Aus Kammern und Verbänden

Asthmazigaretten, Einhornpulver und andere Curiosa

Zu den vornehmsten Aufgaben der Pharmazie gehört es, die Heilkraft der Arzneidrogen zur vollen Geltung zu bringen. Die enge Verflechtung von Wissenschaft und handwerklichem Können brachte eine erstaunliche Vielfalt von Arzneiformen hervor. Fast zwangsläufig entstanden dabei auch Kuriositäten.
Foto: Mönnich
Die Referenten Dr. Martine Strobel, Prof. Dr. Marcus Plehn (Moderator), Dr. Ursula Barthlen, PD Dr. Axel Helmstädter und Prof. Dr. Michael Mönnich (von links).

Im Mittelpunkt der traditionellen Herbsttagung der DGGP-Landesgruppen Baden und Württemberg standen "merkwürdige" Arzneiformen, mit denen man im heutigen Offizinalltag nicht mehr in Berührung kommt oder kommen möchte. Tagungsort war die schöne Weinstadt Ingelfingen in Hohenlohe. Sie beherbergte eines der größten Weinfässer, das allerdings niemals einen Tropfen Wein beinhaltet hatte.

Prof. Dr. Marcus Plehn moderierte die Veranstaltung und verwies in seiner Einführung darauf, dass selbst Kurioses durch organoleptische Prüfung in Einzelfällen eine Wirkbestätigung erfahren konnte.

Tierische Drogen

"Tierisch" gut referierte Dr. Ursula Barthlen über "Einhorn, Eidechsen und Fliegen". Sie stellte zunächst klar, dass die Arzneidroge Einhorn nicht von dem Fabelwesen stammt, das durch Jungfrauen angelockt wurde. Das "wahre Einhorn" war der lange, gewundene Stoßzahn des Narwals (Monodon monoceros). Beim "gegrabenen Einhorn" handelte es sich um die Stoßzähne fossiler Mammuts. Die Referentin zeigte beide Einhorn-Varianten sowie einen Einhornbecher aus ihrer eigenen Sammlung. Einhornpulver wurde früher als Allheilmittel (Panazee) eingesetzt, war aber sehr teuer.

Foto: Mönnich
Spanische Fliegen oder Canthariden (Lytta vesicatoria).

Canthariden oder Spanische Fliegen wurden in den Arzneiformen Pulver, Tinktur und Pflaster angewendet. Die Referentin betonte, dass bereits drei Canthariden bei oraler Einnahme tödlich sein können; die typische Komplikation ist ein Nierenversagen. Zur Potenzsteigerung wurden zerstoßene Canthariden als Pulver eingenommen. Das blasenziehende Cantharidenpflaster wurde bei schmerzenden Erkrankungen und zur "Entgiftung" eingesetzt.

Inhalativa

"Feurig" befasste sich die Marburger Pharmaziehistorikerin Dr. Martine Strobel beim Thema "Rauchen für die Gesundheit" mit inhalativen Arzneiformen. Der Rauch brennender oder glimmender Blattdrogen wie Stechapfelblätter (Datura stramonium) enthält sehr kleine Partikel, die in die kleinsten Verzweigungen der Luftwege eindringen. Seit etwa 150 Jahren ist bekannt, dass der Rauch von Stramoniumblättern sich bei Asthmaanfällen positiv auswirkt, doch stehen dieser Applikation auch schädliche Effekte gegenüber. Als weitere kuriose Inhalativa nannte Strobel Hanfzigaretten und Zigaretten mit Ephedrin.

Die ersten Injektionen

"Spritzig" war der Vortrag von PD Dr. Axel Helmstädter über parenterale Injektionen. Zunächst setzte er wie bei einer "Millionenfrage" den Publikumsjoker ein und fragte, was die erste Injektionsart war. Es war die intravenöse Injektion. Der Engländer Christopher Wren (1632 – 1723) "erfand" sie vor etwa 350 Jahren, ausgehend vom Konzept des Blutkreislaufs (William Harvey, 1628). Wren injizierte in systematischen Experimenten Hunden weinhaltige Lösungen in die freigelegten Oberschenkelvenen, was unmittelbar zur Trunkenheit führte. Die erste in therapeutischer Absicht gesetzte Injektion dokumentierte der brandenburgische Arzt Johann Sigismund Elsholtz (1623 – 1688; möglicher Erfinder der Bratkartoffel). Später empfahl man, Verstorbenen ein Brechmittel zu injizieren, um "Scheintote" ins Leben zurückzurufen. Erst 200 Jahre nach der ersten i.v.-Injektion erfolgten die ersten subkutanen Injektionen von Arzneistoffen.

Arzneikeller im Honigzipfel

Honigzipfel heißt der Gewölbekeller in einem Wohnhaus in Künzelsau, das der nur wenige Meter entfernten Johannes-Apotheke seit 1840 als Arzneikeller diente. Apothekerin Felicitas Franz-Bolsinger hat dort in den letzten Jahren liebevoll ein kleines Museum eingerichtet und mit zahlreichen Objekten aus dem Fundus der Johannes-Apotheke bestückt. Hier finden sich Standgefäße, Drogen, Etiketten, Rezepte und Faksimiles von historischen Dokumenten (Apothekentaxe von 1653, Apothekenprivileg von 1699 u. a.), Gewichte und kuriose Arzneimittel wie Champagner für Hypotoniker oder Trochisci santonini (gegen Würmer). Das Museum ist nur mit Voranmeldung zugänglich (Tel. 07940 8212).

Im Anschluss führte Frau Franz-Bolsinger die Tagungsteilnehmer durch die denkmalgeschützte, 1773 errichtete Johannes-Apotheke, wo sie Fachliteratur aus dem 17. und 18. Jahrhundert, Manualien und historische Rezepte präsentierte. Eine Führung durch die Künzelsauer Altstadt rundete das Programm ab.


Tanja Lidy



DAZ 2011, Nr. 44, S. 122

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