Zahngesundheit

Zahnunfall – was tun?

Schnelles Handeln erhält den Zahn

Von Rainer Hahn | Riskante Abfahrten und kühne Sprünge auf dem Snowboard – oder einfach nur ein eis­glatter Gehweg: nicht immer lassen sich Unfälle vermeiden und schnell kommt es zu einer Beschädigung oder zum Verlust eines Zahnes. Zahnunfälle stellen sich oft zwar dramatischer dar, als sie tatsächlich sind. Da Langzeitschäden jedoch nicht auszuschließen sind, sollte zeitnah eine zahnärztliche Abklärung erfolgen.

Risse im Zahnschmelz sind in der Regel unkritisch und können belassen werden. Es ist nicht damit zu rechnen, dass diese zu Zahnfrakturen führen. Aus Schmelzrissen resultierende Hypersensibilitäten werden durch regelmäßiges Auftragen von Zahn-Reparaturpasten (z. B. Apa Care® und Repair, GC Tooth Mousse®) behandelt. In ausgeprägten Fällen kann in Verbindung mit vom Zahnarzt hergestellten einfachen Tiefziehschienen (Medikamententrägerschienen) erfolgen. Nur bei ausgeprägten Schmelzrissen wird eine Verklebung mit zahnärztlichen Kunststoffen (Komposite) empfohlen.

Foto: Astrid Gast – stock.adobe.com

Zahnfraktur

Zahnfrakturen können als einfache oder komplizierte Fraktur vorliegen und sowohl die Zahnkrone als auch die Zahnwurzel (oft unsichtbar) betreffen. Bei einfachen Zahnfrakturen ist die Zahnpulpa (Zahnnerv) nicht eröffnet. Schmerzen treten häufig als Folge von Kalt- oder Süßreizen auf, da das Dentin (Zahnbein) freiliegt. Die langfristig beste Prognose wird erreicht, wenn die Zahnfragmente vom Zahnarzt adhäsiv mit Kunst­stoffen (Komposite) wieder befestigt werden. Um Farbdifferenzen zu vermeiden, sollten Zahnbruchstücke bis zur Wiederbefestigung feucht (z. B. in Wasser) gelagert werden.

Ist bei komplizierten Zahnfrakturen die Zahnpulpa eröffnet worden, sollte diese möglichst umgehend (binnen weniger Stunden) zahnärztlich versorgt werden. Während früher in diesem Fall häufig Wurzelkanalbehandlungen erforderlich waren, kann heute durch Einsatz moderner Reparatur­zemente (sogenannte MTA-Zemente) die Zahnpulpa oftmals vital erhalten werden. Dies hat vor allem bei Jugendlichen den Vorteil, dass das Wurzelwachstum (und damit nicht selten das Kieferwachstum) unbeeinflusst fort­gesetzt wird.

Erste Hilfe

Ob nach einem Unfall eine zahnrettende Behandlung erfolgreich ist, hängt von den Umständen und vom umsichtigen Verhalten der Betroffenen ab. Ist der Zahn nur stark gelockert oder hat er sich verschoben, so sollte man den Zahn nicht manipulieren, sondern nur vorsichtig die Zähne zusammenbeißen.

Ein ausgeschlagener Zahn sollte schnellst­möglich feucht gelagert werden. Dazu den Zahn möglichst nur an der Zahn­krone anfassen, die Wurzel­oberfläche nicht berühren oder säubern und in eine spezielle Rettungsbox legen (siehe Kasten „Zahnrettungsbox“).

Ist nur ein Stück vom Zahn abgebrochen oder Zahnschmelz abgesplittert, so sollte man das Bruchstück suchen und feucht aufbewahren bzw. transportieren. Steht keine Zahnrettungsbox zur Verfügung, kann der Zahn ersatzweise auch in H-Milch transportiert werden. In jedem Fall sollte man schnell zum Zahnarzt gehen.

Bei Wurzelfrakturen kommt es darauf an, an welcher Stelle der Wurzel diese auftreten. Grundsätzlich sollte jede Zahnfraktur röntgenologisch abgeklärt werden, um eine Wurzelfraktur auszuschließen. Während man früher glaubte, dass die Zahnpulpa bei allen Wurzelfrakturen nekrotisch wird, wissen wir heute, dass die Zahnpulpa trotz Wurzelfraktur nicht selten vital erhalten werden kann. Die betroffenen Zähne werden heute vom Zahnarzt kurzfristig geschient (z. B. 14 Tage) und sind vom Patienten bis zur Festigung zu schonen (weiche Speisen, Vorsicht bei Musikinstrumenten, abnehmbare weiche Tiefziehschienen, Sportschutz etc.). Erst wenn Anzeichen auf eine Pulpanekrose vorliegen, wie eine dunkle Verfärbung des Zahnes oder eine Fistelung, wird eine zumeist partielle Wurzelkanalbehandlung bis zum apikalen Fragment erwogen.

