Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

05.05.2013, 08:00 Uhr


Alles neu macht der Mai – sagt der Volksmund. Und die ABDA. Und – hokuspokus simsalabim – da ist er, ein neuer ABDA-Pressesprecher. So ganz geglückt war das Zauberkunststückchen allerdings nicht. Er war noch keinen Tag im Amt, da trennte man sich wieder. Ja, ja, das Internet, das Internet ist manchmal gar nicht nett. Eine saublöde Geschichte, räumte unser ABDA-Präsident ein. Doch, mein liebes Tagebuch, es gab nicht nur Pannen in der vergangenen Woche. Protestapotheker gründeten einen Verein und wollen rein in die ABDA. Bei der Notdienstpauschale heißt es noch: Haste mal 1 Cent mehr? Und die bayerischen Ärzte wollen immer noch nicht mit den Apothekern ein bisschen Medikationsmanagement spielen.

29. April 2013

Es war der Horror: die Apotheke belieferte ein Rezept, übersah einen Mini-Formfehler – und schaute in die Röhre: die Kasse zahlte nicht, retaxierte auf Null. In den letzten Jahren war dies zum Volkssport bei einigen Kassen gewesen. Von der Kasse beauftragte Prüfinstitute sollen  sogar angewiesen worden sein, peinlich genau nach Formfehlern zu suchen. Man munkelt, es soll sich gelohnt haben. Und Apothekerinnen und Apotheker mussten Kurse belegen, um nicht in Retaxationsfallen zu tappen. Was für ein Miteinander im Geschäftsleben!  

Aber damit dürfte nun bald Schluss sein. Ein neuer Rahmenvertrag über die Arzneimittelversorgung soll mit den Kassen geschlossen werden. Das Prinzip: „Gibt eine Apotheke ein Produkt, das von der Leistungspflicht umfasst ist, ordnungsgemäß ab, erwirbt sie einen Zahlungsanspruch gegenüber der angegebenen Krankenkasse.“ Klingt erstmal gut, und was  „nicht ordnungsgemäß“ heißt, also wann eine Apotheke keinen Zahlungsanspruch hat, wurde definiert. Festgelegt ist auch, bei welchen Fehlern die Kasse nicht zahlen muss und welche Fehler die Apotheke „heilen“, sprich im Nachhinein korrigieren kann.

Der Apothekerverband Westfalen-Lippe sieht diesen Vertrag allerdings als „vergifteten Apfel“. Er und drei weitere Verbände (Bremen, Hamburg und Nordrhein) lehnten ihn ab, da er den Kassen geradezu Null-Retaxationen ermögliche, nämlich immer dann, wenn etwas nicht „ordnungsgemäß“ abgegeben wurde. Der Deutsche Apothekerverband will nun die umstrittene  Formulierung mit einer Kommentierung ergänzen – die Mehrheit der Mitgliederversammlung des Deutschen Apothekerverbands stimmte dem Rahmenvertrag zu.

30. April 2013

Die ABDA setzt auf Guerilla-Arbeit im Bundestagswahlkampf, liebes Tagebuch: Apothekerinnen und Apotheker sollen selbst an die Bundestagskandidaten rangehen. Ja, warum nicht, zumindest ein interessantes Experiment. Also: Die Öffentlichkeitsarbeiter der Kammern und Verbände sollen bereitwillige Apothekerinnen und Apotheker rekrutieren, die mit den Kandidaten der Parteien (außer NPD und DVU) in den bundesweit 229 Wahlkreisen Kontakt aufnehmen und Stellungnahmen zu relevanten Gesundheitsthemen (demografischer Wandel, wohnortnahe Gesundheitsversorgung) einholen. Die Antworten werden dann auf einer Website veröffentlicht und diskutiert. Eine PR-Agentur soll die Kampagne führen. Ein Konzept für die Kontaktaufnahmen soll es nicht geben, aber das Apothekerhaus will auf ein einheitliches „Wording“ Einfluss nehmen (was man sich in Berlin auch immer darunter vorstellen will) und Veranstaltungsformate sollen entwickelt werden. Ach, ja, die Kosten für die Kampagne sollen die Apotheker vor Ort weitgehend selbst tragen. ABDA, dafür lieben wir dich.

