Selbstmedikation

Ch. Weber Akute Gastritis – den Magen in Schutz nehmen

Magenbeschwerden wie Sodbrennen oder epigastrische Schmerzen gehören zum Beratungsalltag in der Apotheke. Statt die Eigendiagnose eines Kunden einfach zu übernehmen und direkt in die Schublade zu greifen, sollten zunächst die näheren Begleitumstände abgeklärt werden. Dabei besteht die Kunst darin, mit wenigen gezielten Fragen herauszufinden, ob sich hinter den Symptomen mehr verbergen könnte. Vor allem bei Risikopatienten gilt es im Gespräch dann rechtzeitig zu schalten!

Die klinischen Symptome einer Gastritis (Magenschleimhautentzündung) können sehr facettenreich sein. Meist dominieren stechend-kneifende Schmerzen mit Druckgefühl im Oberbauch, begleitet von Hyperazidität und Sodbrennen sowie Appetitlosigkeit. Infolge Übersäuerung und gestörter Magenmotorik kann es auch zu Magenkrämpfen kommen. Im Gegensatz zur chronischen Verlaufsform, die in unregelmäßigen Abständen immer wieder und anhaltend Beschwerden macht, treten die Symptome einer akuten Gastritis plötzlich auf.

Nur akut geht gut Bei einer Gastritis liegt ein Missverhältnis zwischen dem peptisch aktiven sauren Magensaft einerseits und protektiven Faktoren der Magenmukosa andererseits vor. Die Folge: Die Magenschleimhaut wird gereizt und entzündet sich. Je nach Erkrankungsgrad kommt es zu Gewebserosionen. Bei adäquater Therapie bzw. richtiger Verhaltensweise heilt eine akute Gastritis in der Regel folgenlos aus. Andernfalls droht ein chronisch fortschreitender Prozess bis hin zum Ulcus.

Im Gegensatz zur chronischen Gastritis ist bei der akuten oft ein Zusammenhang zwischen Auslöser und Beschwerden erkennbar. Da die Magensäure durch Nahrung teilweise neutralisiert wird und damit ihre Aggressivität verliert, sind die Beschwerden nach den Mahlzeiten oft abgemildert und treten erst ein bis zwei Stunden später oder nachts wieder verstärkt auf. Im Hinblick auf die Kundenberatung gilt: Nur der Symptomenkomplex einer akuten Gastritis ist der Selbstmedikation zugänglich.

Mögliche Ursachen Eine akute Gastritis wird meist durch äußere Noxen angestoßen. Ein gängiger Auslöser ist die Einnahme nicht-steroidaler Antirheumatika. Aber auch andere Medikamente wie z. B. Corticosteroide, Antibiotika, Zytostatika, Opiate, Eisenpräparate etc. können insbesondere in der Langzeittherapie derartige Beschwerden verursachen. Alkoholkonsum, Rauchen und magenreizende Lebensmittel wie z. B. scharf gewürzte Speisen, extrem Süßes, Saures, Fettes, große Mengen Kaffee sowie gebratene und gegrillte Speisen oder ein zu üppiges Mahl kommen ebenfalls als Auslöser in Betracht. Aber auch psychische Belastungen wie Stress- oder Schocksituationen können sich als gastritische Schmerzen auf den Magen schlagen.

Schmerzmodalitäten erfragen Vor jeder Empfehlung aus dem OTC-Sortiment muss im Kundengespräch die Basis geschaffen werden, um fachlich fundiert entscheiden zu können, ob eine Behandlung in Eigenregie überhaupt angezeigt ist. Wichtige Fragen hierzu sind: "Wo genau tut es Ihnen weh?" Schließlich kann nicht jeder Kunde seinen Magen problemlos lokalisieren.