Übrigens: Blauverfärbungen von Zähnen im Zusammenhang mit einem Zahntrauma kommen durch interne Einblutungen zustande und sind in der Regel ohne dauerhaften Schaden für die Zahnpulpa reversibel. Auch beim Ausbleiben einer Reaktion auf Kaltreize – auch bei Sensibilitäts­prüfungen mit Kältestäbchen beim Zahnarzt – besteht kein Grund zur Beunruhigung. Dies ist häufig nach einem Zahntrauma ganz normal und kann bis zu 24 Monate anhalten.

Kommt es bei Milch-Frontzähnen zu einer komplizierten Zahn- oder Wurzelfraktur, so werden diese Zähne in der Regel entfernt. Mit zwei­einhalb Jahren stehen die bleibenden Frontzähne im Kieferknochen bereits so hoch, dass die platzerhaltende Funktion in der Regel durch diese gewährleistet ist und somit ein kieferorthopädischer Lückenhalter nicht erforderlich ist.

Die Entfernung von bleibenden Zähnen bis zum 21. Lebensjahr sollte wenn immer möglich unterbleiben, da diese eine wichtige Funktion für die Entwicklung des Kieferknochens haben. Vorzeitig entfernte Frontzähne (Zahnwurzeln) führen nicht selten zu massiven ästhetischen Beeinträchtigungen, die auch mit modernen Zahnimplantaten oder Knochenaufbautechniken oftmals nur unzureichend korrigiert werden können.

Spätfolgen an traumatisch geschädigten Zähnen können externe oder in­terne Resorptionen der Zähne sein, die durch ein Auflösen der Zahnwurzel vom Knochenfach her durch externe Verwachsungen bzw. Umbauvorgänge mit dem Alveolarknochen oder intern durch Entzündungszellen aus der Zahnpulpa verursacht werden. Diese Resorptionen können unterschiedlich rasch verlaufen, werden zumeist als Zufallsbefund nach Jahren entdeckt. Sie führen in der Regel zum Zahnverlust. Schützen kann man sich davor nicht. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass starre Schienungen, die über längere Zeit im Mund belassen werden, solche Resorptionen begünstigen können.

Ein Schlag auf den Zahn

Von einer Kontrusion – einem Schlag auf den Zahn – betroffene Zähne sind in der Regel einige Tage berührungs- oder besonders kälteempfindlich, jedoch weder gelockert noch verlagert. Spätfolgen sind sehr selten. Diese Zähne werden kurzzeitig z. B. durch eine Tiefziehschiene (flexibel) geschient und Überlastungen vermieden (Schonprogramm, weiche Speisen etc.).

Zahnlockerungen nach Trauma

Bleibt bei einem Zahntrauma der Zahn intakt, wird die Energie nicht selten in das Zahnfach (Alveole, Zahnhalteapparat) eingetragen. Dort kann es zum Einreißen der Bindegewebsfasern kommen, die die Zahnwurzel halten und damit zu Einblutungen in den Zahnhalteapparat, den Sulcus gingivalis oder das Zahnfleisch. In der Folge sind diese Zähne beweglich und klopf- oder kauempfindlich. Schäden am Zahnhalteapparat heilen in der Regel mit geringer Komplikationsquote (siehe oben genannte Resorptionen) aus, wenn diese z. B. für 14 Tage vom Zahnarzt geschient und vom Patienten geschont werden. Dies gilt für Milchzähne wie für bleibende Zähne.

Verlagerte Zähne

In Verbindung mit Zahntraumata kann es zu unterschiedlichen Ver­lagerungen kommen: Die Zähne können seitlich, nach innen oder nach außen verlagert sein, aus dem Zahnfach teilweise herausragen (Extrusion) oder in das Zahnfach eingesenkt (Intrusion) sein. Nicht selten bilden sich die Verlagerungen binnen weniger Tage von ganz alleine wieder zurück. Bei bleibenden Zähnen werden diese in der Regel vom Zahnarzt wieder reponiert, also wieder eingesetzt, und für zwei Wochen fest, danach flexibel geschient. Milchzähne werden belassen und beobachtet oder extrahiert.

