Interview mit Dr. Kerstin Kemmritz

Keine Kampfkandidatur, aber frischer Wind

Berlin - 26.10.2020, 07:00 Uhr

„Mein Ziel ist es, Gutes für den Berufsstand zu bewirken“, sagt Dr. Kerstin Kemmritz, Präsidentin der Apothekerkammer Berlin. (Foto: Apothekerkammer Berlin)

„Mein Ziel ist es, Gutes für den Berufsstand zu bewirken“, sagt Dr. Kerstin Kemmritz, Präsidentin der Apothekerkammer Berlin. (Foto: Apothekerkammer Berlin)


Am 26. November wird gewählt: Die Präsidentin der Apothekerkammer Berlin, 
Dr. Kerstin Kemmritz, ist neben Ursula Funke aus Hessen eine von zwei Kandidatinnen für das Amt der Vizepräsidentin der Bundesapothekerkammer (BAK). Mit DAZ.online spricht sie darüber, wie sie sich inhaltlich und strukturell in die Arbeit des Gremiums einbringen will.

DAZ.online: Frau Kemmritz, wie kamen Sie zu der Entscheidung, als BAK-Vizepräsidentin zu kandidieren?

Kemmritz: Für uns Apotheker steht derzeit ein großer Wandel an. Wir müssen uns auf die Digitalisierung ebenso einstellen wie auf neue pharmazeutische Dienstleistungen, die es jetzt zu definieren und auszugestalten gilt. Ich sehe in diesen Entwicklungen große Chancen. Um diese zu nutzen, sind wir nun aber dringend gefordert, Ideen und Visionen in die politische Debatte einzubringen, die einerseits die Versorgung der Menschen vor Ort verbessern und andererseits uns in unseren heilberuflichen Kompetenzen stärken. In diesen Prozess möchte ich mich aktiv einbringen und die Pharmazie in den Apotheken wieder in den Mittelpunkt rücken. 

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In der Coronakrise haben wir gezeigt, was wir alles leisten können, wenn man uns ein Stück weit von den bürokratischen Lasten befreit, die in unserer täglichen Arbeit leider viel zu viel Raum einnehmen. Diesen Schwung sollten wir nutzen, um auf einen Abbau kleinlicher Regulierungen hinzuwirken und stattdessen unsere Fähigkeiten und unser Fachwissen in der pharmazeutischen Betreuung stärker zu betonen als bisher.

Sie sind noch relativ frisch auf Bundesebene aktiv und galten zuvor eher als Apothekerin, die dem Mainstream kritisch gegenüber steht. Sind Sie eine sogenannte „Protest-Apothekerin“. Verstehen Sie sich als Alternative zum Establishment?

Ich bin eine leidenschaftliche Apothekerin mit Herz und Verstand, die gerne Fragen stellt, aber genauso gerne auch nach Antworten und pragmatischen Lösungen sucht. Von daher bin ich mindestens genauso konstruktiv wie kritisch und möchte meine Bewerbung nicht als Kampfkandidatur verstanden wissen. Mein Ziel ist es, Gutes für den Berufsstand zu bewirken. Das geht nur gemeinsam und in Zusammenarbeit mit den etablierten Kräften, in die ich gerne ein bisschen frischen Wind einbringen möchte. Ich bin überzeugt, dass wir Apothekerinnen und Apotheker wirklich etwas für die Menschen tun können, wenn unsere pharmazeutische Kompetenz gesehen und genutzt wird. Das voranzutreiben, ist mir ein großes Anliegen. Mein Ziel ist es nicht, eine Revolution anzuzetteln, sondern die Leidenschaft, mit der ich die Pharmazie lebe, in die Arbeit der BAK einzubringen. In Berlin haben wir gute Erfahrungen damit gemacht, wenn erfahrene Kolleginnen und Kollegen und „Neulinge“ konstruktiv zusammenwirken. Ähnliches stelle ich mir für die BAK vor.

Wo sehen Sie mit Blick auf die Arbeit der BAK beziehungsweise der ABDA Verbesserungsbedarf?

Es ist gut, dass wir die zwei Organisationen BAK und DAV unter einem gemeinsamen Dach vereinen und mit der ABDA eine Klammer setzen. Dennoch sehe ich ungenutztes Potenzial, was die inhaltliche Zusammenarbeit betrifft. Die pharmazeutisch-fachliche Expertise der BAK und die wirtschaftliche Kompetenz des DAV sollten stärker ineinandergreifen als bisher. Wenn die BAK zum Beispiel einen Katalog mit neuen pharmazeutischen Dienstleistungen erstellt hat, könnte sie ihn doch einfach direkt dem DAV vorlegen, der ein Preisschild draufklebt. Neben der Effizienz der Arbeit sollten wir auch dringend die Geschwindigkeit erhöhen. Wir können froh sein, uns selbst verwalten zu dürfen, müssen aber in Zeiten, in denen sich die Welt auch bedingt durch die Digitalisierung schneller dreht, als wir es gewohnt sind, aufpassen, nicht abgehängt zu werden und wichtige Entwicklungen zu verpassen, wenn wir in den Gremien zu lange diskutieren. Der dritte Punkt, den ich angehen möchte, ist das Thema Transparenz. Da müssen wir wieder näher ran an die Basis und klar kommunizieren, was wir für den Berufsstand tun. Das ist nämlich sehr viel mehr, als momentan bei den Apothekerinnen und Apothekern ankommt.

Könnte dazu auch die geplante Strukturanalyse der ABDA beitragen?

Absolut. Es geht bei der Analyse ja nicht darum, die ABDA als Institution grundsätzlich infrage zu stellen, sondern zu prüfen, wie sich die Arbeit der Standesvertretung effizienter gestalten lässt. Die Mitgliedsorganisationen waren aufgerufen, Verbesserungsvorschläge einzubringen, und das haben wir getan. Die Kammer Berlin hat sieben Fragestellungen sowie Thesen zur Haushaltsstruktur eingereicht. Leider weiß ich noch nicht, was aus unseren Anregungen geworden ist, aber ich bin sehr gespannt darauf, was die Analyse ergeben wird.

Was sind Ihre konkreten inhaltlichen Ziele?

An erster Stelle stehen für mich die neuen pharmazeutischen Dienstleistungen, wobei neu daran vor allem die Etablierung als Leistung der Krankenkassen ist. Seit mehreren Jahrzehnten versuchen wir Apothekerinnen und Apotheker, sie zu etablieren – auch wenn sie früher pharmazeutische Betreuung oder Pharmaceutical Care genannt wurden. Jetzt macht uns der Gesetzgeber den Weg frei, sie endlich durchzusetzen. Auch wenn der Honorartopf natürlich viel zu klein ist, sollten wir die Gelegenheit nutzen, um den Wert unserer Arbeit für die Menschen spürbar zu machen, indem wir die Gesundheit und Lebensqualität vieler Menschen noch nachhaltiger als bisher verbessern und damit verlässlich zur Gesundheitsversorgung beitragen. Mit mehr wertgeschätzter und eben auch entsprechend honorierter Pharmazie wird auch der Apothekerberuf insgesamt wieder attraktiver.



Christina Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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