"Wie stark sind Ihre Magenschmerzen? Seit wann leiden Sie darunter und wie oft treten sie auf?" Auf diese Weise können Sie die Grenzlinie zwischen akuten und chronischen Beschwerden ziehen. Haben Sie es mit einem Kunden mit gutem Allgemeinzustand zu tun, der nur für wenige Tage im Jahr unter leichteren Symptomen leidet, spricht nichts gegen selbstmedikamentöse Maßnahmen. Chronisch rezidivierendes Sodbrennen, das seit einiger Zeit mehrmals pro Woche auftritt, ist jedoch ein triftiger Grund für einen Arztbesuch.

Manche Betroffene wissen recht genau, mit welcher "Sünde" sie sich die Magenbeschwerden eingehandelt haben. "Können Sie einen Zusammenhang zwischen Ihren Beschwerden und der Nahrungsaufnahme oder bestimmten Speisen feststellen?" Wenn ja, ist natürlich das Meiden der Auslöser die wichtigste Maßnahme. "Sind die Beschwerden brennend, krampfartig, konstant oder episodisch? Treten sie vorwiegend tagsüber oder nachts auf?" Die Antwort stellt einen wichtigen Wegweiser für die nachfolgende Medikamentenauswahl dar. Außerdem sollten Sie einen Blick in die Kundenkartei werfen bzw. nach der Einnahme anderer Medikamente fragen. Je nachdem ist eine Rücksprache mit dem behandelnden Arzt notwendig.

Hier läuten Alarmglocken Intensive Magenschmerzen, die das Allgemeinbefinden sehr beeinträchtigen, müssen ärztlich abgeklärt werden. Misstrauisch sollte man auch bei epigastrischen Schmerzen werden, die gürtelförmig in den Rücken ausstrahlen. Dahinter könnte sich eine Pankreatitis verbergen. Ungewollter Gewichtsverlust und Schwarzfärbung des Stuhls (gastrointestinale Blutung) sind in jedem Fall Warnsignale, die einen Arztbesuch unumgänglich machen.

Kolikartige Schmerzen im rechten Oberbauch deuten auf eine Gallengangbeteiligung hin und müssen ebenfalls diagnostisch abgeklärt werden. Und auch diese beiden Fragen gehören zum Pflichtprogramm: "Treten die Beschwerden überwiegend nachts auf?" "Verspüren Sie Sofortschmerzen beim Essen?" Bei nur einem "Ja" liegt ein Fall für den Arzt vor.

Vorsicht Risikopatient Seien Sie hellhörig bei Risikopatienten! Hierzu zählt jeder, der mit Magenbeschwerden zu Ihnen in die Apotheke kommt und gleichzeitig eines der folgenden Kriterien erfüllt: Ulcus, Magen- oder Gallensteinoperation in der Anamnese, reduzierter Allgemeinzustand, Anämiezeichen wie Blässe oder Müdigkeit, Atemnot, Schluckschwierigkeiten, Fieber, Symptomverschlimmerung bei körperlicher Anstrengung, retrosternal ausstrahlende Schmerzen (Angina pectoris, Herzinfarkt). Außerdem zählt jeder Patient jenseits der 60 dazu, bei dem erstmalig Beschwerden aufgetreten sind. Hintergrund: Zwei von drei Magenkarzinomen treten in dieser Altersklasse auf. In all diesen Fällen ist also die fachlich korrekte, wenn auch für Sie im Handverkauf vielleicht etwas unbefriedigende Maßnahme: Den Betroffenen schnurstracks zum Arzt schicken!

Mehr als Säurefänger Trotz aller Ausschlusskriterien treffen Sie im HV regelmäßig auf leichtere, selbstmedikationsfähige epigastrische Schmerzen und Sodbrennen und können beratungsaktiv werden. Antazida gelten nach wie vor als Mittel der Wahl. Damit wird keine chemische Säureneutralisation angestrebt, sondern lediglich Werte von pH 3 bis pH 5 erzielt. Die rasch wirksamen, gut verträglichen Antazida können aber noch mehr: Sie binden Gallensäuren, schützen die Mukosa und unterstützen die Abheilung von Schleimhautreizungen. Die gastroprotektiven Effekte Aluminium-/Magnesium-haltiger Antazida sollen u. a. auf einer Steigerung der Prostaglandinsynthese und der Hydrogencarbonat-Sekretion in der Magenschleimhaut beruhen.

