Gesundheitspolitik

Schlagabtausch um Mehrkostenregelung

Berlin (ks). Die Mehrkostenregelung sorgt für eine angespannte Stimmung zwischen Kassen und Apotheken. Der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands (DAV), Fritz Becker, hatte den Kassen zu Beginn letzter Woche vorgehalten, ihre Versicherten nicht ausreichend über die Neuregelung aufgeklärt zu haben. Längere Wartezeiten in Apotheken seien daher zu erwarten. Der Vorstandschef des Ersatzkassenverbandes vdek, Thomas Ballast, hielt den Apothekern wiederum vor, sie seien die Profiteure der Mehrkostenregelung.

Auch wenn die Apotheken vergangene Woche mehr Probleme mit neuen Packungsgrößen als mit der Mehrkostenregelung hatten: Der DAV erwartet, dass auch Letztere für zusätzlichen Aufwand in den Apotheken sorgen wird. Da die Versicherten von ihren Kassen unzureichend informiert worden seien, müssten diese Aufgabe nun die Apotheken übernehmen. Allerdings herrscht noch sehr viel Unklarheit rund um den Komplex Mehrkostenrgelung – insofern ist es sicherlich nicht unvernünftig, dass die Patienten das neue Instrument derzeit kaum nachfragen. Die Kassen raten ihren Versicherten ohnehin von einer Inanspruchnahme der Mehrkostenregelung ab. "Wir empfehlen jedem Versicherten, sich nicht auf den Kauf von überteuerten Arzneimitteln einzulassen", sagte etwa der Vorstandschef der Deutschen BKK, Achim Kolanoski. Die AOK Baden-Württemberg hat Apotheken bereits dargelegt, wie sie sich eine teilweise – für Patienten recht unattraktive – Kostenerstattung vorstellt (DAZ 2011, Nr. 1, S. 22). Auch beim vdek hofft man offenbar darauf, dass die Regelung zu abschreckend ist, als dass sie von den Versicherten genutzt wird: Diese Variante der Kostenerstattung sei wenig sinnvoll, da die Wunschmedikation lediglich teurer sei als die Abgabe des qualitativ gleichwertigen Rabattpräparates, hieß es aus dem Verband. Vdek-Chef Ballast riet Versicherten, die trotzdem ihr Wunschmedikament haben möchten, vor der Entscheidung zunächst die auf sie zukommende Mehrbelastung bei ihrer Krankenkasse zu erfragen.

Den Apothekern hielt Ballast vor, sie würden GKV-Versicherte verunsichern und zu teureren Medikamenten überreden: "Der eigentliche Profiteur des Mehrkostenverfahrens ist die abgebende Apotheke, da die Wunschmedikation wie ein Privatrezept behandelt wird und somit bei der Berechnung weder der Apothekenrabatt noch Herstellerrabatte abgezogen werden". Der wirtschaftlich Leidtragende sei in diesem Fall der Patient, da er in jedem Fall mit zusätzlichen Kosten belastet werde.

Die Reaktion des DAV ließ nicht lange auf sich warten: "Wir hätten uns gewünscht, dass der vdek-Vorsitzende Thomas Ballast deutlich früher seine Krankenkassen aufgefordert hätte, ihre 24 Millionen Versicherten über die Folgen des AMNOG aufzuklären. Stattdessen zündelt Ballast nun bei denjenigen, die seine Arbeit machen müssen, bei den Apotheken. Ballast setzt auf Falsch- und Desinformation", konterte Becker.

In einem Punkt habe Ballast jedoch Recht, hieß es beim DAV: Der Leidtragende sei der Patient. Er sei nicht nur schlecht informiert, sondern werde von seiner Kasse im Unklaren gelassen, welche Belastungen überhaupt auf ihn zukommen. Becker: "Dass die Kassenorganisation den schwarzen Peter nun an Patienten und Apotheker weitergeben will, ist nicht überraschend, sondern typisch." Zugleich stellte der DAV-Vorsitzende klar, dass er jederzeit bereit sei, mitVertretern der Krankenkassen konstruktive Gespräche zu führen.

Beim GKV-Spitzenverband teilt man Ballasts Meinung in Sachen "Profiteure" nicht zwingend. Hier ist man der Meinung, dass es die "richtige und saubere" Lösung wäre, wenn die Apotheken den Versicherten den Preis des Wunschmedikamentes abzüglich des Hersteller- und des Apothekenrabatts in Rechnung stellen. In diesem Punkt sei man sich auch mit dem zuständigen Fachreferat im Bundesgesundheitsministerium einig, sagte GKV-Sprecher Florian Lanz der AZ. Dies sei auch "technisch machbar". Das Originalrezept behielte in diesem Fall die Apotheke – sie benötigt es, um den vorgestreckten Herstellerrabatt zurück zu bekommen. Der Versicherte bekäme eine Kopie des Rezeptes. Mit den Empfehlungen der Apothekerverbände zur Umsetzung der Mehrkostenregelung harmoniert dies nicht. Mitte des Monats wollen sich Vertreter des GKV-Spitzenverbandes und des DAV treffen, um eine gemeinsame Lösung zu finden.



AZ 2011, Nr. 1-2, S. 1

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