Arzneimittel und Therapie

Was ist eigentlich Pfeiffersches Drüsenfieber?

Harmlose Kusskrankheit oder wichtige Differenzialdiagnose?

Im Kleinkindalter zeigt die Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus meist keine Symptome. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann es zum typischen Krankheitsbild des Pfeifferschen Drüsenfiebers kommen. Im Allgemeinen ist die Prognose gut, schwere Verläufe und Komplikationen sind die Ausnahme. Dennoch sollte die Erkrankung – auch differenzialdiagnostisch – ernst genommen werden.

Verursacht wird die infektiöse Mononukleose – so die korrekte medizinische Bezeichnung – durch das weltweit verbreitete Epstein-Barr-Virus (EBV), das zur Gruppe der humanpathogenen Herpes-Viren gehört (s. Kasten). Man schätzt, dass sich etwa 95% der europäischen Bevölkerung bis zum 30. Lebensjahr mit dem Epstein-Barr-Virus infiziert haben und daher über Antikörper verfügen (gegen das nukleäre Antigen des Erregers = Anti-EBNA-1-IgG).

Erreger der Kuss-Krankheit – verantwortlich für Autoimmun- und Krebserkrankungen?

Das 1964 entdeckte Epstein-Barr-Virus infiziert B-Lymphozyten und das Epithel des Nasopharynx; zirkulierende B-Zellen verbreiten die Infektion in Leber, Milz und Lymphknoten.

Charakteristisch im Differenzialblutbild ist eine relative Lymphozytose mit einem Anteil von 60 bis 90% mononukleärer Zellen als Immunreaktion („Mononukleose“). Hierbei handelt es sich um gegen EBV gerichtete T-Lymphozyten mit atypischer Morphologie.

Eine schnelle und effiziente T-Zell-Antwort kontrolliert den primären Infekt und führt zu einer lebenslangen Suppression von Epstein-Barr-Viren. Demgegenüber besteht bei ineffizienter Immunabwehr die Gefahr, dass sich das Virus bzw. befallene B-Lymphozyten unkontrolliert vermehren. So besteht seit einigen Jahren der Verdacht, dass das Epstein-Barr-Virus auch eine pathogenetische Rolle bei verschiedenen, teils seltenen Erkrankungen spielt, beispielsweise

  • bei Morbus Hodgkin, beim B-Zell-Lymphom, bei Aids oder bei der posttransplantativen lymphoproliferativen Erkrankung (PLTD),
  • in Afrika beim Burkitt-Lymphom, in Asien bei einem dort häufigen Nasopharynx-Karzinom,
  • bei Autoimmunerkrankungen wie multipler Sklerose, systemischem Lupus erythematodes und rheumatoider Arthritis,
  • eventuell auch beim chronischen Erschöpfungssyndrom (CFS).

„A kiss is just a kiss”?

Die Ansteckung erfolgt in erster Linie oropharyngeal, das heißt durch direkten Speichelkontakt, wie es vor allem beim Küssen der Fall ist (kissing disease). Auch eine Tröpfcheninfektion ist möglich, eher selten ist die genitale Übertragung. Die Inkubationszeit beträgt bei Kindern sieben bis 30 Tage, bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist sie mit vier bis sieben Wochen deutlich länger. Der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr. Bei Menschen mit einem intakten Immunsystem tritt die Erkrankung, wenn überhaupt, nur einmal im Leben in Erscheinung, danach besteht eine lebenslange Immunität.


Abhängig vom Alter der infizierten Person verläuft die Infektion sehr unterschiedlich, beim Kleinkind oft ohne nennenswerte Beschwerden und daher unbemerkt. Bei älteren Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen kann sich das nach dem deutschen Kinderarzt Emil Pfeiffer benannte Krankheitsbild entwickeln, das häufig eine typische Trias aufweist:

  • Nach grippeähnlichen Beschwerden wie Abgeschlagenheit und Kopf-/Gliederschmerzen kommt es zu einer schmerz- und hochfieberhaften (bis 39°C) Pharyngitis und/oder Angina tonsillaris (siehe Foto).
  • Ebenso zeigt sich eine eher wenig schmerzhafte Lymphknotenschwellung – am stärksten im Halsbereich (Kieferwinkel) und im Nacken, aber auch in anderen Körperregionen, etwa unter den Armen oder in der Leistengegend. Einzelne Lymphknoten können hühnereigroß werden.
  • Im Differenzialblutbild fallen eine Leukozytose (10.000 bis 30.000/µl) sowie relative Lymphozytose mit 60 bis 90% atypischen mononukleären „Pfeiffer-Zellen“ auf.
Foto: Dr. P. Marazzi/SPL/Agentur Focus

Angina tonsillaris bei infektiöser Mononukleose Typisch sind geschwollene hochrote Mandeln mit weißlich-grauem, auch eitrigem Belag und kleine Einblutungen am harten Gaumen.

