Süßstoffe im Wasser

Zuckerfreie Bonbons aus der Apotheke – schlecht für die Umwelt?

Stuttgart - 02.08.2022, 16:15 Uhr

Süßstoffe mit komplexen chemischen Verbindungen, wie Acesulfam-K, Cyclamat, Saccharin und Sucralose, könnten sich in unseren Gewässern anreichern. Ist Stevia eine Alternative? (Foto: IMAGO / Rüdiger Wölk)

Süßstoffe mit komplexen chemischen Verbindungen, wie Acesulfam-K, Cyclamat, Saccharin und Sucralose, könnten sich in unseren Gewässern anreichern. Ist Stevia eine Alternative? (Foto: IMAGO / Rüdiger Wölk)


„Schluss mit ‚light‘ und ‚zero‘“, fordern die Hamburger Wasserwerke auf ihrer Webseite. Verbraucher:innen sollen Lebensmittel mit künstlichen Süßstoffen von ihrem Einkaufszettel streichen, heißt es. Der Grund: Einige davon passieren nicht nur unsere Verdauung, sondern auch unsere Kläranlagen unbeschadet. Auch in der Apotheke enthalten Arzneimittel und beispielsweise Hustenbonbons Süßstoffe. Worauf sollte man auf der Inhaltsstoffliste achten? 

Zucker hat keinen guten Ruf (mehr), auf einen süßen Geschmack fällt es dennoch den meisten schwer zu verzichten. Kein Wunder also, dass sich Zuckerersatzstoffe immer größerer Beliebtheit erfreuen. Während das vor allem für unsere Zahngesundheit zu begrüßen ist, könnte ein anderer bislang wenig beachteter Faktor uns die Lust auf Süßes zusätzlich verderben: Die Hamburger Wasserwerke warnen davor, dass Süßstoffe das Grundwasser belasten können. Seit 2015 können sie geringe Mengen an Süßstoffen im Grundwasser nachweisen.

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Klar, in der Apotheke gibt es keine Light-Limonaden, aber durchaus Bonbons, Kaugummis und auch Arzneimittel, die Zuckerersatzstoffe enthalten. Worauf sollte man also auf der Inhaltsstoffliste achten? Den Hamburger Wasserwerken geht es bei ihrem Aufruf zum Verzicht nicht um natürliche Zuckeraustauschstoffe wie Xylit oder Sorbit, sondern Süßstoffe mit komplexen chemischen Verbindungen wie Acesulfam-K, Cyclamat, Saccharin und Sucralose. Diese könne der menschliche Körper nicht abbauen und auch die Kläranlage nicht. 

Noch handelt es sich zwar nur um Spuren, die im Grundwasser nachgewiesen werden können, doch es besteht das Potenzial, dass sich die Süßstoffe in der Umwelt anreichern. Dem möchten die Hamburger Wasserwerke zuvorkommen und werben mit dem Slogan „Du bist süss genug #SchützeWasser“ für den Verzicht auf Süßstoffe. Im Betriebsrestaurant der Hamburger Wasserwerke gebe es bereits keine Lebensmittel mit Süßstoffen oder Light-Getränke mehr. So sollen die Grundwasservorräte für die nachfolgenden Generationen geschützt werden. Die Hamburger Wasserwerke sind der Meinung, dass sich dieser Verzicht auch für die restliche Bevölkerung gut umsetzen lässt: „Synthetische Süßstoffe lassen sich leicht ersetzen, zum Beispiel durch das pflanzliche Süßungsmittel Stevia“, heißt es. 

Stevia – auf einen Blick:

  • Aus der Stevia-Pflanze isolierte Steviolglykoside sind als Süßungsmittel „Stevia“ seit Dezember 2011 rechtmäßig im gesamten Raum der Europäischen Union im Handel.
  • Der Einsatz von Stevia ist mengenmäßig begrenzt und nur für bestimmte Lebensmittelkategorien zugelassen.
  • Weil die Steviolglykoside durch ein chemisches Verfahren gewonnen werden, dürfen sie nicht in Bio-Lebensmitteln eingesetzt werden.
  • Steviolglykoside haben keine Kalorien, sind zahnfreundlich und haben keine Wirkung auf den Blutzuckerspiegel. Sie können laut DGE dabei helfen, das Gewicht zu kontrollieren. Gesünder (und preiswerter) ist es allerdings, die Ernährung auf eine zuckerarme, nicht übersüßte Kost umzustellen.

Quelle: „Stevia-Süße – Natur pur?“ von Reinhild Berger, 10. März 2020

Tatsächlich wirbt mittlerweile beispielsweise die Marke „Pulmoll“ so: „In zuckerfreien Pulmoll Hustenbonbons ersetzt hochwertiges Stevia die Süßkraft herkömmlichen Zuckers.“ Man verzichte auf künstliche Süßmacher und sei aspartamfrei, heißt es weiter.

Auch der NDR berichtete im August 2020 beispielsweise bereits über „Acesulfam im Trinkwasser“. Ihm schrieb der Süßstoff-Verband damals, dass umfangreiche Untersuchungen ergeben hätten, „dass Acesulfam für Wasserorganismen kein akutes oder chronisches Risiko darstelle“. Doch der NDR fand Studien, die zeigten, „dass Acesulfam bei Goldfischen und Karpfen oxidativen Stress verursacht und eine toxikologische Wirkung auf Zebrafische haben kann“. Unter UV-Bestrahlung könne Acesulfam zudem zu toxischeren Verbindungen umgewandelt werden. Der NDR sprach damals auch mit dem Laborleiter Dr. Kim Augustin von den Hamburger Wasserwerken, der sich mehr Verantwortungsgefühl von der Industrie wünschte:


Das Argument, dass Flüsse durch den Eintrag von Acesulfam nicht süß schmecken würden, sei in etwa so, als würde der Verband der pharmazeutischen Industrie argumentieren, dass Medikamentenwirkstoffe in der Elbe so lange kein Problem seien, bis ein Glas Wasser aus der Elbe Kopfschmerzen beseitige.“

Dr. Kim Augustin, Hamburg Wasser


Ein Blick auf die Inhaltsstoffliste lohnt sich also eigentlich immer.

Süßstoffe – auf einen Blick:

In der Europäischen Union sind zurzeit elf Süßstoffe zugelassen. Aus Sicherheitsgründen sind Höchstwerte für den menschlichen Verzehr festgelegt. Ein Expertengremium überprüft und bewertet regelmäßig neue wissenschaftliche Erkenntnisse.

Auf der Zutatenliste muss die Kennzeichnung „mit Süßungsmittel(n)“ stehen und dahinter die verwendete(n) Substanz(en) oder deren E-Nummern.

Produkte, die Aspartam enthalten, müssen den Warnhinweis „Enthält eine „Phenylalaninquelle“ tragen.

Süßstoffe sind fast kalorienfrei und nicht kariogen. Trotzdem sollten sie in einer gesunden Ernährung am besten nur übergangsweise zum Einsatz kommen. Besser ist es, sich an eine insgesamt weniger süße Ernährung zu gewöhnen. 

Quelle: „Süßstoffe – kalorienfreies Glück?“ von Reinhild Berger, 26. Februar 2020


Diana Moll, Apothekerin und Redakteurin, Deutsche Apotheker Zeitung (dm)
redaktion@daz.online


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