Fortbildung

Wenn Viren Krebs verursachen – Zervixkarzinom

Er gilt als Wegbereiter für den Ansatz, Krebs durch Impfung zu verhindern und zu bekämpfen: Prof. Dr. Harald zur Hausen. Anfangs galt er als Außenseiter mit seiner Theorie, humane Papillomaviren könnten für Gebärmutterhalskrebs verantwortlich sein. Doch er blieb hartnäckig und wies die Viren in Tumorzellen von Frauen mit Zervixkarzinom nach, wofür er 2008 mit dem Nobelpreis geehrt wurde. Er war an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen den Gebärmutterhalskrebs beteiligt, der durch humane Papilloma-Viren ausgelöst wird. Wie er in seinem Vortrag herausstellte, gibt es Hoffnung, auch andere Krebsarten durch Impfungen zu verhindern.
Foto: DAZ/diz
Harald zur Hausen

Zahlreiche Viren können für die Auslösung von Krebserkrankungen verantwortlich sein. Das Epstein-Barr-Virus kann beispielsweise Magenkrebs, nasopharyngealen Krebs und Lymphome auslösen. Polyoma-Viren verursachen Merkel-Zell-Krebs. Leberkrebs kann auf die Beteiligung von Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Viren zurückgeführt werden. Aber auch Bakterien (z. B. Beteiligung von Helicobacter pylori an Magenkrebs) und Parasiten (z. B. Schistosoma haematolytica) können eine Rolle bei der Entstehung bestimmter Krebsarten spielen.

Eine Hepatitis-B-Infektion ist verantwortlich für 80% der Leberzellkrebse in Afrika und Asien. Infizierte Mütter übertragen die Viren bereits bei der Geburt auf ihre Kinder. Eine Impfung gegen Hepatitis B ist somit auch eine Schutzimpfung gegen Krebs. In Taiwan beispielsweise werden Kinder gegen Hepatitis B zwangsgeimpft mit der Folge, dass die Leberkrebserkrankungen zurückgegangen sind.

Für humane Papilloma-Viren konnte man zeigen, dass sie außer für Gebärmutterhalskrebs auch Ursache für oropharyngeale Krebsformen sein können. 20 Prozent aller Krebserkrankungen weltweit werden durch Infektionen ausgelöst, hob zur Hausen hervor. Doch darin liegt auch eine Chance, denn jede Entdeckung eines krebsauslösenden Bakteriums oder Virus legt die Grundlage für einen Impfstoff, der nicht nur vor der Infektion, sondern auch vor Krebs schützen kann.

Gebärmutterhalskrebs

In Deutschland werden laut Robert Koch-Institut jedes Jahr etwa 6500 neue Fälle von Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert. Die Letalität liegt bei etwa 50 Prozent. Mit einem Anteil von 2,8 Prozent ist diese Krebsart derzeit die zwölfhäufigste bösartige Erkrankung bei Frauen. Weltweit leiden etwa 250.000 Frauen an dieser Krebserkrankung.

Besonders betroffen sind Frauen zwischen dem 40. und 59. Lebensjahr. Ein zweiter Anstieg der Häufigkeit zeigt sich nach dem 60. Lebensjahr. Bei Frauen im Alter von 20 bis 40 Jahren sieht man Vorstufen und Frühformen von Gebärmutterhalskrebs.

Bereits im 19. Jahrhundert stellte man fest, dass sexuelle Kontakte für diese Erkrankung eine Rolle spielen: Ein italienischer Arzt beobachtete schon 1842, dass Nonnen seltener an Gebärmutterhalskrebs starben als Prostituierte. Anfangs vermutete man, dass Herpes-simplex-Viren beteiligt sein könnten, doch zur Hausen stieß in seiner Forschung auf die humanen Papillomviren (HPV) als Auslöser für ein Zervixkarzinom. HP-Viren waren bereits dadurch aufgefallen, dass sie Warzen an den Geschlechtsorganen induzierten, bei Tieren wie Rindern oder Kaninchen dagegen ließen sie krebsähnliche Geschwüre wachsen.

Doktoranden von zur Hausen hatten das humane Papillomvirus Typ 16 und Typ 18 in Geweben von Zervixkarzinomen entdeckt. Schon bald stellte man fest, dass die Viren beim Geschlechtsverkehr übertragen werden. Die Schwierigkeit, die Infektion mit der Krebsentstehung in Zusammenhang zu bringen, lag unter anderem an der langen Latenzzeit von 15 bis 20 Jahren. Hinzu kommt, dass bei Weitem nicht alle infizierten Frauen ein Zervixkarzinom entwickeln, bei den meisten Menschen verschwindet das Virus von selbst. Bei Menschen mit geschwächtem oder krankem Immunsystem, aber auch bei Raucherinnen nisten sich HPV 16 und 18 bevorzugt im Zellkern und im Erbgut der Zellen in der Gebärmutterschleimhaut ein und verändern über Jahre hinweg das Genom.

