Beratungs-Quickie

Ein Hormonpflaster zur Linderung der Wechseljahrsbeschwerden

16.06.2016, 12:00 Uhr

Unter den Hitzewallungen leiden die Frauen meist besonders.  (Foto: roboriginal / Fotolia)

Unter den Hitzewallungen leiden die Frauen meist besonders. (Foto: roboriginal / Fotolia)


Welche Informationen sind bei einem Beratungsgespräch in der Apotheke für den Patienten wichtig? Welche hilfreichen Tipps kann der Apotheker zu Arzneimitteln und Therapien geben? Im Beratungs-Quickie stellen wir jeden Donnerstag einen konkreten Patientenfall vor. Diese Woche geht es um eine Verordnung über ein estrogenhaltiges Pflaster für eine Frau in den Wechseljahren.

Eine sehr gut gekleidete Dame mittleren Alters kommt direkt vom Frauenarzt in die Apotheke und reicht ihr Rezept ein.

Formalien-Check 

Verordnet sind Estradot® 50 Mikrogramm/24 Stunden transdermale Pflaster, Packungsgröße N1. Die Ärztin erlaubt den Aut-idem-Austausch. Rabattverträge und preisgünstige Reimporte wären zu beachten, sind jedoch nicht vorhanden. Abzugeben ist die kleinste im Handel befindliche Packung Estradot® 50/24 mit acht transdermalen Pflastern.

Nach Packungsgrößenverordnung ist für Transdermale Therapeutische Systeme (TTS) mit weiblichen Sexualhormonen die Normgröße N1 für eine Zykluslänge definiert. Bei einem Austausch ist zu beachten, dass für die Substitute teilweise unterschiedliche Wechselhäufigkeiten der Pflaster gelten. Aufgrund des anderen Anwendungsintervalls enthalten gleiche Normgrößen aut-idem-konformer Substitute unterschiedliche Stückzahlen an Hormonpflastern.  

Eine Gebührenbefreiung liegt nicht vor. Da der Abgabepreis von Estradot® 50/24 über dem Festbetrag liegt, muss die Kundin neben der Zuzahlung die entstehenden Mehrkosten tragen. 

Ab Ausstellungsdatum ist das Rezept einen Monat gültig. 

Wo wird das Pflaster am besten appliziert? Der Apotheker informiert zu besonderen Arzneimittelformen.

Beratungs-Basics

Ein transdermales Pflaster Estradot® enthält Estradiol-Hemihydrat mit einer Abgaberate von 0,050 mg Estradiol in 24 Stunden.

Das Arzneimittel wird postmenopausal zur Hormonsubstitutionstherapie (HET, HRT) eingesetzt, wenn Estrogenmangelsymptome die Lebensqualität einer Frau zu stark beeinträchtigen. Das Arzneimittel ist außerdem zur Prävention einer Osteoporose bei postmenopausalen Frauen mit hohem Frakturrisiko zugelassen, wenn eine Kontraindikation für andere Anti-Osteoporosemittel besteht.

Estradot® 50/24 TTS ist zur kontinuierlichen Therapie zugelassen. Frauen mit intaktem Uterus müssen zusätzlich ein Gestagen erhalten, das entweder sequenziell für mindestens zwölf bis vierzehn Tage pro Zyklus oder kontinuierlich kombiniert wird. Der Grund: Eine Estrogen-Monotherapie erhöht das Risiko einer Endometriumhyperplasie und eines Endometriumkarzinoms. Ein Beratungshinweis seitens des Apothekers schließt Therapiefehler aus.  

Das transparente Hormonpflaster wird zweimal wöchentlich, also alle drei bis vier Tage, gewechselt. Cave: Es gibt aut-idem-konforme Substitute, die als Sieben-Tage-Pflaster eine nur einmal wöchentliche Wechselhäufigkeit aufweisen. 

Nach heutigem Kenntnisstand wird zur Estrogen-Mangel-Therapie eine Behandlungsdauer von zwei Jahren empfohlen. Eine Osteoporoseprävention muss in der Regel über längere Zeit erfolgen.

