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Beratung

Nichts versacken lassen

Wann bei Venenleiden Bewegung, Phytopharmaka und Kompressionsstrümpfe helfen können

Wenn Kunden über schwere Beine, Juckreiz oder Kribbeln in den Unterschenkeln oder nächtliche Wadenkrämpfe berichten, können dies Anzeichen für ein beginnendes Venenleiden sein. In frühen Stadien lassen sich die Symptome mit Phytopharmaka und Kompres­sionsstrümpfen lindern. Schwerere Formen erfordern einen chirurgischen Eingriff. | Von Claudia Bruhn

Venenleiden sind weit verbreitet. Nach Angaben der Deutschen Venen-Liga e. V. ist jede fünfte Frau und jeder sechste Mann in Deutschland von einer fortgeschrittenen chronischen Venenerkrankung betroffen, etwa 80.000 Deutsche leiden an einem offenen Bein. Andere Quellen geben noch höhere Prävalenzen an.

Anfangs unspezifische Symptome

Die Ursachen für Venenleiden sind vielfältig. Neben genetischen Faktoren wie einer familiären Bindegewebsschwäche können Übergewicht, eine überwiegend sitzende oder stehende Tätigkeit, unausgewogene Ernährung sowie Rauchen ihre Entstehung fördern. Auch die hormonell bedingte Auflockerung des Bindegewebes in der Schwangerschaft in Kombination mit dem Gewicht des Feten begünstigen Venenbeschwerden, weshalb Frauen generell stärker gefährdet sind. Außerdem erhöht sich das Risiko für Venenleiden mit steigendem Lebensalter. Zu Beginn sind die Symptome meist unspezifisch. Schwere- und/oder Spannungsgefühl in den Beinen, Juckreiz oder Kribbeln in den Unterschenkeln und nächtliche Wadenkrämpfe zählen zu den ersten Anzeichen einer chronischen venösen Insuffizienz (CVI).

Stadien der CVI

Eine CVI entsteht durch eine dauerhafte Abflussbehinderung des venösen Blutes aus den peripheren in die zentralen Venen infolge einer Insuffizienz der Venenklappen. Es kommt zu venöser Hypertension und Mikrozirkulationstörungen, zu Erweiterungen und Aussackungen der Kapillaren und kleinen Venen, die als Besenreiser oder Krampfadern sichtbar werden. Aus den Blutgefäßen treten Wasser und Proteine in das umliegende Gewebe über, Unterschenkelödeme sind die Folge. Zunächst versucht der Körper, diese Veränderungen durch Phagozytose abgelagerter Proteine und eine Vermehrung des Lymphflusses zu kompensieren. Gelingt dies nicht mehr, lagern sich Eiweiße im Gewebe ab, es kommt zu Hautveränderungen und Verfärbungen. Unbehandelt entwickeln sich größere Hautschäden bis hin zum Endstadium des Unterschenkelgeschwürs (Ulcus cruris venosum). Ein Ulcus („offenes Bein“) kann auch infolge eines Diabetes mellitus oder einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK) auftreten. Entzündliche Prozesse in den erweiterten Venen können zudem das Gerinnungssystem aktivieren und erhöhen so das Thromboserisiko. Phlebologen unterscheiden verschiedene Stadien der CVI. Eine ältere Klassifikation aus dem Jahre 1978 nach Widmer et al. umfasst drei, die modernere CEAP-Klassfikation (CEAP = C: clinical condition, E: etiology, A: anatomic location und P: pathophysiology) sechs Schweregrade (Tab. 1; Tab. 2).


Tab. 1: Stadieneinteilung der CVI [n. Widmer LK et al.]. Die Stadieneinteilung nach Widmer bezieht sich ausschließlich auf die klinischen Hautveränderungen der CVI (sicht- und/oder tastbar).
Grad
Hautveränderungen
Grad 1
  • Corona phlebectatica mit Ödem
  • lokale Gefäßerweiterungen (Besenreiser) in der Knöchelregion und oberhalb des Fußgewölbes
  • Knöchelödeme
Grad 2
  • Unterschenkelödem
  • Hyperpigmentierung der Haut
  • Dermatoliposklerose
  • Atrophie blanche
  • Purpura jaune d´ocre
Grad 3
  • Ulkus (abgeheilt oder floride)
Tab. 2: „Clinical signs“ der CEAP-Klassifikation der CVI [n. Kistner RL et al.].
Clinical signs
Hautveränderungen
C0
  • normale Haut
C1
  • Besenreiser
  • retikuläre Varizen
C2
  • Varizen
C3
  • Ödem
C4
  • Dermatoliposklerose
  • Atrophie blanche
  • Hyperpigmentierung
  • Stauungsekzem
C4a
  • Varikose mit Hyperpigmentierung oder
  • Stauungsekzem
C4b
  • Varikose mit Dermatoliposklerose bzw.
  • Atrophie blanche
C5
  • abgeheiltes Ulkus
C6
  • florides Ulkus

Grenzen der Selbstmedikation

Milde Symptome wie Schweregefühl in den Beinen oder leichte Schwellungen nach langem Stehen oder Sitzen können in Eigenregie behandelt werden, solange keine schwerwiegenden Erkrankungen wie Diabetes oder Herzinsuffizienz bekannt sind. Dagegen sollte bei stärkeren Schwellungen, Hautverfärbungen oder -veränderungen sowie Krampfadern zunächst der Arzt zurate gezogen werden, ebenso bei unzureichender Wirkung der Selbstmedikation.

