Ernährung aktuell

Rohkosternährung –bitte keine Hitze

Eine Ernährungsform, die sich meist vom Vegetarismus ableitet, ist die Rohkosternährung, die uns in dieser Folge unserer Miniserie "Alternative Ernährungsformen" beschäftigen wird. Für die Rohkosternährung gibt es verschiedene Konzepte und Philosophien. Allen gemein ist, dass Lebensmittel nicht erhitzt werden sollen, um ihre Inhaltsstoffe nicht zu verändern. Das ist gut gemeint – auf Dauer aber nicht gut geeignet für den Körper.

Unter dem Begriff Rohkost versteht man zum einen Lebensmittel, die ohne vorherige Hitzebehandlung wie Kochen, Braten oder Backen verzehrt werden – der Verzehr von kaltgeräuchertem Fisch oder Fleisch bzw. Rohmilchkäse ist bei einigen Kostformen erlaubt – zum anderen auch Nahrung, die völlig unverarbeitet im Naturzustand gegessen wird. Die Ernährung mit 100 Prozent reiner Rohkost kann vegan bzw. vegetarisch sein oder auch nur "roh", wobei auch tierische Produkte enthalten sein können. Entscheidendes Kriterium ist die fehlende Hitzebehandlung, da ab 40 Grad vor allem die Enzyme zerstört werden, die nach Ansicht vieler Rohköstler für die Gesunderhaltung des Körpers ausschlaggebend sind. Stellvertretend für die verschiedenen Rohkostformen soll an dieser Stelle die Rohkost nach Helmut Wandmaker (Sonnenkost), eine überwiegend vegetarische Kost mit Betonung des Verzehrs von Früchten, vorgestellt und diskutiert werden.

Rohkost nach Wandmaker – das Prinzip

Die Empfehlung von Wandmaker (1916 – 2007), der es zum Ziel hatte, sich so natürlich wie möglich zu ernähren und die Ressourcen der Erde zu schützen, lautet, dass zu 75 Prozent rohe Früchte (nach Möglichkeit nur eine Sorte je Mahlzeit) verzehrt werden sollen, die restlichen 25 Prozent werden durch den gelegentlichen Verzehr von Gemüse (insbesondere Tomaten, Gurken, Kürbis, Avocado) sowie kleine Mengen Nüsse, Datteln und Feigen (hauptsächlich im Winter, um dem Körper mehr Energie zur Verfügung zu stellen) gedeckt. Aber auch der ausschließliche Verzehr roher Früchte wurde von ihm befürwortet. Der Flüssigkeitsbedarf soll möglichst mit frischem Obst gedeckt werden, bei zusätzlichem Bedarf kann destilliertes Wasser getrunken werden.

Bei der Ernährung nach Wandmaker – "Willst du gesund sein? Vergiss den Kochtopf" – handelt es sich um eine 100%ige Rohkosternährung. "Unsere Abstammung kennzeichnet uns als Früchteesser", lautete eines der Credos Wandmakers, und: "Nur drei Dinge solltest Du zu Dir nehmen: Reine Luft, sauberes Wasser und frische Nahrung, an die unser Körper seit Millionen von Jahren angepasst ist. Sie besteht vorwiegend aus Früchten und Grünblattgemüse." Wandmaker hat drei Bücher zu dieser Thematik veröffentlicht. Seine Bücher sind durch einen Schreib- und Argumentationsstil gekennzeichnet, der an die Sprache religiöser Gemeinschaften erinnert, und mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht immer konform läuft. So geht Wandmaker beispielsweise von der Vorstellung aus, dass sich der Mensch genetisch nicht an die erhitzte Kost gewöhnt haben kann, da diese angeblich erst seit 10.000 Jahren verzehrt wird. Anhand von Funden lässt sich jedoch belegen, dass der Peking-Mensch schon vor 400.000 Jahren das Feuer dazu nutzte, um seine Nahrung zu erhitzen. Erhitzen bewirkt durch das Aufschließen tierischer und pflanzlicher Nahrung eine bessere Ausnutzung von Eiweiß und Kohlenhydraten. Die ersten Knochenfunde von Urmenschen zeigten außerdem, dass sich das menschliche Gebiss von dem der Affen (weiche Nahrung) dadurch unterschied, dass es in der Lage war, härtere Nahrung wie Nüsse, Getreide und Wurzeln zu zerkleinern. Die Argumente Wandmakers sind nicht wissenschaftlich zu belegen, auch sind die häufig gegebenen Heilungsversprechen kritisch zu betrachten.

Ernährungsphysiologische Sicht

Die Rohkostform nach Wandmaker ist eine sehr einseitige Ernährungsform. Obst liefert dem Körper zwar Kohlenhydrate, sekundäre Pflanzenstoffe, Vitamine und Mineralstoffe, besonders Vitamin C und Kalium, sowie Ballaststoffe und je nach Sorte nennenswerte Mengen an Magnesium. Bei langfristigem und fast ausschließlichem Verzehr von rohem Obst, wie von Wandmaker empfohlen, kann es jedoch zu schweren Störungen bei der Versorgung mit Eiweiß, Fett(säuren) sowie fettlöslichen Vitaminen kommen. Des Weiteren ist die ausreichende Versorgung mit den Vitaminen B2, B12 sowie Niacin nicht gewährleistet. Außerdem ist die Versorgung mit den Mineralstoffen Calcium, Eisen und Jod nicht ausreichend. Besonders gefährdet sind Kinder, Jugendliche, Senioren, Schwangere und Stillende.

