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Screening senkt Mortalität

Obwohl Vorsorgeuntersuchungen die Darmkrebsmortalität senken, finden sie in der Bevölkerung nur wenig Akzeptanz. Eine verbesserte Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung können dazu beitragen, die Inzidenz der derzeit noch zweithäufigsten Tumorerkrankung zu reduzieren, so Prof. Dr. Jürgen Riemann, Ludwigshafen.
Foto: DAZ/pj
Jürgen Riemann

Kolorektale Tumoren zählen zu den wenigen Krebserkrankungen, die frühzeitig erkannt und deren Vorstufen entfernt werden können. Dies liegt an der Pathogenese kolorektaler Tumoren, die sich über einen langen Zeitraum von etwa zehn bis fünfzehn Jahren hinweg aus dysplastischen Zellen über mehrere Stufen vom Adenom zum Karzinom entwickeln. Auf diese Art werden rund drei Viertel aller kolorektalen Tumore gebildet und die lange Entstehungszeit ermöglicht eine praktikable Vorsorge. Bei anderen Wegen der kolorektalen Karzinogenese, vor allem bei bestimmten genetischen Belastungen, erfolgt die Tumorentwicklung wesentlich schneller und die betroffenen Patienten müssen in deutlich kürzeren Abständen untersucht werden.


Primärprävention


Ein gesunder Lebensstil senkt das individuelle Darmkrebsrisiko um rund 40%.

  • genügend Bewegung
  • ausgewogene Ernährung (viel Obst und Gemüse, wenig rotes Fleisch)
  • wenig Alkohol
  • kein Nicotin
  • Chemoprävention?

Koloskopie ab 55, für Risikogruppen früher

Für die Früherkennung kolorektaler Karzinome wird seit 1977 von der gesetzlichen Krankenversicherung der Guajac-basierte Test auf verborgenes Blut im Stuhl (gFOBT) angeboten; seit 2002 zusätzlich die Vorsorgekoloskopie. Diese wird ab dem 56. Lebensjahr empfohlen und kann bei unauffälligem Befund nach zehn Jahren wiederholt werden. Der Test auf okkultes Blut im Stuhl kann im Alter zwischen 50 und 54 Jahren jährlich, ab 55 Jahren, wenn keine Koloskopie in Anspruch genommen wird, zweijährlich durchgeführt werden. Für Risikopatienten wie etwa Träger bestimmter genetischer Dispositionen (so etwa bei der familiären adenomatösen Polyposis oder beim hereditären nicht polypösen Karzinom HNPCC) werden engmaschigere und zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt durchgeführte Koloskopien empfohlen. Weitere Risikogruppen, bei denen das Darmkrebsrisiko erhöht ist, sind nahe Verwandte von an Darmkrebs erkrankten Menschen, Patienten mit metabolischem Syndrom und Diabetes Typ 2 sowie Raucher.


Stiftung LebensBlicke


1998 wurde die Stiftung LebensBlicke gegründet, mit dem Ziel, die Zahl der Darmkrebstoten bis zum Jahr 2010 zu halbieren. Dieses, von zahlreichen Personen des öffentlichen Lebens unterstützte Ziel wurde zwar noch nicht erreicht, doch führten Aufklärungsarbeit und Kampagnen zu einer vermehrten Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen. Folgende Botschaften sollen die Akzeptanz der Koloskopie in der Bevölkerung erhöhen:

  • Information ist besser als Tabuisierung.
  • Vorsorge ist besser als Verdrängung.
  • Früherkennung ist besser als Spätdiagnose.

Was findet man bei der Spiegelung?

Das Risiko eines Menschen, im Lauf seines Lebens an Darmkrebs zu erkranken, liegt in einer Größenordnung von 6 bis 7%. Beim Screening einer asymptomatischen Bevölkerung werden bei 62% der Untersuchten keine oder harmlose hyperplastische Veränderungen, bei 37% Adenome und bei 1% Karzinome festgestellt. Die Akzeptanz der Koloskopie liegt in Deutschland bei rund 17% für Frauen und etwa 12% für Männer. Die Komplikationsrate ist mit rund 2 Promille sehr gering.

Wie effektiv sind Vorsorgeuntersuchungen?

Eine konsequente Anwendung des Testes auf okkultes Blut führt zu einer Reduktion der Darmkrebsinzidenz um bis zu 20%. Diese Daten basieren auf einer Evidenz mit höchstem Niveau. Für die Effektivität einer Koloskopie fehlen bislang Evidenz-basierte Angaben (der Zeitraum ist hierfür noch zu kurz). Man schätzt jedoch, dass bei einer konsequenten Entfernung aller Polypen bei einer asymptomatischen Bevölkerungsgruppe ab 50 Jahren mit einer Inzidenzreduktion zwischen 76 und 90% zu rechnen ist.

Eine Koloskopie kann bei der Früh-erkennung kolorektaler Karzinome helfen,da sie sich meist nur langsam über Jahre hinweg aus Vorstufen entwickeln.

Neue Screening-Methoden

In der Entwicklung sind immunologische, molekulare und enzymatische Stuhltests. Immunologische Stuhltests (iFODT) sind bereits verfügbar, allerdings fehlen noch einheitliche Bewertungen und Qualitätskriterien. Ein weiterer Ansatz ist die Untersuchung des Blutes auf tumorspezifische methylierte DNA. Mit dieser Methode können derzeit allerdings nur Tumoren in fortgeschrittenen Stadien erkannt werden, Vorstufen werden nicht erfasst.

Zu den virtuellen Verfahren zählt die 3D-CT-Kolonographie, die in Deutschland aufgrund der damit verbundenen Strahlenbelastung nicht zugelassen ist. Zu erwähnen ist ferner die Kolonkapsel (Pillcam), bei der eine oral verabreichte Kapsel mit zwei Kameras bestückt ist, die das Darminnere ablichten. Vielleicht eignet sich diese Methode, um im Vorfeld eine Abgrenzung zwischen asymptomatischen und klärungsbedürftigen Befunden vorzunehmen und anschließend nur noch die Patienten mit Auffälligkeiten zu koloskopieren. 

pj



DAZ 2011, Nr. 23, S. 58


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