INTERPHARM online 2022

Sind Levothyroxin-Präparate doch austauschbar?

Stuttgart - 22.03.2022, 07:00 Uhr

Stellen neue Erkenntnisse die auch in den USA geltende Warnung vor einem Levothyroxin-Präparatewechsel wirklich infrage? (Foto: IMAGO / Hans Lucas)

Stellen neue Erkenntnisse die auch in den USA geltende Warnung vor einem Levothyroxin-Präparatewechsel wirklich infrage? (Foto: IMAGO / Hans Lucas)


„Der Switch zwischen Levothyroxin-Generika hat keinen signifikanten Einfluss auf TSH-Werte!“ Diese in „JAMA Internal Medicine“ publizierte Botschaft überraschte Ende Februar die Fachwelt – sollen doch Levothyroxin-Präparate nicht ausgetauscht werden. Was sagt der Hamburger Endokrinologe und INTERPHARM-Referent Prof. Dr. Onno Janßen dazu? Sollte man das Substitutionsverbot kippen?

Für die Studie hatten J. P. Brito und Kollegen Labordaten von 15.800 erwachsenen amerikanischen Patienten gesichtet, die im Zeitraum vom 1. Januar 2008 bis zum 30. Juni 2019 mit einem generischen Levothyroxin-Präparat substituiert worden waren. Hier sind vor allem Generika von Mylan, Sandoz und Lannott verordnet worden. Die Auswertung fand in der Zeit von Dezember 2019 bis November 2021 statt. War der Wert des Thyreoidea-stimulierenden Hormons (TSH) über drei Monate stabil, wurde geschaut, wie sich die Fortsetzung der Therapie mit dem gleichen Präparat (n= 13.049) oder ein Wechsel auf ein anderes Präparat (n = 2.780) auf den TSH-Wert auswirkte. Ein normaler TSH-Wert war definiert als 0,3 bis 4,4 mlU/l, ein deutlich abnormaler TSH-Wert als unter 0,1 oder über 10 mIU/l. Betrachtet wurde ein Zeitraum von sechs Wochen bis zu zwölf Monaten. 

Aufschlussreich ist ein Blick auf die Levothyroxin-Dosierungen: 7.306 (56%) der Non-Switcher und 1.599 (57,5%) der Switcher wurden mit Tagesdosen von 50 µg und weniger substituiert, knapp 30 Prozent in beiden Gruppen mit 51 bis 100 µg. Diese Dosierungen lassen darauf schließen, dass ein Großteil der Patienten lediglich eine Teilsubstitution durchführte und noch über eine intakte Schilddrüsenrestfunktion verfügte. Der TSH-Spiegel lag bei 82,7 Prozent der kontinuierlich mit einem Präparat behandelten Patienten im Normbereich, bei den Switchern bei 84,5 Prozent. Deutlich abweichende TSH-Werte wurden bei den Non-Switchern in 3,1 Prozent der Fälle gesehen, nach Präparatewechsel in 2,5 Prozent der Fälle. Im Schnitt lag der TSH-Wert sowohl in der Gruppe ohne Präparatewechsel als auch nach Switch bei 2,7 mlU/l. Die Autoren schließen aus diesen Ergebnissen, dass ein Präparatewechsel nicht mit einer signifikanten Veränderung des TSH-Wertes einhergeht. Die Erkenntnisse stellen ihrer Meinung nach die auch in den USA geltende Warnung vor einem Levothyroxin-Präparatewechsel infrage. Eine brisante Schlussfolgerung. 

Programm-Infos

Pharmazeutischer eKongress online 2022

Schilddrüsenunterfunktion - Hypothyreose

Referent: Prof. Dr. Onno Janßen, Hamburg

Freitag, 25. März 2022, 9:55 bis 10:40 Uhr (Livestream) 

Weitere Informationen zum Programm und zur Anmeldung finden Sie hier sowie unter www.interpharm.de.

Wie wird diese Studie in Deutschland bewertet? Darüber haben wir mit dem Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie Prof. Dr. Onno Janßen vom Endokrinologikum Hamburg gesprochen. Er beleuchtet die Schilddrüse auch bei der INTERPHARM online 2022 am 25. März genauer.

DAZ: Herr Professor Janßen, wie bewerten Sie die Studie, was sind Ihre wichtigsten Kritikpunkte?

Janßen: Die Ergebnisse dieser Studie von Brito et. al. sind durchaus interessant, nur die Aussage, dass Schilddrüsenpräparate, in diesem Fall speziell Generika, doch ausgetauscht werden können, ist nach den vorgelegten Daten nicht zulässig. Dem Design der Studie nach wurde eine Gruppe von Patienten mit einer zufälligen Verteilung einer Substitution mit Levothyroxin-Generika mit einer Subgruppe des gleichen Patientenkollektivs verglichen, bei denen die Substitution auf ein anderes Generikum umgestellt wurde. Als Messwerte wurden der mittlere TSH-Wert in den Gruppen und die relative Häufigkeit stark abweichender TSH-Werte, im Sinne einer dann bestehenden Hypo- oder Hyperthyreose, bestimmt. Diese Werte waren in den beiden Gruppen, also mit und ohne Umstellung auf ein anderes Generikum, gleich. Weitere Laborwerte oder eine Evaluierung des klinischen Befindens oder der Lebensqualität werden nicht aufgezeigt. Die zwei wesentlichen Probleme der Studie sind, dass ein TSH im Referenzbereich mit einer Euthyreose und Wohlbefinden gleichgesetzt wird und dass nicht ein Generikum mit einem anderen, sondern nur zwei zufällige Patientengruppen mit einer Substitution mit mehr als drei verschiedenen Generika in verschiedener Kombination untersucht wurde. 

