Zu Genusszwecken

Legalisierung von Cannabis – AMK warnt dringend vor Risiken

Stuttgart - 23.02.2022, 10:45 Uhr

Erfahrungen aus Ländern, in denen Cannabis zu Genusszwecken bereits legal ist, sollen darauf hindeuten, dass die Prävalenz von Cannabiskonsumstörungen zunimmt, so die AMK. (Foto: IMAGO / Steinach)

Erfahrungen aus Ländern, in denen Cannabis zu Genusszwecken bereits legal ist, sollen darauf hindeuten, dass die Prävalenz von Cannabiskonsumstörungen zunimmt, so die AMK. (Foto: IMAGO / Steinach)


Die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) hat ein Statement zur öffentlich diskutierten Freigabe von Cannabis zu Genusszwecken veröffentlicht. Darin spricht sie sich deutlich gegen eine Legalisierung von Cannabis, Cannabisprodukten und synthetischen Cannabinoiden aus. Sie befürchtet vermehrt Notfall- und Suchtbehandlungen, Verkehrsunfälle, Schulabbrüche und Arbeitsunfähigkeit.

Die Ampel-Koalition hat es sich in ihren Koalitionsvertrag geschrieben: Die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften soll ermöglicht werden. In der politischen und gesellschaftlichen Diskussion rund um die Legalisierung von Cannabis für den Freizeitkonsum spielen gelegentlich auch die Apotheken eine Rolle – und zwar als mögliche Abgabestelle. Wie eine DAZ-Umfrage vergangenes Jahr andeutete, können sich Apotheker:innen teils durchaus vorstellen, eine solche Funktion zu übernehmen – auch wenn ein „heilberuflicher Zielkonflikt“ vorliegt.

Es verwundert also nicht, dass sich nun auch die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) zum Thema äußert – allerdings sieht sie vor allem Gründe, die gegen die Legalisierung von Cannabis zu Genusszwecken sprechen. So seien Argumente für die Legalisierung zwar die Eindämmung des Schwarzmarkts, eine Erhöhung der Produktqualität und ein gestärkter Jugendschutz. Auch Ökonomen sähen Vorteile durch steuerliche Mehreinnahmen in Milliardenhöhe, so die AMK, doch all das überzeugt sie nicht, weil die Meldungen, die regelhaft bei ihr eingehen, ein anderes Bild zeichnen. „Trotz schwacher Evidenzlage und fehlendem Indikationskatalog“ werde Cannabis in Deutschland bereits zulasten der GKV verordnet, erklärt die AMK, und: „Seither verzeichnet die AMK regelhaft Meldungen zu unerwünschten Wirkungen und anderen Risiken zu Cannabis-haltigen Arzneimitteln, die auch auf eine missbräuchliche Anwendung schließen lassen.“ 

Verband der Cannabis versorgenden Apotheken

„Prävention kann am besten in der Apotheke stattfinden“

Cannabis berge Risiken, weil es die Aufmerksamkeit verringere, die Psychomotorik einschränke und Apathie induziere. Das Risiko für Arbeits- und Verkehrsunfälle steige. Zudem könne bei genetischer Vorbelastung schon ein einmaliger Konsum eine Psychose auslösen – das Risiko für psychische Störungen sei ebenfalls erhöht. Der frühe Cannabiskonsum bereits im Jugendalter, intensive Gebrauchsmuster sowie der Co-Konsum von Tabak seien dabei besondere Risikofaktoren. Jeglicher Cannabisgebrauch im Kindes- und Jugendalter soll laut AMK vermieden werden. Auch kardiovaskuläre Störungen werden als Risiken genannt, sowie die Appetit- und Körpergewichtsregulation. 

Erfahrungen aus Ländern, in denen Cannabis zu Genusszwecken bereits legal ist, sollen darauf hindeuten, dass die Prävalenz von Cannabiskonsumstörungen zunimmt, so die AMK. Unter anderem sollen daran die zu niedrigeren Preisen verfügbaren potenteren synthetischen Cannabinoide schuld sein. 

