Neue DiGA für die Psyche

Digitale Unterstützung bei Borderline, Ängsten, Depressionen und beim Rauchstopp

Stuttgart - 24.04.2023, 10:45 Uhr

Unter anderem für den Rauchstopp gibt es eine neue App. (Foto: wattana / AdobeStock)

Unter anderem für den Rauchstopp gibt es eine neue App. (Foto: wattana / AdobeStock)


Das Verzeichnis der Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) hat wieder Zuwachs bekommen. Für Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung gibt es erstmalig digitale Unterstützung, zudem sind neue Anwendungen für Betroffene von Angststörungen und Depressionen sowie für Menschen, die mit dem Rauchen aufhören möchten, gelistet. 

Fünf Anwendungen haben es jüngst in das Verzeichnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) für Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) geschafft. Künftig können diese somit zulasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden. Doch während die App „kaia Rückenschmerzen“ den Nutzennachweis bereits erbringen konnte, steht dieser bei den anderen vier Anwendungen noch aus. 

Daher wurden „priovi“, „novego: Ängste überwinden“, „Smoke Free“ und „My7steps App“ zunächst nur vorläufig ins DiGA-Verzeichnis aufgenommen. Kann in der 12-monatigen Erprobungsphase der Nachweis für einen positiven Versorgungseffekt durch wissenschaftliche Studien erbracht werden, erfolgt die dauerhafte Aufnahme ins DiGA-Verzeichnis. Wird der Nachweis hingegen nicht erbracht, werden die Anwendungen wieder aus dem Verzeichnis gestrichen.

Für wen sind diese vier Anwendungen geeignet?

Novego nun auch als Webanwendung bei Angststörungen

Den Namen Novego kennt man aus dem DiGA-Verzeichnis bereits: Seit Ende 2021 wird dort eine entsprechende Anwendung gegen Depressionen gelistet. Ende März kam nun ein Online-Programm zur Behandlung von Angststörungen hinzu. 

DiGA bei Angststörungen

Bei Angststörungen stehen neben Novego aktuell fünf weitere DiGA zur Verfügung:  

  • HelloBetter Panik (dauerhaft)
  • velibra (dauerhaft)
  • Selfapys Online-Kurs bei generalisierter Angststörung (dauerhaft)
  • Invirto – Angsttherapie mit Virtual Reality (dauerhaft)
  • Mindable: Panikstörung und Agoraphobie (vorläufig)

„Novego: Ängste überwinden“ basiert auf den Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie und zielt darauf ab, Angstsymptome zu reduzieren. In insgesamt sechs Modulen (à 45–60 Minuten) sollen die Nutzenden lernen, ihre Ängste besser zu verstehen, Auslöser und Anzeichen zu identifizieren und Ängste leichter überwinden zu können.  

Um die Programminhalte an die Nutzenden anzupassen, werden zu Beginn die jeweiligen Angstsymptome in einem Fragebogen erfasst. Daraufhin werden die entsprechenden Inhalte – bestehend aus Texten, Videos, Audios und interaktiven Übungen – individuell zusammengestellt. Für Verständnisfragen steht einmal pro Woche ein Support zur Verfügung, für akute Krisen kann zudem eine 24-h-Hotline genutzt werden.  

Die Web-Anwendung ist indiziert bei Erwachsenen mit Agoraphobie, sozialen Phobien, spezifischen Phobien oder Panikstörungen und eignet sich, laut Hersteller, sowohl zur Soforthilfe als auch zur Wartezeit-Überbrückung oder begleitend zur Psychotherapie. Allerdings sind hierbei zahlreiche Kontraindikationen zu beachten, z. B. Demenz und verschiedene Abhängigkeitssyndrome.

Ergänzende Therapie für Erwachsene mit Borderline-Persönlichkeitsstörung: „Priovi“  

Mit den jüngsten Änderungen hat auch ein neues Indikationsgebiet ins DiGA-Verzeichnis Einzug gehalten: Für Erwachsene mit Borderline-Persönlichkeitsstörung steht künftig die Anwendung „Priovi“ bereit.  

Die Webanwendung basiert auf der kognitiven Verhaltenstherapie, insbesondere auf den Techniken der Schematherapie. Durch die Vermittlung von Hintergrundwissen, Methoden und Übungen sollen die Betroffenen beim Umgang mit ihren Emotionen unterstützt werden.

