Interpharm 2019 - Polypharmazie im Alter

Zauberwort Deprescribing

Wie überflüssige Arzneimittel identifiziert und gezielt abgesetzt werden können

pj |Pharmazeutische Kompetenz ist in ganz besonderem Maße gefragt, wenn es darum geht, überflüssige Arzneimittel zu identifizieren und sie dann abzusetzen. Kein einfaches Unterfangen, das zudem in unserem Vergütungssystem bislang keinen Platz hat. Das machte Apothekerin Isabel Waltering in Ihrem Vortrag deutlich. Sie zeigte aber auch, wie gewinnbringend sich Apothekerinnen und Apotheker bei dem Thema Deprescribing einbringen können.
Foto: DAZ/Matthias Balk
„Absetzen muss belohnt werden, das ist der richtige Weg!“ – Apothekerin Isabel Waltering, PharmD, sensibilisierte für die Problematik der sinnvollen Arzneimittelreduktion bei multimorbiden älteren Patienten und das Thema Honorierung.

Unter „Deprescribing“ versteht man einen systematischen Prozess, bei dem Arzneimittel identifiziert und abgesetzt werden, bei denen potenzielle und manifeste Risiken und Schäden den tatsächlichen oder zu erwartenden Nutzen übersteigen. Die Evidenz für dieses Vorgehen lässt sich unter üblichen Studienendpunkten kaum einschätzen, da für die entscheidende Fragestellung, nämlich den Benefit eines Deprescribings, bislang noch keine Studienkriterien vorliegen. Das Deprescribing besteht nicht nur in einem simplen Absetzen von Arzneimitteln. Neben pharmazeutischem Wissen muss in geeigneten Quellen wie Beers- Priscus- und Forta-Listen recherchiert werden, welche Medikamente notwendig sind, welche abgesetzt werden können und ob für eine potenziell inadäquate Medikation (PIM) besser geeignete Alternativen vorliegen. Hierzu bietet sich folgendes Vorgehen an:

  • Erfassen der vollständigen Medikation
  • Abwägen der Arzneimittel-bezogenen Risiken gegen das Therapieziel
  • Nutzen-Risikobewertung für jedes einzelne Medikament
  • Bewerten der eingesetzten Arzneiform
  • Festlegen, welches Arzneimittel abgesetzt werden kann (nicht alle Medikamente gleichzeitig absetzen)
  • Implementieren eines Absetzplans mit Evaluation und Monitoring

Dies kann allerdings nur in enger Zusammenarbeit zwischen Arzt, Apotheker und Pflege erfolgen. Zudem muss das geplante Vorgehen unter Einbe­ziehen von Patient und Angehörigen besprochen werden und ist mit einem hohen Zeitaufwand verbunden.

Bei wem und was?

Ein Deprescribing ist vornehmlich bei bestimmten Patientengruppen sinnvoll. Das sind ältere, gebrechliche Patienten, Tumorpatienten, HIV-Patienten, palliativ betreute Patienten und Dialysepatienten. Im Einzelfall kann auch die Einnahme von PIMs erforderlich sein; es gibt aber Wirkstoffgruppen, bei denen ein Absetzen in der Regel indiziert ist. Dazu gehören Benzodiazepine und Z-Substanzen, Antipsychotika der ersten und zweiten Generation, trizyklische Antidepressiva, SSRIs, Anticholinergika, Cholinesterase-Hemmstoffe und Memantin, Opioide, PPIs, Statine, Bisphosphonate, Betablocker und Antikonvulsiva.

Welche Hilfsmittel?

Um ein standardisiertes Vorgehen zu ermöglichen, wurden 2017 und 2018 sogenannte Deprescribing-Guidelines sowie ein Deprescribing-Protokoll erarbeitet. Die Guidelines liegen in Form eines Fließdiagramms vor und sind derzeit für einige Arzneimittelgruppen wie Antidiabetika, Antipsychotika, Benzodiazepine, Protonenpumpen-Inhibitoren und Cholinesterase-Hemmer verfügbar. Für diese Wirkstoffgruppen wird unter Zuhilfenahme eines Algorithmus das genaue Vorgehen beim Absetzten erläutert. Ein weiteres Hilfsmittel ist Medstopper. Mit diesem Tool soll die Entscheidung beim Absetzen eines Medikaments erleichtert werden. Nach Auswahl der Medikation werden die Arzneimittel auf der Basis mehrerer Kriterien (Potenzial zur Symptomlinderung, präventives Potenzial und Risikopotenzial) in wahrscheinlich absetz­bare und besser nicht absetzbare Wirkstoffe eingestuft. Farbliche Hervorhebungen und Visualisierungen durch Smileys erleichtern eine schnelle Einstufung. Des Weiteren werden das Vorgehen beim Absetzen und dabei möglicherweise auftretende Symptome beschrieben. |

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