Der dpv informiert

Wie die Postkoitalverhütung sichergestellt wird

Am 29. November 2007 fand auf Einladung des Bundesverbandes pro familia* ein Expertengespräch zum Thema Postkoitalverhütung statt. Es wurde zu aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und internationalen Einschätzungen betreffend die Anwendung von Levonorgestrel in der hormonellen Nachverhütung und über die aktuelle Versorgungssituation mit diesem Medikament informiert. Geladen waren die Bundestagsabgeordneten des Gesundheits- und des Familienausschusses. Frau Marqwardt vom Deutschen Pharmazeutinnen Verband (dpv) nahm als Expertin an diesem Gespräch teil.

* pro familia arbeitet seit vielen Jahren eng mit der Weltgesundheitsorganisation WHO und internationalen Forschungsgruppen auf dem Gebiet Verhütung/hormonelle Nachverhütung zusammen. Die Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e. V. bietet neben Informationen für Laien in mehreren Sprachen auch Informationen für Fachleute an. Diese sind jederzeit bei den Beratungsstellen abrufbar oder im Internet über www.profamilia.de herunterzuladen.


In ihrem Einführungsreferat schildert Frau Dr. med. Ines Thonke, Bundesverband profamilia, exemplarische Situationen, mit denen Frauen am Wochenende konfrontiert werden, wenn sie eine hormonelle Nachverhütung benötigen. In vielen Landesteilen der Bundesrepublik werden die betroffenen Frauen an die gynäkologische Notaufnahme der Krankenhäuser verwiesen. Einige Kliniken führen Untersuchungen durch, die von Fachleuten als überflüssig bestätigt werden. Die dadurch entstehenden Kosten müssen die Frauen privat bezahlen. Sie betragen bis zu 90 Euro, ein Betrag, der für viele Frauen unerschwinglich ist.

Frau Christine Bruhns, Gesundheitswissenschaftlerin Public Health mit Schwerpunkt Postkoitale Verhütung, berichtet, dass Frauen mit dem Wunsch einer Nachverhütung von Kliniken in Zeiten großen Andrangs abgewiesen werden, weil es sich nicht um einen medizinischen Notfall handelt. Leider erhalten die Frauen entgegen den heutigen Erkenntnissen den fatalen Hinweis, bei der Einnahme bestehe ein Zeitfenster von 72 Stunden. Die Aussage der Weltgesundheitsorganisation: "Je früher die Einnahme, desto höher die Wirksamkeit" wird dabei konterkariert. Viele Krankenhäuser, aber auch Notdienstzentralen weisen die Frauen generell ab. Es beginnt dann häufig eine menschenunwürdige Odyssee durch verschiedene Institutionen. Während sich die Verfügbarkeit für die sogenannte "Pille danach" in den europäischen Nachbarländern stetig verbessert, hat sich diesbezüglich die Situation in Deutschland durch unklare Zuständigkeiten, uneinheitliche Abrechnungsmodalitäten und hohen Zeitaufwand bis zum Erhalt des Präparats in den letzten zwei Jahren eher verschlechtert.

Leider gibt es auch Apotheken, die das Präparat nicht vorrätig haben, wodurch das nach neuesten Erkenntnissen enge Zeitfenster überschritten werden kann.

Frau Dr. Anja Guttinger, Gynäkologin am Royal College in Edinburgh, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Nachverhütung. Sie arbeitet wissenschaftlich auf diesem Gebiet in der Forschungsgruppe von Anna Glasier am Queens Medical Research Institute. Die Forschungsgruppe um Anna Glasier ist auf dem Gebiet der Nachverhütung international führend und hat erst kürzlich nachweisen können, dass Levonorgestrel nur wirkt, solange kein Eisprung stattgefunden hat. Damit wäre der Mythos einer "Abtreibungspille" eindeutig nicht mehr haltbar. Allerdings bedeutet es auch, dass möglichst ein Zeitfenster von zwölf Stunden bis zur Einnahme eingehalten werden sollte.

Frau Dr. Guttinger berichtet in ihrem Vortrag über die Auswirkungen, die die Entlassung der "Pille danach" aus der Verschreibungspflicht in Großbritannien hatte. Seit der Freigabe der "Pille danach" im Jahre 2001 aus der absoluten Verschreibungspflicht eines Arztes haben sich die Abgabezahlen Richtung Apotheke verschoben. Die Familienplanungszentren sind deutlich entlastet worden. Wichtige Umfragen, die teilweise anonym über das Internet durchgeführt werden konnten, ergaben, dass die Frauen ihr sexuelles Verhalten seither nicht verändert haben. Die Abverkaufs-/Absatzzahlen der normalen Verhütungsmittel sind gleich geblieben und die Zahl sexuell übertragener Erkrankungen hat nicht zugenommen. Daraus ist zu schließen, dass die Frauen verantwortungsvoll mit diesem Medikament umgehen. Dies bestätigten auch viele internationale Studien, wie die Vertreterin der WHO, Frau Dr. Gunda Lazdane, anmerkte.

