Aus der Hochschule

Einblicke in die Schlaganfallforschung

Festsymposium zum 80. Geburtstag von Prof. Dr. Dr. Josef Krieglstein in Marburg

„Advances in Research on Ischemic Brain Injury“ – dieses Festsymposium zu Ehren von Prof. Dr. Dr. Josef Krieglstein fand am 17. März in der Aula der Alten Universität in Marburg statt, wo Krieglstein mehr als drei Jahrzehnte lang das Institut für Pharmakologie und Toxikologie geleitet hat. Die Referenten würdigten Krieglsteins akademische Leistungen und berichteten über aktuelle Aspekte der Schlaganfallforschung.
Foto: Culmsee
Prof. Dr. Dr. Josef Krieglstein mit Ehefrau Marlen inmitten ehemaliger Doktorandinnen und Doktoranden.

Als Prodekan des Fachbereichs Pharmazie hielt Prof. Dr. Carsten Culmsee die Laudatio. Nach einer eher holprig gestarteten Schullaufbahn unter den schwierigen Bedingungen der Nachkriegszeit studierte Krieglstein in Erlangen Pharmazie und Medizin und schloss beide Fächer mit der Promotion ab. Nach dreijähriger Postdoktorandenzeit bei dem Pharmakologen Gustav Kuschinsky in Mainz habilitierte er sich 1970 im Alter von nur 32 Jahren und nahm 1974 den Ruf auf die Professur für Pharmakologie und Toxikologie in Marburg an. Dort hat er u. a. an die 120 Doktoranden betreut und von 1986 bis 2004 im zweijährigen Rhythmus das „International Symposium on Pharmacology of ­Cerebral Ischemia“ veranstaltet.

Die Mechanismen des neuronalen ­Zelltods nach zerebraler Ischämie und entsprechende pharmakologische Ansätze der Neuroprotektion gehörten zu seinen Forschungsschwerpunkten.

Nach seiner Pensionierung ging Krieglstein im Jahr 2006 als Gastprofessor an die Universität in Münster, wo er zusammen mit Prof. Susanne Klumpp die Funktionen von Histidin-Phosphatasen und die Rolle der Protein-Phosphatase-2c in der Pathogenese der Atherosklerose erforschte.

Die weiteren Vorträge des Festsymposiums gaben Einblicke in die aktuelle Schlaganfallforschung.

Foto: Culmsee
Prof Dr. Dr. Josef Krieglstein

Pharmakologische Tiermodelle

Prof. Dr. Dr. Johannes Boltze, Lübeck, erläuterte die Bedeutung von Groß­tiermodellen in der Schlaganfallforschung. Obwohl Mechanismen der ischämischen Hirnschädigung und therapeutische Interventionen erfolgreich an Nagermodellen untersucht werden, ist es nach wie vor schwierig, die Ergebnisse auf den Menschen zu übertragen. Boltze hob hervor, dass z. B. beim Schaf die Hirnarchitektur und insbesondere der Anteil der weißen Hirnsubstanz dem menschlichen Hirn viel ähnlicher sind als bei der Maus oder Ratte. Damit sind wahrscheinlich auch die Mechanismen der ischämischen Hirnschädigung (v. a. der weißen Substanz) beim Schaf eher auf den Menschen übertragbar. Am Beispiel der therapeutischen Intervention mit inhalativ verabreichtem NO zeigte Boltze auf, dass sich Befunde aus Nagermodellen auf ein Schaf­modell übertragen lassen und dass hier auch die bildliche Darstellung der Infarktentwicklung und konti­nuierliche Funktionsanalysen der Motorik möglich sind.

Entzündungsprozesse, Unterversorgung, Apoptose

Ein Schlaganfall verursacht eine große Wunde im Gehirn, die u. a. durch eine massive Entzündungsreaktion gekennzeichnet ist, wie Prof. Dr. Tim Magnus, Hamburg-Eppendorf, erläuterte. Infolge der Ischämie kommt es zunächst zur Aktivierung der Mikroglia, also der immunkompetenten Zellen des Gehirns, und anschließend zur Einwanderung von neutrophilen Granulozyten, Makrophagen und Lymphozyten aus dem Blut. Magnus zeigte mit seiner Arbeitsgruppe, dass spezi­fische IL-17-Antikörper, die kürzlich auch in die Rheumatherapie eingeführt wurden, sowie entzündungshemmende Antikörperfragmente (sog. Nanobodies) die Infarktgröße deutlich vermindern können. Diese Strategien sind in verschiedenen Labors in den Tiermodellen erfolgreich reproduziert worden, und die ersten Befunde von klinischen Anwendungen sind auch vielversprechend.