Transdermale Pflaster sind eine Arzneiform mit Erklärungsbedarf: Das Hormonpflaster wird auf eine saubere, trockene, fettfreie, möglichst unbehaarte und intakte Hautpartie geklebt. Frisch rasierte Hautstellen mit feinen Schäden oder Reizungen dürfen nicht beklebt werden. Das Pflaster sollte für einen guten Hautkontakt mindestens zehn Sekunden mit der Hand fest angepresst werden. Empfohlen wird die hintere Hüftpartie, aber auch das Gesäß oder Abdomen. Die Taille sollte vermieden werden, da enge Kleidung das Pflaster ablösen kann. Das Pflaster darf nicht im Brustbereich appliziert und die Klebestelle muss regelmäßig gewechselt werden.  

Vor allem während des ersten Behandlungsjahres ist das Risiko für das Auftreten tiefer Venenthrombosen oder Lungenembolien erhöht. Da Rauchen das Risiko zusätzlich steigert, sollte unter Hormontherapie darauf verzichtet werden. Die Kundin muss sofort Kontakt mit einem Arzt aufnehmen, wenn sie Anzeichen einer thromboembolischen Erkrankung bemerkt: schmerzhafte Schwellung eines Beines, plötzlicher Schmerz im Brustkorb und/oder Atemnot. Dasselbe gilt für erstmalig migräneartige Kopfschmerzen, Gelbsucht, starken Blutdruckanstieg oder plötzliche Seh- oder Hörstörungen.  

Auch noch wichtig

Eine reversible Rötung der beklebten Hautstelle ist die häufigste berichtete Nebenwirkung. Besonders in der Anfangszeit treten häufig Spannungsgefühle in der Brust, irreguläre Blutungen oder eine Gewichtszunahme auf. 

Eine Hormontherapie erhöht das Brustkrebsrisiko in Abhängigkeit von der Anwendungsdauer. Bei Anwenderinnen einer Estrogen-Monotherapie ist das erhöhte Risiko deutlich geringer als bei Anwenderinnen von Estrogen-Gestagen-Kombinationspräparaten. Auch das Risiko für ein Ovarialkarzinom ist bei Langzeitanwendung geringfügig erhöht.

Wechselwirkungen mit verordneten Arzneimitteln und mit der Selbstmedikation sind zu beachten. So schwächt Johanniskraut, die Wirkung des Estradiols durch beschleunigten Abbau ab. 

Der DAZ.online-Beratungsquickie

Jede Woche präsentieren wir einen kurzen Fall, wie er im Apothekenalltag vorkommen könnte. Die Fälle und die Beratungshinweise basieren auf dem Rezepttrainer 1, dem Rezepttrainer 2 und dem HV-Trainer, des Deutschen Apotheker Verlags.
Die Beispiele geben Anregungen zur Beratung und anderen Dingen, die bei der Abgabe zu beachten sind:

  • Formalien-Check: unter anderem Informationen zur Verordnungsfähigkeit sowie Gültigkeit des Rezeptes

  • Beratungs-Basics: die wichtigsten Informationen zur Anwendung

  • Auch noch wichtig: Infos zu häufigen Nebenwirkungen und anderen Anwendungsproblemen, Wechselwirkungen mit der Selbstmedikation, Warnzeichen für Komplikationen, …

  • Darf`s ein bisschen mehr sein? Weitergehende Informationen und mögliche Zusatzempfehlungen

Fehlt was?
Haben wir etwas Wichtiges übersehen, haben Sie noch eine weitere Idee oder gar einen ganz anderen Ansatz? Nutzen Sie die Kommentarfunktion und lassen Sie es uns wissen.

Darf´s ein bisschen mehr sein?

•    Eine Hormonersatztherapie wird nur bei starken urogenitalen und vasomotorischen klimakterischen Beschwerden und nach Risikobewertung empfohlen. Anwenderinnen sind regelmäßige Krebsvorsorgeuntersuchungen anzuraten.

•    Transdermale Pflaster haben gegenüber einer peroralen Hormongabe den Vorteil einer niedrigeren Hormonbelastung durch Umgehung des First-Pass-Metabolismus. Vaginale Applikationsformen zeigen vorrangig lokale Effekte.

•    Zur Behandlung leichter Wechseljahresbeschwerden finden homöopathische (beispielsweise Klimaktoplant® N) oder phytotherapeutische Arzneimittel Anwendung. Gegebenenfalls in Kombination mit Johanniskraut (Remifemin® plus).

•    Der Einsatz von isolierten Isoflavonen aus Rotklee oder Soja sollte laut BfR nur postmenopausal bei gesunden Frauen unter Einhaltung der empfohlenen Maximaldosierungen zum Einsatz kommen. 

•    Gegen vaginale Trockenheit sind hydratisierende und pflegende Gel- und Salbenzubereitungen hilfreich.