Auf Natriumhydrogencarbonat sollte heute wegen des Säure Rebounds, der CO2-Freisetzung und angesichts moderner Alternativen verzichtet werden. Dagegen ist Calciumcarbonat (z. B. in Rennie®) noch beliebt, da es im Gegensatz zu Aluminium-haltigen Verbindungen auch von Schwangeren ohne Aluminiumbelastung des Kindes genutzt werden kann.

Die meisten modernen Antazida stellen kombinierte Magnesium-Aluminium-Verbindungen dar (z. B. Gelusil lac®, Maaloxan®). Hiermit können die laxierenden Effekte des Magnesiumanteils durch die obstipierende Aluminiumwirkung weitgehend ausgeglichen und eine protrahierte Protonenbindung erreicht werden. Bei den Schichtgittersubstanzen wie Magaldrat (z. B. Riopan®) und Hydrotalcit (Talcid®) verlangsamt sich der Neutralisationseffekt pH-abhängig. Damit wird ein Säure-Rebound weitgehend verhindert. Alginsäure-haltige Antazida (z. B. Gaviscon®) sollen Vorteile für Patienten mit ösophagealem Reflux haben.

Wichtige Abgabehinweise Die Wirkung von Antazida setzt innerhalb weniger Minuten ein. Besonders rasch spürbar ist der Effekt bei Suspensions-Zubereitungen. Nach zwei bis drei Stunden ist die Neutralisationskapazität der Antazida gewöhnlich erschöpft. Da ihre Wirkung durch eine möglichst große Oberfläche beschleunigt wird, sollte bei festen Darreichungsformen folgender Abgabehinweis nicht fehlen: "Die Tabletten nicht schlucken, sondern gut klein kauen oder lutschen!"

Auch das sollte jeder Kunde wissen: In der Regel werden Antazida nicht prophylaktisch, sondern "on demand" eingesetzt und zwar frühestens eine Stunde nach dem Essen. Zum einen, um die Verdauung des Speisebreis nicht zu stören. Zum anderen, damit das Antazidum im Zuge der Magenentleerung nicht zu rasch weiterbefördert wird. Schließlich hängt seine Wirkung maßgeblich von der Verweildauer im Magen ab.

Das sollte jeder Kunde erfahren Auch dieser Antazida-Abgabehinweis ist unverzichtbar: "Da dieses Präparat nicht nur überschüssige Magensäure, sondern auch Arzneistoffe binden kann, sollten Sie zu anderen Medikamenten stets einen Sicherheitsabstand von ein bis zwei Stunden einhalten". Für Tetracycline und Chinolone sind Resorptionsverminderungen bis zu 90% beschrieben worden.

Aber auch Digoxin, Captopril, Theophyllin, Propranolol, Atenolol, Chlorpromazin, Eisenverbindungen oder Fluoride werden in ihrer Aufnahme durch Antazida gehemmt.

Dass Aluminium-haltige Antazida nicht zusammen mit säurehaltigen Getränken (Obstsäfte, Wein, Brausetabletten) eingenommen werden sollen, da sonst die intestinale Aluminium-Resorptionsrate ansteigt, weiß auch noch längst nicht jeder Anwender. Bei sämtlichen magensaftresistenten Arzneiformen ist auf den Einnahmeabstand besonders eindringlich hinzuweisen. Schließlich sind durch den angehobenen pH-Wert das galenische Konzept und damit die gesamte Wirkung gefährdet. Vorsicht: Für Personen mit eingeschränkter Nierentätigkeit oder Dialyse-Pflicht sind Antazida in der Selbstmedikation nicht geeignet.