Es hatte so ein bisschen was von Phoenix aus der Asche: Am vergangenen Dienstag zauberte die ABDA einen neuen Pressesprecher aus dem Hut. Sven Winkler – gelernter Werbekaufmann, studierter Diplom-Politologe mit Erfahrung im Gesundheitswesen bei verschiedenen Pharmafirmen, bevor er Sprecher des Helmholtz Zentrums München wurde. Zuvor hatte er noch eine eigene Gesellschaft für Managementberatung gegründet. 

Kaum war die Meldung draußen, liefen die Google-Yahoo-Bing-Suchmaschinen an und heiß und förderten so alles Mögliche und Mysteriöse über den neuen Mann zu Tage – was davon zutreffend ist oder nicht, war nicht auszumachen. Der Neue wollte sich dazu nicht äußern – und die ABDA konnte sich noch nicht äußern. Schon hatte der Neue einen Rechtsanwalt eingeschaltet, um seine Persönlichkeitsrechte zu schützen. Das konnte nichts mehr werden. Liebes Tagebuch, was lief da ab?

Die Basis ist seit dem Bellartz-Desaster hoch sensibel. Verständlich. Man möchte wissen, mit wem man es in der wichtigen Position des Öffentlichkeitsarbeiters zu tun hat. Also, die Basis recherchierte und recherchierte (manche sprachen schon von einer Hetzjagd), stellte Fakten in den Raum, ungeprüft aber gerne kommentiert. Das ist Fluch und Segen des Internets. Wie auch immer, ein guter Start konnte das nicht mehr werden.

Dem Vernehmen nach war hier bei der Personalsuche eine auf Pressesprecher spezialisierte Personalagentur eingeschaltet worden. Mein liebes Tagebuch, ob die ABDA da gut beraten war? Und Hauptgeschäftsführer Sebastian Schmitz hatte dieser Agentur bei der Auswahl wohl vertraut. Doch das schützt wohl nicht vor eigener Recherche. Hatte die ABDA nachgefragt, ob alle Daten des Bewerbers auf dem Tisch liegen? Am ersten Arbeitstag jedenfalls war der Neue nicht zu erreichen. Auskunft in der Jägerstraße: „Herr Winkler ist derzeit nicht zu sprechen. Kein weiterer Kommentar“.

2. Mai 2013

Am 2. Mai dann die offizielle etwas spärliche Stellungnahme aus der Jägerstraße: „Sven Winkler wird seinen Posten als neuer Pressesprecher der ABDA nicht antreten.“ Vorwürfe gegen den Neuen stehen im Raum. Winkler erläuterte, dass sie nicht zuträfen. Aber, ein fairer Start sei unter diesen Umständen nicht mehr möglich. Wie wahr.

Auf einer Podiumsdiskussion am 3. Mai beim Bayerischen Apothekertag in Bamberg hatte ich als Moderator Gelegenheit, Friedemann Schmidt zu fragen, was hier schief gelaufen sei. Eine „saublöde Geschichte“ sei dies, räumte er freimütig ein. Eine Spezialagentur hatte Winkler ausgewählt und Hauptgeschäftsführer Schmitz  sich für Winkler entschieden. Als die Meldung über den Neuen draußen war, begann die öffentliche Diskussion. Und da hätte er, Schmidt, es einfach besser gefunden, wenn Vorwürfe gegen den neuen Mitarbeiter direkt der ABDA mitgeteilt worden wären, statt öffentlich zu diskutieren: „Wir hätten uns dann darum gekümmert“. (Wirklich? Und wäre der Druck, sich zu kümmern, der Gleiche gewesen?)