•    Frühzeitig praktiziertes Beckenbodentraining ist die effektivste Prävention einer Harninkontinenz.

Die Kundin ist trotz möglicher Nebenwirkungen froh über die Möglichkeit einer Hormonersatztherapie. Ihr sei durchaus bewusst, dass die Wechseljahre einen natürlichen Prozess im Leben einer Frau darstellen. Das sei für sie als Betroffene aber wenig tröstlich. Die schlechte Laune, die Hitzegefühle, die Erschöpfung, die Falten und der Haarausfall zeigen vielmehr, dass die Natur mehr als grausam sei.


Manuela Kühn, Apothekerin
redaktion@daz.online


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2 Kommentare

Estradot Hormonpflaster 50, später 25

von Christa Frankenstein am 07.05.2017 um 17:38 Uhr

Liebe Redaktion,
ich habe eine Frage an Sie. Mein wunderbarer Gynäkologe hat mir mit 50 Jahren "Estradot 50", später dann "Estradot 25 Hormonpflaster verschrieben, das ich dann 25 Jahre genommen habe. Ich habe mich alle Jahre super gefühlt, und sehe auch heute noch 15 Jahre jünger aus. Dann wollte mein Körper es nicht mehr, die Beine meldeten sich. Ich habe die letzte Packung daraufhin nicht mehr aufgebraucht und sie entsorgt. Irgendwann muss ja auch mal Schluss sein. Meinen Arzt konnte ich deshalb nicht mehr fragen, er ging in den Ruhestand.
Nach und nach bekam ich fleckige Beine, die unschön aussehen. Und die Knöchel schwellen bei Wärme an. Organisch ist alles abgeklärt worden, ich bin sonst kerngesund, die Knochendicht hat sogar 96 %. Aber kein Arzt weiss, woher die Beinproblme kommen, vor allem nachts. Inzwischen helfe ich ihnen mit Venostasin Kapseln und Vetren-Gel zum Einreiben.

Mein Frage: Kann das Problem von der jahrelangen Behandlung mit dem Hormonpflaster kommen? Das war mein 1. Gedanke. Ich bitte Sie einmal um Ihre Antwort und vielleicht auch um Rat, wie ich es lösen könnte. Die Ärzte haben keine Lösung.
Im Voraus ganz herzlichen Dank.

freundliche Grüsse
Christa Frankenstein

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Hormontherapie in den Wechseljahren

von Obendorf Elke am 18.06.2016 um 7:46 Uhr

Viel Leid könnte Frauen erspart bleiben, wenn endlich bekannt wäre, dass der Wechsel schon viel früher einsetzt und mit einem Progesteronmangel (Gelbkörperhormonschwäche) beginnt.
Aber nicht einmal in Expertenkreisen ist Progesteron überhaupt bekannt und wenn, nur als das Hormon, das die Schwangerschaft erhält.
In der Prämenopause, in der die ersten schweren Probleme, wie Hitze, Depressionen,Schlafstörungen, Sehnen und Gelenksschmerzen, Myome und Brustschmerzen, starke Blutungen auftauchen , könnte man mit in der Apotheke individuell hergestellten Cremen hier schon eingreifen und die Beschwerden zum Verschwinden bringen. Immer noch ist nur das Östrogen Estradiol bekannt, das aber ohne den Modulatoren Progesteron und Estriol eine hohe Brustkrebsgefahr in sich birgt.
Warum sind die bioidentischen Sexualhormone immer noch in nicht als Standardtherapie anerkannt?
Warum wird der Hormonspeicheltest immer noch nicht von den Kassen bezahlt?
Warum ist immer noch nicht bekannt, dass Schilddrüse und Keimdrüsen zusammenarbeiten?
Warum wird lieber das Cholesterin gesenkt, als die Hormone wieder in Gleichklang gebracht?
Ist es der Mehraufwand, den eine Hormonanalyse bedeutet? Ist es die Mitarbeit des Patienten, die gefragt ist?
Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wunderbar die Behandlung anschlägt und wie erstaunt die Frauenärzte sind, wenn der Wechsel keine der erwarteten Probleme bereitet,
Ich wünschte mir, dass mehr Gynäkologen endlich die Scheu vor der transdermalen Therapie mit Progesteron, Testosteron und Co verlieren würden. Aber vielleicht ist ja Beschwerdefreiheit gar kein medizinisches Ziel mehr in der heutigen Zeit ??!

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