Der HPV-Impfstoff

Mit der Erkenntnis, dass Gebärmutterhalskrebs durch Viren ausgelöst wird, begannen sich die Arbeiten auf die Herstellung eines Impfstoffs zu konzentrieren. Ein Hüllprotein des Virus reicht aus, um das Immunsystem zu aktivieren.

Zur Hausen arbeitete anfangs mit den Behring-Werken zusammen, die allerdings die Entwicklung wieder einstellten. Heute wird der Impfstoff gentechnisch hergestellt.

Derzeit sind zwei HPV-Impfstoffe zugelassen: Cervarix ist ein bivalenter Impfstoff und ausschließlich gegen die HPV-Typen 16 und 18 wirksam. Gardasil ist ein tetravalenter Impfstoff (Vierfach-Impfstoff) und richtet sich gegen die HPV-Typen 6, 11, 16 und 18. Die Wirksamkeit des tetravalenten Impfstoffs hinsichtlich der Vorbeugung gegen die durch die entsprechenden HPV-Typen hervorgerufenen Vorstufen des Gebärmutterhalskrebses lag in klinischen Studien bei 98 bis 100% für vorher nicht HPV-infizierte Probanden.

Nach Gabe ruft der Impfstoff hohe Antikörperspiegel im Körper hervor, während nach einer natürlichen Infektion keine nennenswerte Erhöhung der Antikörperspiegel zu sehen ist. Die Impfung verläuft ohne signifikante Nebenwirkungen. Der protektive Effekt für bisher nicht infizierte Frauen ist nahezu 100 Prozent.

Wann soll geimpft werden?

Derzeit wird empfohlen, Mädchen in der Altersgruppe zwischen 12 und 17 Jahren zu impfen. Besser wäre es allerdings, so zur Hausen, bereits die Neun- bis Zwölfjährigen zu impfen. Überlegenswert wäre es auch, ob man nicht Jungen impft.

Es wurde bereits gefordert (The Lancet, 2007), die Impfung gegen HPV für alle elf- bis zwölfjährigen Mädchen in der EU zur Pflicht zu machen. Die STIKO (Ständige Impfkommisson in Deutschland) empfiehlt zur Reduktion der Krankheitslast durch den Gebärmutterhalskrebs die Einführung einer generellen Impfung gegen humane Papillomaviren (Typen HPV 16, 18) für alle Mädchen im Alter von zwölf bis 17 Jahren. Die Impfung mit drei Dosen sollte vor dem ersten Geschlechtsverkehr abgeschlossen sein. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts besteht nach der Impfung eine Immunität von rund fünf Jahren. Unklar ist, ob danach eine Auffrischimpfung empfohlen werden soll.

Kassen bezahlen

Von den gesetzlichen Krankenkassen werden die Kosten für die HPV-Impfung für Mädchen dieses Alters übernommen, nachdem der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) die Aufnahme der HPV-Impfung in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen im Juni 2007 beschlossen hatte. Von einigen Kassen werden die Kosten der Impfung auch außerhalb dieser Altersgrenzen übernommen. Grundsätzlich können auch Frauen, die älter als 17 Jahre sind, nach individueller Beratung auf der Basis der Impfstoffzulassung ohne obere Altersgrenze geimpft werden.

Da die Langzeitwirksamkeit der Impfung noch unbekannt ist, Gebärmutterhalskrebs sich aber sehr langsam entwickelt, ist derzeit unklar, ob die Impfung tatsächlich die Häufigkeit von Zervixkarzinomen herabsetzen kann. Weil die Impfung noch relativ neu ist, gibt es bisher auch keine Belege dafür, ob sie die Sterblichkeit durch Gebärmutterhalskrebs vermindern kann.

Wie zur Hausen anmerkte, sind allerdings die Preise für diesen Impfstoff viel zu hoch, was vor allem seine Verbreitung und seinen Einsatz in Entwicklungsländern behindert. Zudem wäre es optimal, wenn der Impfstoff keine Kühlkette benötigen würde und die Applikation nicht invasiv wäre.

diz



DAZ 2011, Nr. 23, S. 67


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