Prof. Dr. Nikolaus Plesnila, München, hob in seinem Beitrag hervor, dass pathologische Veränderungen der Hirngefäße wesentlich zum Infarkt­geschehen beitragen. So kommt es nach einer Hirnblutung zu vermehrten Mikrovasospasmen in tiefen Hirnbereichen, die die Versorgung aktiver Hirnregionen mit Blut, Sauerstoff und Nährstoffen erschweren und durch die Unterversorgung den Hirnschaden ver­größern. Neueste Techniken der Zwei-Photonen-Mikroskopie haben erst in jüngerer Zeit die Erforschung der tieferen Gefäße im Gehirngewebe ermöglicht. Dadurch bieten sich auch ganz neue Möglichkeiten, neue therapeutische Strategien bei Ischämien zu entwickeln.

Prof. Dr. Jochen Prehn, Dublin, ein ehemaliger Schüler Krieglsteins, berichtete über die Mechanismen des programmierten Zelltods in Neuronen. Er zeigte auf, wie es über die vermehrte Ausschüttung von Glutamat im Infarktgebiet zu einer Übererregung von Neuronen und über die folgende Entgleisung der Calciumhomöostase zu ihrer Apoptose kommt. Dabei spielen offenbar die dauerhafte Aktivierung der AMP-abhängigen Proteinkinase (AMPK) und die Regulation von pro­apoptotischen Bcl-2-Proteinen wie BIM eine zentrale Rolle. Diese Mechanismen könnten Angriffspunkte für neue pharmakologische Interventionen nach einem Schlaganfall bieten.

Besonderheiten des kindlichen Gehirns

Prof. Dr. Klas Blomgren, Stockholm, ging in seinem Vortrag auf die Hirnentwicklung und -reifung bei Kindern und Jugendlichen ein, bei ­denen in der Pubertät ein massiver Umbauprozess mit „Entwirrung“ zahlreicher Nervenverknüpfungen statt­findet. Die ischämische Schädigung des Gehirns und seine Regenerationsfähigkeit hängen offenbar sehr von seinem Entwicklungsstadium ab. Blomgren wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass bei Kindern nicht die Mikroglia für eine chronische Entzündung nach einer Ischämie verantwortlich ist, denn sie wird im kindlichen Gehirn nur vorübergehend aktiviert und geht dann wieder in einen inaktiven Überwachungsmodus über. Die weiterhin erhöhten Entzündungsparameter werden offenbar von anderen Zellen des Immunsystems aufrechterhalten. Die Kommunikation der Mikroglia mit dem Immunsystem und die Mechanismen der chronischen Entzündung sind ein wichtiger Schlüssel für künftige therapeutische An­sätze.

Foto: Krieglstein
Josef Krieglstein: Sitzende Vögel.

Leben für die Kunst

Die Referenten haben auf dem Festsymposium zum 80. Geburtstag von Prof. Krieglstein eindrucksvoll an die von ihm begründete Tradition der Schlaganfallsymposien in Marburg angeknüpft. In den Pausen und beim abschließenden Empfang nutzten die ehemaligen Doktorandinnen und Doktoranden, Kolleginnen und Kollegen sowie weitere Weggefährten Krieglsteins die schöne Gelegenheit, an alte Zeiten zu erinnern und Neuigkeiten auszutauschen. Auch das derzeitige Tätigkeitsgebiet Krieglsteins war hier ein Thema – die abstrakte Malerei. Seit dem Ende seiner akademischen Laufbahn widmet er sich mit großer Leidenschaft und Kreativität der Kunst (siehe www.jkrieglstein.de) und hatte zum Festsymposium ­einige seiner Bilder im Kreuzgang der Alten Aula ausgestellt. So klang der Nachmittag in der schönen Gewissheit aus, dass für Josef Krieglstein noch viele Jahre der kreativen Aktivität folgen werden. |

Prof. Dr. Carsten Culmsee/cae

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