In zehn Modulen (à 30–90 Minuten) erfahren die Nutzenden z. B., welche möglichen Gründe es für die Borderline-Persönlichkeitsstörung gibt, welche typischen Verhaltensmuster unterschieden werden und wie mit diesen jeweils umgegangen werden kann.  

Die Webanwendung ist als virtueller Dialog aufgebaut. Nach kurzen Informationstexten können die Nutzenden aus mehreren Antwortmöglichkeiten auswählen und so den jeweiligen Schwerpunkt festlegen. Entsprechend der Auswahl wird der Dialog dann fortgesetzt. Ergänzt wird diese Hauptfunktion durch Fragebögen zur Verlaufskontrolle, Arbeitsblätter, Übungen, Audiodateien und Zusammenfassungen als PDF.

Priovi dient als Ergänzung zur sonst üblichen Therapie und kann von den Betroffenen eigenständig genutzt werden. Kontraindikationen bestehen keine, jedoch sollte die App nur von Personen angewendet werden, die mindestens mittelschwere Krankheitssymptome aufweisen.

Unterstützung beim Rauchstopp mit „Smoke Free“.

Auch für Betroffene von Tabak-Abhängigkeit hat das DiGA-Verzeichnis künftig eine weitere Anwendung in petto: „Smoke Free“. Die App basiert laut Hersteller auf der aktuellen S3-Leitlinie zur Tabakentwöhnung sowie den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation. Dabei kommen unter anderem Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie und der operanten Konditionierung zum Einsatz. 

Um den Rauchstopp zu erleichtern, kombiniert die App mehrere Ansätze:

  • Steigerung von Motivation und Selbstvertrauen
  • Aufbau einer positiven Nichtraucher-Identität
  • Strategien zum Umgang mit Verlangen und schwierigen Situationen
  • Änderung von typischen Gewohnheiten
  • Konstruktiver Umgang mit Rückfällen

 

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Was bringen DiGAs?

Technisch sind diese Ansätze in mehrere App-Funktionen verpackt: Ein Chatbot, der als virtueller „Coach“ ganztägig Unterstützung bietet, tägliche „Missionen“, eine Tagebuchfunktion und einen Community-Chat. Zur Steigerung der Motivation umfasst die Anwendung verschiedene Belohnungssysteme (Abzeichen, Zertifikate) und Erfolgsabbildungen, z. B. zur wiedererlangten Lebenszeit, gesundheitlichen Auswirkungen und finanziellen Einsparungen. Als kleine Besonderheit beinhaltet die App zudem ein Spiel, dass laut Anbieter vom Rauchverlangen ablenken soll.  

Für die Anwendung von „Smoke Free“ bestehen zwar keine Kontraindikationen, doch sollte die App bei begleitenden Süchten, psychiatrischen Erkrankungen, Suizidalität oder Demenz nicht angewendet werden. Interessierte können die App sieben Tage kostenfrei testen.

In sieben Schritten besser mit Depressionen umgehen

Ebenfalls neu im Verzeichnis ist „My7Steps App“. Die Webanwendung erweitert das bereits aus fünf DiGA (deprexis, elona therapy Depression, edupression.com, Novego: Depressionen bewältigen, Selfapys Online-Kurs bei Depression) bestehende Angebot für Menschen mit depressiven Episoden.

My7Steps App ist – wie der Name bereits verrät – in sieben Schritte unterteilt. In diesen sollen die Nutzenden lernen, ihre eigene Situation einzuschätzen, Lösungswege zu erarbeiten und umzusetzen. Zu diesem Zweck umfasst die Anwendung Informationstexte, Video- und Audiodateien sowie Übungen und Aufgaben. Laut Hersteller passt sich die Anwendung dabei entsprechend der eingegebenen Antworten an.  

My7steps App ist kontraindiziert bei Schizophrenie, wahnhaften Störungen, akuten vorübergehenden psychotischen Störungen sowie schweren depressiven Episoden ohne psychotische Symptome. Ebenfalls ungeeignet ist die Anwendung bei Suizidversuchen in den letzten vier Wochen.


Nadine Sprecher, Apothekerin, Redakteurin PTAheute.de
redaktion@daz.online


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