Ich meine, darüber kann man in der Tat nachdenken. Jedenfalls hat die öffentliche Diskussion den Neuen beschädigt. Auf einer solchen Basis kann keine vertrauensvolle Zusammenarbeit mehr laufen. Die Konsequenz konnte nur noch Trennung sein. Schmidts Kommentar: „Shit happens.“

Liebes Tagebuch, das ist wirklich saublöd gelaufen. Es war wohl ein bisschen naiv, sich auf Aussagen einer Spezialagentur zu verlassen. Aber als das Kind in den Brunnen gefallen war, was hätte die ABDA dann tun können? Die Recherche, ob und was an den Vorwürfen gegen den Kandidaten dran ist, gestaltete sich in der Tat schwierig. Es ist in diesen Fällen nicht einfach, zu verifizieren, was wahr ist oder was nicht. Die Zwickmühle: Hätte sich die ABDA schützend vor den Kandidaten gestellt und hätten sich Vorwürfe bekräftigt, wäre das nicht gut gekommen. Den Kandidaten gleich aufgeben, ohne Gewissheit zu haben, wäre auch nicht gegangen. Das hat schon etwas von einer Tragödie. Ja, saublöd gelaufen.

Was könnte die ABDA daraus lernen? Nicht auf Agenturen verlassen, selbst recherchieren, Auskünfte einholen. Einfach mal ins Netz schauen. Macht man heute doch routinemäßig, oder? Und wenn man erfährt, dass ein neuer Kandidat ein eigenes Unternehmen hat, eine Website ohne Impressum und wenn sonstige Fragen auftauchen: dann müsste man dies eigentlich in intensiven Gesprächen vorab klären.

Wie geht's jetzt weiter? Ein neuer Kandidat wird gesucht – was nun wohl noch schwieriger werden wird, als es ohnehin schon ist. Für die Zukunft: statt shit happens lieber good luck!

Mittlerweile könnte man schon eine Promotionsarbeit zum Thema Rx-Boni- und Gutscheine vergeben, es liegen ausreichend Gerichtsurteile in den Bundesländern vor. Immer und immer wieder ein neues Urteil zum Thema Rezeptprämie, Lieblingskind so mancher Apothekerin und Apotheker. Jetzt eine grün-blaue Easy-Apothekerin: 1 Euro pro Arzneimittel auf Rezept, maximal für drei Arzneimittel pro Rezept war ihr Kundenbindungsprogramm. (Liebes Tagebuch, am Rande: ist das nicht ein bisschen traurig, wenn ich mit 1 Euro pro Rx Kunden binden will?) Wettbewerbsrechtlich hatte sie damit die Geringfügigkeits- und Spürbarkeitsschwelle von 1 Euro, die der Bundesgerichtshof 2010 errichtet hatte, nicht überschritten. Aber wohl berufs- und arzneimittelrechtlich: das hessische Berufsgericht verurteilte die Apothekerin wegen Verstoßes gegen die Vorschriften der Arzneimittelpreisbindung. Strafe: eine Geldbuße von lächerlichen 750 Euro. Na, das war ja eine Werbung zum Schnäppchenpreis. Ob man so jemals das Thema Boni vom Tisch bekommt? 

3. Mai 2013

ABDA, nehmt uns bitte auf! Fleht der neugegründete Verein „Interessengemeinschaft deutscher Apothekerinnen und Apotheker Westfalen-Lippe e.V. (iDAA-WL). Dem Verein geht es um die Teilnahme an den Entscheidungsprozessen in der ABDA, so Gründungsmitglied und „Protestapotheker“ Gunnar Müller. Man beruft sich dabei auf die ABDA-Satzung, wonach Apothekervereine, die auf der Basis von Kammerbezirken organisiert sind aufzunehmen sind. Clever gedacht, um in die ABDA-Struktur hineinzukommen. Mein liebes Tagebuch, was meinst du, findet einer der ABDA-Chefjuristen einen Grund, warum das trotzdem nicht geht?