Aus all dem folgert die AMK, dass eine Freigabe von Cannabis vermehrt Notfall- und Suchtbehandlungen, Verkehrsunfälle, Schulabbrüche und Arbeitsunfähigkeit befürchten lassen würde. Wörtlich schreiben die Autor:innen des Statements:


Die AMK warnt dringend vor den Risiken einer Legalisierung von Cannabis, Cannabisprodukten und synthetischen Cannabinoiden.“ 

AMK, 22. Februar 2022



Deutsche Apotheker Zeitung / dm
redaktion@daz.online


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5 Kommentare

Alternative ?

von ratatoske am 24.02.2022 um 10:53 Uhr

Die Bedenken sind zwar nicht von der Hand zu weisen, es gibt aber wohl keine Alternativen. Der Kampf gegen Drogen ist schon lange verloren ! .
Und wollen wir die Zustände wie in den niederländischen Coffeeshops, die schon lange von der organisierten Kriminalität übernommen wurden und ungeklärte Qualitäten auf dem Schwarzmarkt besorgt werden ? Leider will das die SPD und die Grünen, die ja auf obskure Abgabestellen abzielen, da sie offensichtlich einfach was gegen Apotheken haben, die Vorkommnisse bei den betrügerischen Testzentren haben hier leider nicht gereicht, die Lernkurve ist offensichtlich flach bis negativ

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AW: Alternative

von Hans Lechner am 24.02.2022 um 13:58 Uhr

Naja...die Apothekerschaft hat sich jetzt auch nicht gerade darum gerissen...Stichwort Zielkonflikt bezüglich "Heilbehandlung"...gesonderte Dispensaries machen da schon Sinn. Die Problematik in Holland ergibt sich nicht aus dem Vorhandensein von Coffeeshops sonder vielmehr aus der Illegalisierung der Erzeugung und Vertriebes des Hanfes...denn irgendwo muss er ja herkommen der Hanf...in Holland ist er dann ganz plötzlich da an der Ladentheke...verdienen daran tut natürlich die OK...insofern ist das holländische Modell eher sowas wie eine Einladung an diese...das hat man aber meines Wissens nach längst begriffen in den "sachlicheren" Kreisen unserer Regierung...

Who cares?

von Nils am 23.02.2022 um 16:20 Uhr

Der Staat hat nicht die Aufgabe mündige Bürger sich vor sich selbst zu schützen.
Wenn Menschen Cannabis konsumieren wollen, dann sollen sie das tun.
Aus meiner Sicht gehört es zu der Aufgabe eines Staates eine Marktregulierung zu schaffen in dessen Umfeld sich die Konsumenten Cannabis kaufen können das möglichst risikoarm ist.
Diese Regulierung kann man nicht mit der Prohibition schaffen. Konsumenten kaufen sich also die Katze im Sack.

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Nicht überzeugend

von Student aus Tü am 23.02.2022 um 12:58 Uhr

Das Cannabis kein Brokkoli ist, ist denk ich allen klar, mit und ohne Legalisierung.
Sowieso, unterliegt die AMK hier nicht nem "Publication Bias"? Melden werden sich bei denen ja schließlich nur die, die Probleme hatten, und nicht die, denen es geholfen hat.

Weder Verbot noch Legalisierung werden "die Jugend" davon abbringen zu Kiffen, aber Legalisierung im Zusammenhang mit konsequenter Aufklärung wird helfen die Zahlen zu minimieren und Risiken zu kontrollieren. Reiz des Verbotenen, fundierteres Wissen bla bla, siehe die immer weiter fallenden Tabakkonsumraten bei Jugendlichen, und im Gegensatz dazu die vernachlässigten E-Varianten.

Und die Behauptung "Legalisierung => mehr NpS" find ich jetzt auch mal sehr gewagt. Am Ende haben sogar die Verbote der NpS für mehr (potentiell gefährlichere) Varianten gesorgt, siehe den im Artikel verlinkten Beitrag. Auf die schnelle habe ich auch kein Review oder Artikel dazu finden können, welcher den hier beschriebenen Zusammenhang erwägt. Sicher gibt es irgendwo ein Paper dazu, aber ich setz nen 5er darauf, dass das Ding erhebliche methodische Mängel hat.

Cannabis ist nicht ungefährlich, schneidet aber in etlichen Risikoassesments tendenziell besser ab als Alkohol oder Nikotin. Wer also konsequent mit diesem Argument werben möchte, der möchte bitte auch für eine Kriminalisierung von Alkohol und Tabak kämpfen.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Nicht überzeugend

von Hans Lechner am 24.02.2022 um 14:02 Uhr

volle Zustimmung...100% Schutz gibt es nicht im Leben. Und wenn dann könnte man es wohl auch kaum noch "leben" nennen. Ich bin sehr für Jugendschutz, aber auch Jugendliche haben das Recht sich falsch zu entscheiden und das wird auch in Zukunft immer wieder mal der Fall sein. So ist das halt mit den Menschen.

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