Magensäure längerfristig bremsen H2-Rezeptorantagonisten stellen mit ihrer kompetitiven Blockade von Histamin-Rezeptoren an den Belegzellen der Magenschleimhaut ein weiteres symptomatisches Wirkprinzip gegen säurebedingte Magenschmerzen dar. H2-Antagonisten hemmen sowohl die basale als auch die Histamin-stimulierte Säuresekretion. Darüber hinaus sollen sie auch die Vagus- und Gastrin-induzierte Säurefreisetzung unterdrücken. Für die Selbstmedikation stehen Ranitidin (z. B. Zantic® 75 mg Magentabletten) und Famotidin (z. B. in Pepcidual® Kautabletten) zur Verfügung. Sie sind für eine maximale Anwendungsdauer von zwei Wochen für Personen ab 16 Jahren rezeptfrei. Da die Substanzen auf systemischem Weg an ihren Wirkort gelangen, setzt ihre Wirkung frühestens nach einer halben Stunde ein, dauert aber bis zu zwölf Stunden an.

Diese Verbindungen sind deshalb für solche Personen besonders sinnvoll, die nachts mit Säurespitzen zu kämpfen haben. Die Einnahme erfolgt in der Regel abends und kann, wenn nötig, tagsüber wiederholt werden. An Nebenwirkungen können Müdigkeit, Schwindel oder Hautausschläge auftreten.

Begrenzte Anwendungsdauer Wegen ihrer guten und langen Wirksamkeit besteht mit H2-Blockern die Gefahr der Symptommaskierung. Außerdem sollte der natürliche, für die Verdauung und Infektabwehr nützliche Säureschutz nicht dauerhaft ohne ärztliche Kontrolle aufgehoben werden. Weisen Sie daher Kunden darauf hin, dass auch diese Pharmaka keine Dauerlösung darstellen. Sind die Beschwerden nach zweiwöchiger Behandlung noch vorhanden, muss in jedem Fall ein Arzt eingeschaltet werden.

Auch einen Versuch wert Wenn eine akute Gastritis mit krampfartigen Beschwerden einhergeht, sind gelegentlich auch Spasmolytika angezeigt. Butyl–scopolamin hat allerdings den Nachteil, dass es den Tonus des Ösophagussphincters senkt und damit die Refluxgefahr steigt. Nützlich sind in jedem Fall Kamillenblütenzubereitungen (z. B. Kamillosan®, Tees) nicht zuletzt wegen ihrer entzündungshemmenden Komponente. Aber auch Fenchel-, Melissen-, Schafgarben- oder Süßholzwurzeltee sind zumindest eine Zusatzempfehlung wert.

Pflanzliche Prokinetika sollen die Magenmotilität fördern und damit den Weitertransport des sauren Mageninhalts beschleunigen. Denken Sie daher bei Patienten, die immer wieder unter harmlosen aber lästigen Magen- und Blähbeschwerden leiden, auch an pflanzliche Präparate wie z. B. Iberogast® oder Gastro–vegetalin®. Gehen die Magenbeschwerden mit Magendruck, Aufstoßen und Blähungen einher, kann auch ein Entschäumer (z. B. Simeticon) nützlich sein. Und auch nicht-medikamentöse Tipps wie z. B. das langsame Kauen von Ackersalat, feinen Haferflocken oder trockenem Weißbrot ergänzen ein Beratungsgespräch über säurebedingte Magenschmerzen!

Apothekerin Christiane Weber

Magenbeschwerden wie Sodbrennen oder epigastrische Schmerzen gehören zum Beratungsalltag in der Apotheke. Statt die Eigendiagnose eines Kunden einfach zu übernehmen und direkt in die Schublade zu greifen, sollten zunächst die näheren Begleitumstände abgeklärt werden. Dabei gilt es, mit wenigen gezielten Fragen herauszufinden, ob sich hinter den Symptomen mehr verbergen könnte.

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