Das Spektrum der operativen Eingriffe ist breit. Beim Venen-Stripping werden veränderte Krampfadern nach einem kleinen Schnitt in die Leiste oder Kniekehle herausgezogen. Der Blutfluß wird dabei nicht unterbrochen, da ausreichend weitere Gefäße vorhanden sind.

Kein Krampf: Die Bezeichnung Krampfadern leitet sich vom althochdeutschen Wort krimpfan (krümmen) ab und steht für den häufig schlangenförmigen Verlauf der sichtbaren Varizen.

Beim Veröden auf chemischem Wege (Sklerosierung) wird das Mittel (z. B. Polidocanol) in das betroffene Gefäß injiziert und anschließend für ca. 24 Stunden ein Kompressionsverband angelegt. Eine modernere Methode ist die Schaum­verödung, bei der ein speziell aufbereiteter Schaum in die Venen gespritzt wird. Eine Kompression ist nicht mehr notwendig. Die Injektion bewirkt eine Entzündungsreaktion an den Venenwänden, die dadurch miteinander verkleben und nach einigen Wochen abgebaut werden.

Bei einer Behandlung mit Laser oder Radiowellen (Laser- bzw. Radioablation) wird ein Katheter in das betreffende Gefäß eingeführt. Die Venenwände werden thermisch geschädigt und verschließen sich dadurch.

Kompressionsstrümpfe verbessern Durchblutung

Stütz- und Kompressionsstrümpfe können die Krampfadern und weiteren Veränderungen zwar nicht zurückbilden, jedoch die Durchblutung verbessern, da der Strumpf durch den Druck die Funktion der Venenklappen stimuliert. Diese Hilfsmittel gibt es heute in vielen verschiedenen Ausführungen und modischen Farben (z. B. von Belsana, Compressana).

Linderung mit Salben und Gelen

Venensalben oder Gele mit Heparin (z. B. Vetren® Salbe), Aescin (z. B. Reparil® Gel N) oder Extrakt aus rotem Weinlaub (z. B. Antistax® Venencreme) haben zusätzlich zu den wirkstoffspezifischen Eigenschaften den Vorteil, dass der Massageeffekt kurzfristig den venösen Rückstrom des Blutes anregt und dadurch Linderung verschafft.

10 Tipps für die Venengesundheit

Mitverantwortlich für die hohe Prävalenz von Venen­leiden ist unsere bewegungsarme Lebens- und Arbeitsweise. Wer es schafft, mehr Bewegung in seinen Alltag einzubauen und darüber hinaus Risikofaktoren meidet, kann viel für seine Venengesundheit tun. Eine Faustregel lautet: „Viel laufen und gehen, wenig sitzen und stehen!“

 Absätze – Bevorzugt flache Schuhe tragen, da hohe Absätze die Arbeit der Muskelpumpe behindern.

② Bewegen – Mehr Bewegung in den Alltag einbauen, z. B. Treppe anstatt Rolltreppe oder Aufzug benutzen, mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zur Arbeit fahren. Während langer Auto- oder Bahnfahrten spätestens alle zwei Stunden eine Bewegungspause einlegen.

③ Gymnastik – Spezielle Venengymnastik (viele Angebote im Internet, z. B. unter www.belsana.de/de-DE/ratgeber/venenwissen/venengymnastik/?id=12442 oder auf YouTube, Stichwort Venen­gymnastik).

④ Heben – Möglichst keine schweren Lasten heben oder tragen.

⑤ Hochlagern – Beine hochlagern entlastet „schwere Beine“ und stimuliert den Rückfluss des Blutes; gegebenenfalls anatomisch geformte Lagerungshilfen („Venenkissen“) verwenden.

⑥ Kältereiz – Kalte Beingüsse, Kaltwaschungen (Verzicht auf Abtrocknen hat zusätzlichen Kühleffekt) oder Wassertreten fördern die Durchblutung.

⑦ Kleidung – Kleidungsstücke sollten an den Knöcheln, in den Kniekehlen und in der Leistengegend nicht so eng anliegen, dass sie die Haut „einschnüren“.

⑧ Sitzen – Nicht mit übereinander geschlagenen Beinen sitzen.

