Reaktionen aus der Apothekerschaft

Im Spannungsfeld zwischen „Heilberufler und Dealer“

Stuttgart - 27.10.2022, 16:45 Uhr

Dr. Christiane Neubaur, Apothekerin und Geschäftsführerin beim Verband Cannabis versorgender Apotheken (VCA) und Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein (AVNR). (Fotos: VCA | Schelbert / DAZ)

Dr. Christiane Neubaur, Apothekerin und Geschäftsführerin beim Verband Cannabis versorgender Apotheken (VCA) und Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein (AVNR). (Fotos: VCA | Schelbert / DAZ)


Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach versucht die Bedeutung der Apotheken bei der geplanten Cannabis-Legalisierung noch kleinzureden. Doch die Medien zeigen ein reges Interesse am Berufsstand und seiner Haltung. Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein, ist in diesen Tagen ein gefragter Interviewpartner. Er sieht die Apothekerinnen und Apotheker in einem heilberuflichen Zielkonflikt.

Die Bundesregierung will Cannabis und THC künftig rechtlich nicht mehr als Betäubungsmittel einstufen. Genusscannabis, Medizinalcannabis und Nutzhanf sollen aus dem Anwendungsbereich des Betäubungsmittelgesetzes herausgenommen werde. Für sie soll es ein neues, eigenes Regelungsregime geben. Auffallend ist, dass die Apotheken in der politischen Betrachtung der angestrebten Legalisierung bisher eher nicht im Mittelpunkt stehen. Im jüngst vorgestellten Eckpunktepapier heißt es, dass der Vertrieb des Genusscannabis an Erwachsene über lizenzierte Fachgeschäfte erfolgen soll – „und ggf. Apotheken“. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) geht jedoch selbst nicht davon aus, dass tatsächlich Apotheken zu Abgabestellen werden.

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Die Publikumsmedien dagegen zeigen großes Interesse am Berufsstand und seiner Haltung. Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbands Nordrhein (AVNR), ist in diesen Tagen ein gefragter Interviewpartner, sowohl in der Lokalpresse als auch in überregionalen Sendeanstalten und Zeitungen. So erklärt Preis beispielsweise gegenüber der „Rheinischen Post“, dass sich die Apotheken bei der geplanten Cannabis-Legalisierung in einem heilberuflichen Konflikt sehen, obwohl sie „aufgrund ihrer fachlichen Expertise bestens geeignet“ wären, „die notwendigen hohen Qualitätsstandards bei der Abgabe und Beratung zu erfüllen“. Für „besonders kritisch“ hält der AVNR-Chef die mögliche Wettbewerbssituation mit rein kommerziellen Anbietern. Die Apotheken hätten mit der Abgabe von Cannabis zwar schon seit 2017 sehr viel Erfahrung, doch sei die Versorgung der Patienten bisher aus therapeutischen Gründen gemäß einer ärztlichen Verordnung gelaufen. „Jetzt zweigleisig zu fahren und auch noch Cannabis zu Genusszwecken zu verkaufen, lehnen aktuell noch zahlreiche Apotheken ab.“

VCA vermisst „Cannabis als Medizin-Gesetz“

Auf die fehlende gesetzliche Grundlage und die damit verbundenen Hürden für die Bundesregierung bei ihrem Vorhaben weist die Apothekerin und Geschäftsführerin beim Verband der Cannabis versorgender Apotheken (VCA) Dr. Christiane Neubaur hin. Sie stellt gegenüber der DAZ die folgende Forderung auf: „Vor lauter Legalisierungseuphorie darf das ‚Cannabis als Medizin-Gesetz‘ nicht vergessen werden.“ Wenn alles so bliebe, wie es ist, „wäre das äußerst unbefriedigend für alle Beteiligten“. Gesetze müssten also vorher angepasst werden, Apotheker stünden sonst im Spannungsfeld zwischen Heilberufler und Dealer. „Wir brauchen also klare Rechtssicherheit“, sagt die VCA-Geschäftsführerin. Für ausgeblendet hält sie in dem Zusammenhang auch den Cannabis-Bestandteil CBD. „Auch in diesem Bereich muss dringend für Rechtssicherheit gesorgt werden, denn hier bewegen wir uns rechtlich in einer Grauzone.“

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Auf Anfrage des SWR teilt die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg mit, sie sei „eindeutig gegen die Legalisierung von Cannabis zu Genusszwecken“. Außerdem warnt sie vor den gesundheitlichen Gefahren des Konsums. Andererseits seien Apotheken natürlich bestens geeignet, die notwendigen Qualitätsstandards bei der Abgabe zu erfüllen.

Der Berliner Apotheker-Verein geht im Moment ebenfalls nicht davon aus, dass seine Mitglieder nach einer möglichen Legalisierung Genusscannabis vertreiben. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur betonte Geschäftsführerin Susanne Damer, dass Apotheken für die Arzneimittel- und Gesundheitsversorgung zuständig seien und nicht für den Verkauf von Genussmitteln. Zudem weist sie darauf hin, dass es unter Apothekern unterschiedliche Meinungen zu dem Thema gebe.


Dr. Armin Edalat, Apotheker, Chefredakteur DAZ
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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1 Kommentar

Kiffen frei

von Sven Larisch am 28.10.2022 um 7:58 Uhr

Das Herr Lauterbach die Apotheken als Abgabestelle will wage ich zu bezweifeln. Längst stehen die Importeure in den Startlöchern um Kiffershops zu eröffnen. Sie selber haben bereits das Know-How und die Sicherheitselemente einer Abgabe. Die inhabergeführte Apotheke wird sterben.

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