesserung der Gesundheitsversorgung 

Die Studienautor*innen weisen darauf hin, dass neben einer deutlichen Kostenersparnis auch eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung für die Patient*innen erzielt werden kann, wenn Apotheken medizinische Dienstleistungen übernehmen. Sie verweisen auf den Bericht des obersten Sanitätsinspekteurs der USA (US Surgeon General) aus dem Jahr 2011: Demnach hätten sich die Therapieresultate bei Erkrankten deutlich verbessert, wenn Apotheken in die Behandlung mit einbezogen wurden. Zudem sei eine signifikante Senkung der Krankenhausaufenthalte durch Apotheker-Behandlungen belegbar.

In den USA herrsche ein dramatischer Mangel an medizinischer Versorgung, so die Autor*innen. Etwa 1.000.000 Arztbesuche könnten aufgrund des Versorgungsmangels jährlich nicht wahrgenommen werden. Viele der betroffenen Patient*innen suchten dann auch bei leichten Symptomen den Weg in die Notaufnahme, was enorme Zusatzkosten verursache. Ein Drittel der Notaufnahme-Besuche sei laut Schätzungen des National Association of Community and Health Centers vermeidbar – allein dafür werden Einsparungen von 18 Milliarden Dollar pro Jahr veranschlagt.

Durch eine „Diversifizierung der Rollen innerhalb des Gesundheitssystems“ könnte insbesondere in den dünnbesiedelten Regionen der USA eine bessere Versorgung erreicht werden. Etwa 90 Prozent der Bevölkerung lebe im Umkreis von 8 Kilometern um eine Apotheke. Geografische Nähe und längere Öffnungszeiten böten klare Vorteile gegenüber den klassischen Versorgern.

Zusatzleistungen in Apotheken haben sich bewährt

US-Apotheken können schon seit längerem ein spezielles Zertifikat (Clinical Laboratory Improvement Amendment – CLIA) erhalten. Damit sind sie befugt Tests für Streptokokken A, Influenza, Hepatitis C, HIV, Hämoglobin A1c, Cholesterin und Heliobacter Pylori anzubieten. Nach Aussage der Studienautor*innen gibt es klare Belege dafür, dass bei diesen Erkrankungen eine Einbeziehung von Apothekern den Zugang und den Erfolg der Behandlung verbessern konnte.

In der Untersuchungsregion Washington haben Apotheker seit 1979 die Befugnis zur Arzneimittel-Verschreibung – ohne Hinsicht auf „Eignung des Patienten, des Krankheitszustands oder der verschriebenen Medikamente“, wie die Autor*innen betonen. Bisher werde dieses Recht jedoch kaum wahrgenommen.

Die Autor*innen sprechen sich klar für eine Ausweitung der medizinischen Behandlungsbefugnisse für Apotheker*innen aus: „Das Potenzial des klinischen Fachwissens von Apothekern zur Verbesserung der Patientenergebnisse ist in einer Reihe von Szenarien gut untersucht worden, von der Untersuchung der von Apothekern empfohlenen klinischen Interventionen, die von einem Leistungserbringer durchgeführt werden, bis hin zur direkten Versorgung durch Apotheker bei der Behandlung akuter und chronischer Krankheiten.“


Michael Zantke, Redakteur, DAZ
redaktion@daz.online


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