⑨ Sport – Besonders geeignete Sportarten sind Schwimmen, Wandern, Nordic Walking, Radfahren und Tanzen.

⑩ Wärme – Ausgiebige Wannenbäder und Sonnen­bäder meiden. Sauna in Maßen ist unproblematisch, solange keine Venenentzündung besteht.

Ödemprotektion mit Phytopharmaka

Die Wirkung der oral anzuwendenden Venentherapeutika beruht hauptsächlich auf dem Gehalt an Flavonoiden und Triterpensaponinen, die antiphlogistische, antioxidative sowie antiexsudative Eigenschaften besitzen und daher auch als Ödemprotektiva bezeichnet werden. Ihre Wirkung wurde mittlerweile in zahlreichen klinischen Studien dokumentiert.

Trockenextrakt aus Rosskastaniensamen (z. B. in Venoplant® retard S, Aescusan® retard, Venentabs-ratiopharm®) enthält als Hauptinhaltsstoffe Triterpensaponine (Aescin), Flavonoide, Hydroxycoumarine und Gerbstoffe. Der Extrakt wird bei geschwollenen Beinen, Krampfadern, Schwere- und Spannungsgefühl, Schmerzen, Juckreiz, Müdigkeit in den Beinen und Wadenkrämpfen empfohlen. Behandlungserfolge sind erst nach einigen Wochen zu erwarten. Als Nebenwirkungen treten beispielsweise Magen-Darm-Beschwerden und Überempfindlichkeitsreaktionen auf.

Extrakte aus Rotem Weinlaub (z. B. in Antistax® extra Ve­nentabletten) enthalten Flavonoide wie Isoquercitrin sowie Anthocyane und Gerbstoffe. In klinischen Studien wirkten sie unter anderem ödemprotektiv und verbesserten die Mikrozirkulation. Analog zum Aescin ist eine Langzeitanwendung der Präparate möglich. In den Fachinformationen findet sich der Hinweis, dass ein Arzt aufgesucht werden sollte, falls sich innerhalb einer zwei- bis dreiwöchigen Anwendung die Schwellungen nicht verringert haben, da Ödeme auch andere Ursachen haben können.

Mäusedornwurzelstockextrakt (z. B. in Phlebodril® Venenkapseln) wird aus dem getrockneten Rhizom des Stechenden Mäusedorns (Ruscus aculeatus L.) gewonnen. Er enthält Steroidsaponine wie Ruscin und Ruscosid. Die Einsatzgebiete sind analog zum Rosskastanienextrakt.

Buchweizenkraut (Extrakt z. B. in Fagorutin® Venen-Aktiv-Buchweizen-Tee) ist das zur Blütezeit geerntete und getrocknete Kraut des Echten Buchweizens (Fagopyrum esculentum). Es ist flavonoidreich mit Rutin als Hauptinhaltsstoff. Dieser wurde erstmals aus der Wein-Raute (Ruta graveolens) isoliert und nach dieser Pflanze benannt. Rutin wirkt gefäßabdichtend und besitzt antioxidative Eigenschaften. Seine venentonisierende Wirkung kommt wahrscheinlich durch die Hemmung Bindegewebe-abbauender Enzyme wie Hyaluronidasen und Elastasen zustande. Troxerutin (z. B. Troxerutin-ratiopharm® 300 mg Weichkapseln, Veno SL® 300 Hartkapseln) wird aus Rutin (reichlich enthalten z. B. in den Blütenknospen des Japanischen Perlschnurbaumes, Styphnolobium japonicum) durch Behandlung mit Ethylenoxid hergestellt. Dies soll die Löslichkeit verbessern und den Abbau im Darm verzögern.

Steinkleekrautextrakt aus dem Echten Steinklee (Melilotus officinalis) enthält neben Saponinen und Flavonoiden hauptsächlich Cumarine in Form von Glykosiden (z. B. Melilotosid). Er ist vor allem in homöopathischen Zubereitungen verfügbar (z. B. veno-loges® N Injektionslösung bei Krampfaderleiden). |

Quelle

Websites und Herstellerinformationen der genannten Präparate

Website der Deutschen Venen-Liga e. V., www.venenliga.de

Busch C, Schnabl S. Charakteristische Hautveränderungen der CVI. Phlebologie 2014;2:108-11

Widmer LK et al. Langenbecks Arch Chir 1978;347:203-7

Kistner RL et al. Diagnosis of chronic venous disease of the lower extremities: the „CEAP“ classification. Mayo Clin Proc 1996;71:338-45.

Website der VENENCLINIC Zürich, http://www.venenclinic.ch, Abruf am 19. Mai 2017

Lennecke K et al. Selbstmedikation. Leitlinien zur pharmazeutischen Betreuung, Deutscher Apotheker Verlag, 6. Aufl. 2016

Teuscher et al. Biogene Arzneimittel. Lehrbuch der Pharmazeutischen Biologie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 7. Aufl. 2012

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