Kommentar

Ärmel hochkrempeln für den E-Rezept-Neustart!

Berlin - 21.12.2021, 13:45 Uhr

Lauterbach reicht der Selbstverwaltung in Sachen E-Rezept die Hand. Das ist eine Chance für die künftige Zusammenarbeit. (Foto: IMAGO / Future Image)

Lauterbach reicht der Selbstverwaltung in Sachen E-Rezept die Hand. Das ist eine Chance für die künftige Zusammenarbeit. (Foto: IMAGO / Future Image)


Es war zu erwarten, seit gestern ist es offiziell: Der E-Rezept-Start verschiebt sich, vermutlich in die erste Jahreshälfte 2022. Mit dieser Entscheidung lässt Minister Lauterbach den Druck aus dem Kessel – und ebnet den Weg für eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Selbstverwaltung, meint DAZ-Redakteurin Christina Müller. Das verdient Anerkennung statt Häme.

Kurz bevor die Nutzung des E-Rezepts zur Pflicht werden sollte, lenkt das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) ein und verlängert stattdessen die Testphase. Diese Entscheidung ist gleich aus mehreren Gründen goldrichtig: Zum einen liegt es auf der Hand, dass die elektronischen Verordnungen nicht ausreichend erprobt sind, um einen sicheren Übergang zu gewährleisten. Zum anderen ist das Gesundheitswesen hierzulande – wie wohl überall auf der Welt – aktuell mit dem Kampf gegen die Corona-Pandemie mehr als ausgelastet. Zusätzliche Störungen in den Betriebsabläufen der Apotheken, Praxen und Krankenhäuser gilt es jetzt unbedingt zu vermeiden.

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Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geht nun also einen Schritt, der seinem Amtsvorgänger Jens Spahn (CDU) nicht ohne Gesichtsverlust möglich gewesen wäre. Der Wechsel im BMG kam genau zur rechten Zeit: Spahn hat der Digitalisierung mit der Brechstange die Tür ins Gesundheitswesen geöffnet. Das hat seine Schattenseiten, denn in der Folge waren die Fronten zwischen Gematik plus Ministerium und der Selbstverwaltung zuletzt spürbar verhärtet.

Lauterbach profitiert nun von Spahns Vorarbeit – denn dass das E-Rezept ebenso kommen wird wie viele andere TI-Anwendungen, daran hat der Ex-Minister nie einen Zweifel gelassen. Für den neuen Mann an der Spitze des BMG geht es jetzt nicht mehr darum, Leistungserbringern und Selbstverwaltung klarzumachen, dass kein Weg mehr an diesen Umwälzungen vorbeiführt. Er kann sich ganz der Umsetzung widmen. Dazu braucht er aber die Bereitschaft aller Beteiligten, diesen Prozess mitzutragen.

Mit dem temporären Aussetzen der E-Rezept-Pflicht lässt Lauterbach zunächst einmal den Druck aus dem Kessel, der sich in den vergangenen Wochen und Monaten angestaut hat, und reicht Apothekern, Ärzten, Kassen, Softwarehäusern und allen anderen die Hand. Sie sind gut beraten, dieses Friedensangebot ohne Häme anzunehmen. Eine Annäherung ist dringend nötig, um den digitalen Wandel gemeinsam zu gestalten. Denn klar ist: Auch Lauterbach wird auf Dauer die Zügel anziehen müssen, wenn die Player nicht mitspielen.



Christina Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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6 Kommentare

Warum findet die DAZ das e-Rezept so geil?

von TLR am 21.12.2021 um 23:54 Uhr

Ich verstehe diesen Kommentar eigentlich nur, wenn ein Hilferuf aus der Redaktion, einer Verirrung den Weg ebenen soll.
Welcher echte Nutzen entspringt einem e-Rezept?
....man könnte-ohne das Haus zu verlassen- den Arzt um ein (Folge)Rezept bitten, dieser kann das (reduziert) abrechnen, und die (Versand)Apotheke liefert.
Sicherlich gibt es (vermutlich eher jüngere) Patienten, die das ganz cool finden. Marginal!!
Ältere und die eher multimorbiden Patienten, fanden das aufgrund der geringeren Zuzahlung interessant. Nachdem dieser "Vorteil" verschwunden ist, reden wir von 0,x Prozent der Patienten.
Die elektronische Gesundheitskarte gibt es nun schon etwas länger...KEIN Interesse! Die Gemeinschaftspraxen mit deutlich vierstelligen Patientenzahlen haben einstellige Nachfrage, die Einzelpraxen gar keine!
Wenn man nun den digitalen Horizont europäisch öffnet und die "Papierwährung" belächelt...welches europäische Land hat in unserem Ausmaß:
- Rabattverträge?
- Reimporte?
- Preisgünstigsten-Regelungen?
- Festbeträge...als letzte Bastion.
Wie kann man Verbandsmaterialien abgeben ohne das Rezept in xx Prozent der Fälle nachträglich abstempeln zu lassen, weil das verordnete noch nie auf dem Markt war!!??

