Arzneimittel und Therapie

In Lavendelöl steckt noch mehr

Wirksamkeit bei ängstlich depressiver Verstimmung bestätigt

Reines Lavendelöl wird zur Behandlung von Unruhezuständen bei ängstlicher Verstimmung angewendet. In einer aktuellen klinischen Studie war Lavendelöl auch bei gemischter ängstlicher und depressiver Verstimmung wirksam. Sowohl Alltagskompetenz als auch Lebensqualität der Betroffenen konnten so verbessert werden.
Foto: Marika San – Fotolia.com

Silexan, das im Präparat Lasea® enthaltene patentierte Lavendelöl, ist seit 2009 in Deutschland zur Behandlung von Unruhezuständen bei ängstlicher Verstimmung zugelassen. In mehreren klinischen Studien wurde die anxiolytische Wirkung von Silexan bestätigt. Außerdem wurden Hinweise auf einen antidepressiven Effekt gefunden.

Ängstliche Unruhe und depressive Zustände treten oft zusammen auf. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat diese Erkrankung unter der Bezeichnung „ängstlich depressive Verstimmung“ (Mixed Anxiety and Depressive Disorder, MADD) in die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten aufgenommen (ICD-10), allerdings vorausgesetzt, dass Angst und Depression für sich genommen keine eigenständige Diagnose rechtfertigen. Nun wurde erstmals die Wirksamkeit von Lavendelöl bei ängstlich depressiver Verstimmung in einer randomisierten, Placebo-kontrollierten klinischen Studie untersucht. Eingeschlossen wurden 318 Patienten, die nach Beurteilung durch einen spezialisierten Psychiater unter ängstlich depressiver Verstimmung litten. Für die Randomisierung mussten die Patienten mindestens 18 Punkte auf der Hamilton Anxiety Rating Scale (HAMA), einem psychologischen Fragebogen zur Ermittlung der Schwere der Angststörung, und dabei mindestens zwei Punkte bei den Symptomen „Ängst­liche Verstimmung“ und „Depressive Verstimmung“ zeigen. Patienten, die auf der Montgomery Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) zur Bestimmung des Schweregrads der Depression mehr als zwei Punkte unter „Suizidgedanken“ zeigten, wurden ausgeschlossen.

Wie wirkt Silexan eigentlich?

In Analogie zu Benzodiazepinen wurde eine Wirkung von Silexan über GABAA-Rezeptoren angenommen. Dieser Mechanismus wurde inzwischen widerlegt. Dagegen vermutet man auf zellulärer Ebene zumindest indirekt eine serotonerge Beteiligung. Auch glutamaterge Signalwege werden diskutiert. Auf der Suche nach dem Wirkmechanismus wurden allerdings häufig sehr hohe In-vitro-Konzentrationen von Lavendelöl eingesetzt, die kaum die realen Bedingungen widerspiegeln. Für Silexan sicher belegt ist die präsynaptische Hemmung des spannungsabhängigen Calcium-Einstroms in die Synaptosomen, auch unter therapeutischen Konzentrationen. Mit dieser Wirkung weist Silexan Parallelen zum Anxiolytikum Pregabalin auf, allerdings ohne das gleiche Target zu bedienen. Das erklärt auch die deutlichen Unterschiede im pharmakologischen Profil, so wirkt Silexan beispielsweise nicht sedierend.

[Müller WE et al. Pharmakologische Grundlagen der therapeutischen Anwendung von Silexan. Psychopharmakotherapie 2015;22:3–14]

Silexan punktet versus Placebo

Die Studienteilnehmer erhielten über 70 Tage einmal täglich eine Kapsel mit 80 mg Silexan oder Placebo. Ermittelt wurde die Veränderung von HAMA- und MADRS-Score gegenüber Baseline als Hinweis auf eine anxiolytische bzw. antidepressive Wirkung.

Nach zehnwöchiger Einnahme ver­ringerte sich der HAMA-Score um 10,8 ± 9,6 Punkte in der Silexan-Gruppe verglichen mit 8,4 ± 8,9 in der Placebo-Gruppe (p = 0,02). Der MADRS-Score sank in der Silexan-Gruppe um 9,2 ± 9,9 Punkte im Vergleich zu 6,1 ± 7,6 unter Placebo (p < 0,01). Somit waren der antidepressive und der anxiolytische Effekt ungefähr gleich stark ausgeprägt. Insgesamt profitierten die Patienten nach Silexan-Gabe von einer verbesserten Alltagskompetenz und einer erhöhten Lebensqualität. Das Lavendelöl-Präparat war ins­gesamt gut verträglich. Als einzig ­nennenswerte Nebenwirkung trat ­Aufstoßen bei 10% der Patienten aus der Silexan-Gruppe auf.

Altes Hausmittel neu entdeckt

Somit bleibt Lavendel als Arzneipflanze weiterhin ein wichtiger Bestandteil der modernen, rationalen Phytotherapie. Auch für den Apotheken-Alltag dürfte dieses Studienergebnis bedeutsam sein, denn depressive und ängstliche Verstimmungen sind im Beratungsgespräch oft nicht leicht zu ­trennen. Der begleitende Kommentar er­innert daran, dass in jedem Fall die Grenzen der Selbstmedikation erkannt werden müssen, um schwere Depressionen rechtzeitig adäquat zu behandeln. |

Quelle

Kasper S et al. Efficacy of Silexan in mixed anxiety-depression - A randomized, placebo-controlled trial. Eur Neuropsychopharmacol 2016;26:331-340; doi: http://dx.doi.org/10.1016/j.euroneuro.2015.12.002

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