Häufig zeigt sich zusätzlich eine Splenomegalie, die gegen Ende der Erkrankung, etwa nach zwei bis drei Wochen, ihr Maximum erreicht, um sich dann wieder zurückzubilden. Eher selten entwickelt sich eine Hepatomegalie mit leichtem Ikterus. Gravierende, jedoch ebenfalls sehr seltene Komplikationen sind eine Myokarditis, eine Meningitis bzw. Meningoezephalitis, ein Guillain-Barré-Syndrom (eine entzündliche demyelinisierende Polyneuropathie) oder eine Milzruptur (s. Kasten „Notfall: Milzruptur!“).

Im Allgemeinen ist die Prognose aber gut, und die infektiöse Mononukleose heilt spontan aus. Allerdings werden immer wieder auch protrahierte Verläufe beschrieben, bei denen die Betroffenen – meist ältere Kinder oder jüngere Erwachsene – monatelang unter einem starken Krankheitsgefühl auch mit erhöhten Körpertemperaturen leiden. Differenzialdiagnostisch sollten daher auch andere Erkrankungen bedacht werden, etwa eine

  • durch ß-hämolysierende Streptokokken hervorgerufene eitrige Angina,
  • Infektion mit dem Zytomegalie- oder HI-Virus,
  • andere Infektionskrankheit wie z. B. Tuberkulose oder Diphtherie,
  • eine Autoimmun- oder maligne Erkrankung wie z. B. T-Zell-Lymphom.

Notfall: Milzruptur!

Wenn das an Pfeifferschem Drüsenfieber erkrankte Kind akut Schmerzen im linken Oberbauch entwickelt und blass wird, könnte es sich um eine lebensbedrohliche Milzruptur handeln. Daher sollte bei geschwollener Milz auf körperliche Anstrengungen und Sport, vor allem Ball- und Kontaktsport, verzichtet werden.

Meist symptomatische Therapie

Eine kausale Behandlung der infektiösen Mononukleose ist nicht möglich, meist aber auch nicht erforderlich. Symptomatisch empfiehlt sich Schonung, bei stärkerem Krankheitsgefühl Bettruhe, bei geschwollener Milz Verzicht auf Sport (ca. acht Wochen). Die entzündlichen Halsschmerzen lassen sich durch Mundspülungen und Gurgeln mit Kamille-Lösungen lindern, bei Fieber sollten vor allem Kinder viel trinken. Gegen Fieber und Schmerzen können Analgetika wie Ibuprofen oder Diclofenac verabreicht werden, während Acetylsalicylsäure wegen der Gefahr tonsillärer Blutungen vermieden werden sollte. Bei starker Schwellung von Tonsillen, Milz oder Lymphknoten sind Corticosteroide eine therapeutische Option, allerdings fehlen hier reproduzierbare Studiennachweise.

In ca. 10% der Fälle kommt es zu einer bakteriell-eitrigen Angina, die gegebenenfalls antibiotisch behandelt werden muss, z. B. mit Doxycyclin. Da sie ein juckendes großfleckiges masernähnliches Exanthem auslösen können, dürfen Ampicillin und Amoxicillin hier nicht verabreicht werden. |

Quelle

Herold G. Epstein-Barr-Virus-Infektion. In: Innere Medizin. Köln: Gerd Herold; 2014; 856-857

Pfeiffersches Drüsenfieber – Definition und Häufigkeit. www.hno-aerzte-im-netz.de

Cunha BA. Infectious Mononucleosis in Emergency Medicine, 2009. http://emedicine.medscape.com/article/222040

Renz-Polster H, Menche N, Schäffler A. Gesundheit für Kinder. München: Kösel; 2004:245-246

Grevers G. Pharynx und Ösophagus. In: Probst R, Grevers G, Iro H. Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Stuttgart, New York: Georg Thieme Verlag; 2000:116-118

Clemens Bilharz, Facharzt für Anästhesiologie und Intensivmedizin