Zum ersten Punkt: Ein TSH-Wert im Referenzbereich schließt zwar eine ausgeprägte Schilddrüsenfehlfunktion weitgehend aus – dies bedeutet aber nicht, dass der TSH-Wert in diesem Bereich beliebig ist, im Gegenteil. Wir alle haben jeweils einen viel enger begrenzten TSH-Bereich, in dem wir uns wohlfühlen, so wie wir auch eine individuelle Schuhgröße haben und uns nicht alle gängigen Schuhgrößen passen. Zum anderen gleichen sich mögliche Unterschiede in der Bioverfügbarkeit oder der therapeutischen Potenz verschiedener Generika aus, wenn nur der TSH-Mittelwert zweier Gruppen von Patienten untersucht wird. Wenn also ein Generikum eher höhere TSH-Werte verursachen würde und ein anderes eher niedrigere TSH-Werte, würde das in dieser Untersuchung nicht auffallen, da nur der Mittelwert aller untersuchter Werte ermittelt wurde. Eine Aussage über die Vergleichbarkeit – oder Nicht-Vergleichbarkeit – zweier Schilddrüsenpräparate ließe sich nur im direkten Vergleich treffen.

Prof. Dr. Onno Janßen vom Endokrinologikum Hamburg, Facharzt für Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie  

Darüber hinaus hat die Studie von Brito et al. auch noch weitere Schwachpunkte. Da es sich um eine retrospektive Studie handelt, ist nicht klar, nach welchen Kriterien ein Patient ein anderes Präparat bekam und nach welchen Kriterien er welches andere Präparat bekam: Hier ist ein Bias in alle Richtungen möglich, z. B. auch, dass dies bei Patienten geschah, bei denen – nach welchen Kriterien auch immer – ein Austausch als unproblematisch angesehen wurde. Ein Großteil der Patienten erhielt zudem nur eine Teilsubstitution bis maximal 50 µg Levothyroxin pro Tag, sodass von einer Restfunktion der Schilddrüse auszugehen ist und ein Präparatewechsel ggf. weniger problematisch wäre. Auch wurden in der Studie nur Generika untereinander und nicht mit Originalpräparaten verglichen, die auch in den USA einen signifikanten Marktanteil haben. Unabhängig von der obigen Interpretation sind die Studiendaten nicht auf Deutschland übertragbar, da die Präparate am amerikanischen Markt andere sind als die hier in Deutschland erhältlichen.



Dr. Doris Uhl (du), Apothekerin
Chefredaktion DAZ

redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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2 Kommentare

Natürlich arbeitet die Studie mit einem direkten Vergleich und nicht mit Mittelwerten

von David Becker am 22.03.2022 um 7:57 Uhr

Der Text impliziert, dass die Studie Mittelwerte von TSH-Spiegeln herangezogen hätte um zu ihrer Aussage zu kommen. Ist da irgendwie was falsch wiedergegeben oder missverständlich?
Alle berechtigte Kritik an der Beobachtungsstudien beiseite:
Es reicht ein Blick in den Abstract der um zu sehen, dass hier Ergebnisse auf Basis eines Paarungsmechanismus berichtet werden und natürlich Abweichler-Ereignisse bzw. Risiko gezählt wird und nicht ein Mittelwert der TSH-Spiegel von Gruppen.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Natürlich arbeitet die Studie mit einem

von Redaktion am 22.03.2022 um 17:30 Uhr

Antwort von Prof. Dr. Onno Janßen, Hamburg: Es sind zwei Gruppen von Patienten verglichen worden: eine Gruppe die ihr generisches Thyroxin-Präparat weiter genommen hat und eine andere Gruppe die auf ein anderes Generikum umgestellt wurde: diese Umstellung war zufällig innerhalb eine Auswahl von drei verschiedenen Generika. Es wurde kein direkter Vergleich der Wirkung zweier Generika vorgenommen. Es wurde auch keine individuelle Paarung im Sinne von vorher-nachher für einzelne Generika-Wechsel untersucht. Die "Paarung" der Patienten war ein propensity-matching, also eine Paarung nach Ähnlichkeit, um zwei möglichst gut vergleichbare Gruppen zu haben: die Aussagen beziehen sich aber jeweils auf die gesamten Gruppen, nicht auf einzelne gepaarte Patienten. Die Aussagen betreffen den Anteil der Patienten in den beiden Gruppen mit TSH im Referenzbereich (Zitat: proportion of patients with a normal TSH level after the index date was 82.7% (2298) among nonswitchers and 84.5% (2348) among switchers) oder weit außerhalb des Referenzbereichs (Zitat: proportion of patients with a markedly abnormal TSH level after the index date was 3.1% (87) among nonswitchers and 2.5% (69) among switchers) und den mittlerer TSH der beiden Gruppen (Zitat: The mean (SD) TSH levels after the index date were 2.7 (2.3) mIU/L among nonswitchers and 2.7 (3.3) mIU/L among switchers). Bei diesem Vergleich wurde nicht berücksichtigt von welchem zu welchem anderen Generikum gewechselt wurde, sondern nur das gewechselt wurde.

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