Betroffene Zähne müssen sorgfältig nachkontrolliert werden, um Spät­folgen wie eine Pulpanekrose (ab­sterbende Zahnpulpa mit Verfärbung, Fistelung, Knochenabbau) oder Zahn- bzw. Wurzelresorptionen (s. o.) frühzeitig zu erkennen. Im Falle einer Pulpa­nekrose können die Zähne in der Regel mit einer Wurzelkanal­behandlung mit guter Prognose langfristig erhalten werden. Die Prognose von Resorptionen ist auch in Verbindung mit Wurzel­kanalbehandlungen langfristig schlecht. Nicht selten sind als Spätfolgen eine prothetische Versorgung mit einer Zahnbrücke oder einem Zahn­implantat erforderlich.

Zahnrettungsbox

Für ein erfolgreiches Wiedereinsetzen eines Zahnes sind die Verweildauer des Zahnes außerhalb des Mundes und das Transportmedium verantwortlich. Ausgeschlagene Zähne trocknen innerhalb weniger Minuten aus und die an der Wurzeloberfläche haftenden Zellen sterben ab. Das ideale Transport­medium ist eine Zahnrettungsbox. Sie enthält eine spezielle physiologische Zellnährlösung und ein Puffersystem zur Stabilisierung des pH-Werts. Darin kann das Austrocknen des Zahnes verhindert und ein Überleben über 24 bis 48 Stunden ermöglicht werden.

Solche Rettungsboxen sind z. B. Dentosafe® (Medice Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG), Miradent® Zahnrettungsbox (Hager Pharma GmbH) oder Dentanurse® Dental Notfall Set (Tropicare Deutschland GmbH).

Ansonsten gilt als Mittel der Wahl die Lagerung in gekühlter H-Milch, nicht optimal ist die Lagerung in steriler Kochsalzlösung, aber immer noch besser als in normalem Leitungswasser oder in einem trockenen Taschentuch.

Traumatisch bedingter Zahnverlust

Nach einer Avulsion (traumatisch bedingter vollständiger Zahnverlust) wird die Wiederbefestigung von bleibenden Zähnen in der Zahnalveole (Wurzelfach) durch das Zahnzement auf der Wurzeloberfläche gesteuert. Dieses bleibt nach einem traumatisch bedingten vollständigen Zahnverlust für etwa eine Stunde vital. Dabei sollte die Wurzel des ausgefallenen Zahnes unbedingt feucht gelagert werden, am besten in einer Zahnrettungsbox. Jede Minute zählt dabei (siehe Kasten „Erste Hilfe“ und „Zahnrettungsbox“). Das Zwischenzeitlich gebildete Blut­koagel in der Zahn­alveole wird vom Zahnarzt herausgespült und die schonend abgespülte Zahnwurzel vollständig reponiert sowie für 14 Tage starr geschient. Bei vitalem Wurzelzement kann sich der Zahnhalteapparat in der Regel regenerieren und der Zahn wächst wieder fest. Milchzähne werden generell nicht wieder reponiert.

In Fällen von nicht abgeschlossenem Wurzelwachstum bleibender Zähne (jugendliche Patienten) kann sogar die Zahnpulpa erneuten Gefäßanschluss finden und vital bleiben. Dies wird durch regelmäßige Nachuntersuchungen und Sensibilitätsprüfungen beim Zahnarzt kontrolliert. Auch hier gilt heute, dass, solange keine Zeichen einer Pulpanekrose auftreten, eine Wurzelkanalbehandlung von Kontrolltermin zu Kontrolltermin zurückgestellt werden kann. In Fällen von abgeschlossenem Wurzelwachstum (ältere Jugendliche und Patienten) sollte eine Wurzelkanalbehandlung erfolgen. Diese wird in der Regel direkt vor dem Entfernen der festen Schiene zwei Wochen nach dem Trauma durchgeführt, bevor eine flexible Schienung erfolgt. Spätfolgen sind erneut mögliche Wurzelresorptionen, die durch regelmäßige Kontrollen überwacht werden.

Wichtig vor allen Repositionen ist die Abklärung und gegebenenfalls Auffrischung des Tetanus-Impfschutzes sowie in seltenen Fällen eine begleitende antibiotische Therapie. |

Literatur beim Verfasser

Autor

Univ.-Prof. Dr. Rainer Hahn, Tübingen, ist Leiter der Abteilung für zahnärztliche Prävention an der Danube Private University in Krems, praktiziert in eigener Klinik in Tübingen und leitet seit 1997 die Fortbildungsakademie DentalSchool. Er ist Geschäftsführer der Firma Cumdente GmbH, die zahnmedizinische Produkte herstellt und vertreibt.

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