Leider erfüllte sich die Erwartung einer Reduktion von Schwangerschaftsabbrüchen nicht. Hier zeigte auch eine kostenlose Vorab-Vergabe keinen Erfolg. Befragungen von betroffenen Frauen ergaben, dass sie das Risiko einer Schwangerschaft falsch, d. h. als niedrig einschätzten und aus diesem Grund die hormonelle Nachverhütung häufig nicht genutzt haben. Häufig findet ungeschützter Geschlechtsverkehr nicht im häuslichen Umfeld oder im alkoholisierten Zustand statt. Zunehmender zeitlicher Abstand vom ungeschützten sexuellen Kontakt vermindert die Risikoeinschätzung, wie auch Frau Dr. Lazdane von der WHO bestätigt. Maßnahmen wie die Enttabuisierung des Themenbereiches Verhütungspanne (wertfreier Umgang), ständige Aufklärung und eine möglichst schnelle Verfügbarkeit des Medikamentes sind wichtig, um das Bewusstsein für und die Anwendung von Postkoitalverhütung in Risikosituationen weiter zu verbessern.

In Großbritannien besteht neben der kostenpflichtigen Abgabe in den Apotheken die kostenlose Versorgung mit Verhütungsmitteln wie auch der "Pille danach" in den Familienplanungszentren. Damit ist auch eine Versorgung für Frauen mit geringem Einkommen gewährleistet. Hier besteht in Deutschland ein Defizit. Immer häufiger können Frauen aus sozial schwachen Verhältnissen Verhütungsmittel nicht bezahlen, wie Frau Dr. Thonke berichtet.

Herr Priv.-Doz. Dr. Bernhardt Sachs, BfArM, Sachverständiger für Pharmakovigilanz, geht in seinem Bericht auf die Arzneimittelsicherheitsaspekte ein, die bei der Entscheidung des Sachverständigenausschusses im Jahre 2003 eine Rolle spielten, als dieser bereits zu diesem Zeitpunkt die Entlassung aus der Verschreibungspflicht empfohlen hat. Die medizinischen und toxikologischen Sachverständigen forderten damals lediglich in zwei Punkten eine Ergänzung in der Packungsbeilage und der Fachinformation. Diese Ergänzungen betrafen das Risiko einer ektopen Schwangerschaft und das Risiko von Virilisierungserscheinungen weiblicher Föten. Die geforderten Hinweise wurden mittlerweile aufgenommen. Damit bestehen von Seiten der Arzneimittelfachleute und Toxikologen keine Bedenken bezüglich einer Freigabe.

Frau Dr. Lazdane berichtet, dass in allen internationalen Studien zur "Pille danach" lediglich eine ektope Schwangerschaft beschrieben wurde. Den Einwand der Gefahr der Virilisierung der Föten hält sie aufgrund langjähriger Anwendungsforschung für unbegründet, wird hierzu jedoch die internationalen Angaben prüfen. Bisher sind diese Auswirkungen laut Fachinformationen nur bei Tierversuchen mit hohen Dosen Levonorgestrel bekannt.

Frau Dr. Gunda Lazdane, WHO, Europaregion, Abteilung Reproduktive Gesundheit und Reproduktionsforschung, hält in ihrem Statement fest, dass die "Pille danach" in die Liste der 100 wichtigen Medikamente aufgenommen wurde. Für diese Medikamente fordert die WHO sowohl die finanzielle wie auch räumliche Verfügbarkeit für alle Menschen. Sie bestätigt ebenfalls, dass aus Sicht der WHO keinerlei Arzneimittelsicherheitsbedenken gegen eine Freigabe aus der Verschreibungspflicht sprechen. Auch der verantwortungsvolle Umgang mit diesem Medikament durch Laien ist durch zahlreiche Untersuchungen hinreichend belegt. Die WHO greift nicht in die Entscheidung der Länder ein. Sie stellt aber jederzeit den Fachministerien die ihr vorliegenden Materialien auf Anforderung zur Verfügung.

Frau Antonie Marqwardt, dpv, berichtet über die Qualitätskriterien, die seitens der Apothekerschaft für die Freigabe aus der Rezeptpflicht vorbereitet wurden. Bei den ersten Diskussionen über die Entlassung der "Pille danach" aus der Rezeptpflicht stellte sich sehr schnell heraus, dass selbst in Fachkreisen – so auch bei den Apothekerinnen und Apothekern – ein Informationsdefizit zu diesem Thema besteht. Der Deutsche Pharmazeutinnen Verband hat mit Informationen auf mehreren Veranstaltungen und einer Stellungnahme in der Fachpresse darauf reagiert. In Folge dieser Veranstaltungen, die teilweise gemeinsam mit pro familia stattfanden, kam es im Jahre 2004 zu einem Apothekertagsantrag, der Qualitätsmaßnahmen im Falle der Freigabe forderte. Eine Arbeitsgruppe der Bundesapothekerkammer hat sowohl einen Beratungsleitfaden und einen Dokumentationsbogen als auch ein Fortbildungscurriculum entwickelt. Die Fortbildung kann bei Bedarf sofort von den Apothekerkammern angeboten werden. Die anderen Materialien müssen vor der Freigabe den dann vorliegenden gesetzlichen Bestimmungen angepasst werden. Daher ist eine Veröffentlichung zum jetzigen Zeitpunkt nicht sinnvoll.

In der anschließenden Diskussion sind sich alle Beteiligten einig, dass in Deutschland eine bessere Versorgung anzustreben ist. Die Abgeordneten wollen die Debatte zu diesem Thema in den Fachausschüssen anstoßen.


Antonie Marqwardt, Schriftführerin dpv

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