Auch eine ausreichende Energieversorgung kann bei dieser Kostform gefährdet sein. Um etwa 2000 Kilokalorien aufzunehmen, müsste man z. B. 4 kg Kiwis, 2,5 kg Bananen, 8 kg Wassermelonen oder 4,5 kg Orangen verzehren. Ein Proteinmangel ist nach längerem Beibehalten der Rohkosternährung sehr wahrscheinlich. Wandmaker selbst erkrankte durch Eiweißmangel an einer Autoimmunkrankheit. Um wieder zu gesunden, musste er eine Quark-Leinöl-Mischung, also ein sonst "verbotenes" Milchprodukt verzehren, und ließ später auch Fleisch in kleinen Mengen, unerhitzt oder luftgetrocknet, zu.

Der von Wandmaker propagierte ausschließliche Genuss von destilliertem Wasser ("reines" Wasser) kann je nach Zusammensetzung der Ernährung zu einer Verarmung des Körpers an Elektrolyten führen. Von der ständigen Aufnahme von destilliertem Wasser ist aus gesundheitlichen Gründen abzuraten. Zudem wird von Wandmaker behauptet, dass nur solche Nährsalze, die durch die Pflanzen für die menschliche Ernährung aufbereitet wurden, für den Körper verwertbar seien. Dies würde bedeuten, dass der Mensch keine Lebensmittel tierischen Ursprungs verwerten könnte. In den ernährungswissenschaftlichen Fachpublikationen finden sich jedoch keine Hinweise auf ein derartiges Phänomen. Im Gegenteil, in verschiedenen Lebensmitteln tierischen Ursprungs sind resorptionsfördernde Substanzen enthalten. So fördert z. B. Milchsäure (in Milch und Milchprodukten) die Calciumresorption und Fleisch, Fisch sowie Milchsäure die Resorption von Nicht-Hämeisen. Einige Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs enthalten dagegen resorptionshemmende Faktoren. Die Calciumresorption kann z. B. durch Phytat sowie isolierte Ballaststoffe negativ beeinflusst werden. Die Eisenresorption wird durch Phytat, Oxalat (in Spinat, Rhabarber), isolierte Ballaststoffe sowie Sojaprodukte negativ beeinflusst.

Die Gießener Rohkoststudie

Von 1996 bis 1998 führte die Universität Gießen unter Leitung von Professor Claus Leitzmann die sogenannte Gießener Rohkoststudie durch. Ihr Ziel war es, die verschiedenen Richtungen der Rohkost in Deutschland zu erfassen sowie das Ernährungsverhalten und den Gesundheitsstatus von Rohköstlern zu untersuchen. Wesentliche Ergebnisse der Studie:

  • 57 Prozent der Studienteilnehmer hatten Untergewicht, innerhalb von vier Jahren hatten die Männer im Schnitt fast zehn Kilogramm Gewicht verloren, die Frauen etwa zwölf Kilo, und zwar unabhängig vom Ausgangsgewicht.

  • Etwa ein Drittel der Frauen unter 45 Jahren litten unter Amenorrhoe, ein Zeichen für Unterernährung.

  • Die Zufuhr der Vitamine A, C, E, B1, B6, Folsäure, Betacarotin, Selen und Antioxidanzien war überoptimal, lag also über den empfohlenen Richtwerten.

  • Bei Calcium, Zink, Jod, Vitamin D und Vitamin B12 wurde ein deutlicher Mangel festgestellt.

  • Die Magnesiumzufuhr über die Nahrung war ausreichend, trotzdem lagen die Blutwerte unter den Richtwerten. Das zugeführte Magnesium wird bei Rohköstlern demnach nicht optimal vom Körper aufgenommen.

  • Außerdem war die Zufuhr an Eisen nicht ausreichend, so dass 43 Prozent der Männer und 15 Prozent der Frauen an Anämie litten. Sie wurde um so häufiger festgestellt, je länger ein Studienteilnehmer bereits Rohköstler war.

Leitzmann leitete aus den Studienergebnissen ab, dass eine fast ausschließliche Rohkosternährung aus gesundheitlichen Gründen nicht empfehlenswert ist. Bei längerer Durchführung dieser Ernährungsform (insbesondere bei Schwangeren, Stillenden, Kindern und Jugendlichen) sind schwere Mangelerscheinungen nicht auszuschließen. Fasten und vegetabile Vollrohkost sind als intensiv-ernährungstherapeutische Maßnahmen zwar aus der Naturheilkunde bekannt. Diese Maßnahmen werden jedoch unter ärztlicher Anleitung, z. B. in Fastenkliniken, und zeitlich begrenzt durchgeführt. Daraus darf keine Empfehlung einer Rohkost-Dauerernährung für die Allgemeinbevölkerung abgeleitet werden.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung lehnt eine Rohkost-Dauerernährung ab. Sie empfiehlt eine vollwertige Mischkost: Täglich reichlich frisches Gemüse und Obst, Milch, magere Milcherzeugnisse, Getreide bzw. Getreideerzeugnisse aus Vollkorn (z. B. Brot, Reis, Nudeln und Haferflocken und Wasser, aber weniger Fleisch und wenig Wurst, Salz und Zucker bzw. Süßes, Fett und Alkohol.


Dr. Eva-Maria Schröder

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