Unsere Notdienstpauschale müssen wir uns hart erkämpfen, liebes Tagebuch. Schier unglaublich, wo hier überall noch Fußangeln aufgestellt sind. Hat in der letzten Woche der Normenkontrollrat die übermäßige Bürokratie moniert und Alternativvorschläge angemahnt, geht’s in dieser Woche um einen Cent mehr. Ja, ein Cent mehr ist nötig, also statt 16 dann 17 Cent pro Rx-Packung, damit auch wirklich 120 Millionen Euro im Jahr als Notdienstpauschale zusammenkommen und ausgezahlt werden können. Hintergrund: Die ABDA hat nachgerechnet und herausbekommen, dass laut Packungsstatistik im vergangenen Jahr nur rund 705 Mio. Rx-Packungen verkauft wurden – zu wenig, um mit dem 16 Cent Zuschuss auf die versprochenen 120 Mio. Euro zu kommen. Ja, und dann droht auch noch die Umsatzsteuerfalle: Es könnte sein, dass die Auszahlung der Pauschale der Umsatzsteuer unterliegt. Dann wären die Apotheker wieder die Dummen. Daher muss im Gesetz klargestellt werden, dass die Notdienstpauschale als echter Zuschuss nicht umsatzsteuerpflichtig ist.

Grüß Gott in Bamberg. Der Bayerische Apothekertag hat seine Zelte im „fränkischen Rom“ aufgeschlagen. Auf der dem Apothekertag vorgelagerten Delegiertenversammlung ging’s für bayerische Verhältnisse recht friedlich zu. Eine Delegierte schlug vor, dass die Kammer den Beitrag an die ABDA nur „unter Vorbehalt“ zahlen soll. Grund: Unzufriedenheit mit der ABDA-Arbeit. Auskunft von oben: unter Vorbehalt, das geht nicht.

Und der Gilchinger Apotheker Stefan Hartmann hatte einen Antrag gestellt, den Kammerbeitrag nicht mehr nach dem Umsatz zu berechnen: Umsatz sagt heute eigentlich nicht sehr viel über die Wirtschaftskraft einer Apotheke aus. Womit er Recht hat. Weil er dennoch nicht damit rechnete, dass dieser Antrag eine Chance hat – womit er auch Recht hatte, wie sich zeigte –, stellte er den Hilfsantrag, wenigstens einen Freibetrag einzuräumen. Immerhin, die Anträge lösten eine spannende Diskussion aus, ob der Kammerbeitrag (derzeit 0,1% vom Umsatz) nicht gesenkt werden könne, auf welcher Grundlage er berechnet werden soll, ob die Kammer sparen soll. Das bayerische Ergebnis: alles ist kompliziert, da muss eine Kommission her und Hartmann arbeitet ergebnisoffen darin mit. Jawoll, so mach’ mers.

4. Mai 2013

Bayern und Medikationsmanagement. Prinzipiell ja, aber nicht bei uns, gell? Ja mei, liebes Tagebuch, warum sind Bayerns Ärzte so bockig? Warum haben sie so Angst davor, der Apotheker könnte sie kontrollieren, ihre Therapiefreiheit einschränken oder das Verhältnis Arzt – Patient stören? Wir wissen es nicht. Möglicherweise hat der bayerische Ärztekammerpräsident Kaplan noch nicht so richtig verstanden, was der Apotheker beim Medikationsmanagement wirklich tut. Jedenfalls will er hier und beim ABDA-KBV-Modell nicht so recht mitspielen. Allerdings könnte er sich regionale Qualitätszirkel vorstellen, um Vertrauen aufzubauen. Ach ja, wie ist das alles so schwierig mit den Ärzten. Mein liebes Tagebuch, ich bin wirklich gespannt, wie die Welt in 20 Jahren aussieht: Ob Apotheker und Ärzte dann gemeinsam ein Medikationsmanagement hinbekommen?

Und am Abend: auf einen gelungenen Bayerischen Apothekertag ein frisches Rauchbier und echt fränkische Bratwürscht mit Kraut!


Peter Ditzel


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