Wie oft sind N1-Packungen aus Großbritannien never oder erst nach xx Tagen lieferbar und wir müssen das nachträglich am Montag mit der Praxis klären. Immer mit dem Ausweg, das irgendwie rezeptbedrucktechnisch ohne größere Verluste zu managen, nicht nur im Notdienst.
Wenn man das nicht kennt...und offensichtlich ist die DAZ-Redaktion inzwischen so weit von den Niederungen des Alltags entfernt, dass man hier apothekertägliche Arbeit im Sinne des Patienten angesichts einer Elektronifizierung komplett ignoriert...dann schmeiß ich mal die Sinnfrage unserer Profession in die Waagschale:
Ein zwingend vorgeschriebenes e-Rezept, welches einen Großteil unserer Kunden in große Schwierigkeiten bringt und nur einem 0,x Prozent einen bequeme, aber für die Gesundheit nicht förderliche Distanz verschafft, hat nochmal ganz konkret, welche Vorteile???
Geht es um die Umwelt? Papier?
Wo ist für die Mehrheit der Patienten der durchdachte Vorteil?
Wir haben in unserem Team speziell den Fokus auf junge Menschen, die erst erfahren müssen, was wir neben dem Arztbesuch wirklich leisten können. Für diese Patientengruppe könnte ein e-Rezept ein bequemes Novum sein, aber aus pharmazuetischer Sicht ist es eher ein Rückschritt.
Die Allermeisten werden sich über mehrere Monate an einen QR-Code gewöhnen müssen und es irgendwie hinbekommen. Unter der Woche wird das über Jahre mit viel hin und her handelbar sein.
Am Wochenende werden die Problemfälle in Zukunft nicht mehr versorgt! Ein nicht entsprechend der Gesetzte ausgestelltes Rezept ist als QR-Code nichts wert! Oder kann ich es parken?
Ein rosa Rezept kann geändert werden.Das ist gängige Praxis unterhalb des Radars der Abrechnung...im Sinne der Versorgung des Patienten.
Ganz normaler Alltag...für die DAZ ein Praktikum wert...?
T. L R

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AW: Wer will, der kann..irgendwann..

von TLR am 22.12.2021 um 0:14 Uhr

Ich biete wirklich ein Einblick in den Alltag an, das sind nur wenige Kilometer für die Redaktion.
Warum bietet man nicht das e-Rezept, nachdem ALLE Sicherheitsstandards ZUVERLÄSSIG erfüllt sind, jeden Patient:innen (stellvertretend für den gesamten Beitrag) an und wir scheuen mal, wer es wirklich braucht. Sollte dann die Verordnung nicht erfüllbar sein, oder kein Strom oder kein Server, dann trägt ist das halt so.
Aber alle auf eine Reise zu schicken, die kaum einer braucht und auch nach allen technischen Überwindungen dennoch nicht zielführend und auch nicht patientenorientiert sind, kann nur höheren Eingebungen folgen.
Wer will, möge es irgendwann mal nutzen, aber der Zwang ist ein Diktat kapitalgesteuerter Interessen, die alltäglichen pharmazeutischen Problemlösungen im Sinne des Patienten konträr entgegenlaufen.

AW: Entwicklung?

von Holger am 30.12.2021 um 13:56 Uhr

Warum kommunizieren Sie über elektronische Medien und nicht mehr ausschließlich per handgeschriebenem Brief, der per Postkutsche transportiert wird?? Sowas nennt man einfach technischen Fortschritt und das finde ich grundsätzlich begrüßenswert.

Verrückt ist lediglich die Idee, es mit der Brechstange allen und sofort überstülpen zu wollen. Eine funktionierende technische Infrastruktur etablieren, die Möglichkeit eines e-Rezepts rechtlich schaffen und dann erst einmal sehen, wie es ankommt. Dann könnte man für eine mittelfristige Periode über Anreize nachdenken, auf dieses System umzustellen - Anreize für den Arzt, für den Patienten und auch für den Apotheker. Und dann erst kommt die Phase, wo man mit Sanktionen auf eine vollständige Marktdurchdringung zielt.

Schuss nicht gehört

von Karl Friedrich Müller am 21.12.2021 um 16:41 Uhr

Die Digitalisierung gefährdet die Versorgung der Kunden/Patienten, die Apotheke vor Ort.

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AW: Don Pharma-Quichotte ...

von Holger am 30.12.2021 um 13:59 Uhr

... kämpft nicht gegen Windmühlen, sondern gegen das Internet, oder wie?? Na dann viel Spass.

Häme

von Sabine Schneider am 21.12.2021 um 16:27 Uhr

Warum sollte Herrn Lauterbach Häme entgegen schlagen. Es war der einzige richtige Schritt. Herrn Spahn und seiner Lügentruppe im BMG und bei der Germatik sollte ein rauher Wind entgegen wehen. Über die Abda und dem DAV sollte man den Mantel des Schweigens legen. Daz und kritische Begleitung passen auch nicht zusammen.

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