Wirkstoff-Lexikon

Sunitinib

31.01.2022, 07:00 Uhr

(Quelle: DAZ)

(Quelle: DAZ)


Im Jahr 2006 wurde der Multikinaseinhibitor Sunitinib erstmals für den Einsatz bei Nierenzellkarzinom und gastrointestinalen Stromatumoren zugelassen. Heute kommt das Zytostatikum darüber hinaus bei pankreatischen neuroendokrinen Tumoren zum Einsatz. Unabhängig von der Indikation wird Sunitinib oral angewendet. Im Folgenden sind die wichtigsten Aspekte zusammengefasst – zum Nachlesen oder Anhören in unserem Podcast.

Sunitinib zählt zur Gruppe der Multikinaseinhibitoren und wird zur Behandlung von verschiedenen Tumorerkrankungen angewendet. Zu den Indikationen für Sunitinib zählen gastrointestinale Stromatumore (GIST) – wenn die Tumore operativ nicht entfernt werden können oder sich bereits auf andere Körperteile ausgebreitet haben und eine Behandlung mit Imatinib wegen Resistenz oder Unverträglichkeit fehlgeschlagen ist –, sowie metastasierte Nierenzellkarzinome (mRCC) und pankreatische neuroendokrine Tumore (pNET). Hier wird es eingesetzt, wenn sich die Krankheit verschlimmert und die Tumorzellen gut differenziert sind.

Dosierung

Sunitinib ist in Form von Hartkapseln in den Wirkstoffkonzentrationen von 12,5 mg; 25 mg; 37,5 mg und 50 mg auf ärztliche Verschreibung erhältlich. Die empfohlene Dosis ist abhängig von der Indikation. Bei GIST und mRCC werden 50 mg einmal täglich über vier Wochen eingenommen, gefolgt von einer zweiwöchigen Therapiepause. Bei pNET werden hingegen 37,5 mg einmal täglich eingenommen. Eine Therapiepause ist hierbei nicht vorgesehen. Je nach individueller Sicherheit und Verträglichkeit kann die Tagesdosis in Schritten von 12,5 mg angepasst werden. Auch die gleichzeitige Einnahme von CYP3A4-Hemmern oder -Induktoren kann ebenfalls eine Dosisanpassung notwendig machen.

Unabhängig von der Indikation wird Sunitinib oral angewendet. Die Einnahme kann zu einer Mahlzeit, aber auch ohne Nahrung erfolgen. Das Auftreten unerwünschter Arzneimittelwirkungen kann einen vorübergehenden Therapieabbruch oder eine Dosisreduktion von Sunitinib notwendig machen.

Pharmakokinetik

Die Resorption nach oraler Gabe von Sunitinib ist unabhängig von der Nahrung. Nach 6-12 Stunden wird die maximale Plasmakonzentration erreicht. Sunitinib wird in das Gewebe verteilt und in der Leber hauptsächlich mittels CYP3A4 metabolisiert. Hierbei entsteht der primäre aktive Metabolit, das sogenannte Desethyl-Sunitinib. Die Ausscheidung erfolgt überwiegend über die Fäzes. Die Halbwertszeit von Sunitinib liegt bei 40-60 Stunden, die Halbwertszeit des Metaboliten Desethly-Sunitinib beträgt 80-110 Stunden.

Wirkmechanismus

Wie der Name bereits verrät, hemmen Multikinasehemmer mehrere Tyrosinkinasen und greifen so an verschiedenen Stellen parallel in die Steuerung von Tumorzellen ein.

Wirkmechanismus Sunitinib (Quelle: DAZ) 

Im Fall von Sunitinib heißen die Tyrosinkinasen VEGFR-1, VEGFR-2, VEGFR-3, PDGFR, KIT, FLT-3, CSF-1R und RET (siehe Abbildung). Durch diese multiplen Angriffspunkte wird sowohl die Angiogenese und Proliferation des Tumors gehemmt als auch das Tumorstroma beeinflusst. Sunitinib weist somit antiproliferative und antiangiogene Eigenschaften auf. Zurückzuführen ist diese Wirkung auf die Hemmung der Kinaseaktivität sowohl bei Tumorzellen als auch bei Tumorgefäßen.

Nebenwirkungen (Auszug)

Das Spektrum für Nebenwirkungen unter der Einnahme von Sunitinib ist erheblich. Im Folgenden ist daher nur ein Auszug der Nebenwirkungen dargestellt.

Zu den schwersten Nebenwirkungen, die auch tödlich enden können, zählen Nierenversagen, Herzinsuffizienz, Lungenembolie, gastrointestinale Perforationen und Hämorrhagien. Zu den sehr häufig auftretenden Nebenwirkungen unter Sunitinib gehören die Beeinträchtigung des Geschmackssinns, ein verminderter Appetit sowie gastrointestinale Störungen wie z.B. Diarrhö, Übelkeit, Stomatitis, Dyspepsie und Erbrechen. Auch eine Hypertonie oder eine Hypothyreose kann sich unter der Einnahme von Sunitinib entwickeln. Hämatologische Störungen wie beispielsweise eine Neutropenie, Thrombozytopenie und Anämie gehören ebenfalls zu den häufigsten Nebenwirkungen.

Unter Einnahme von Sunitinib kann eine Depigmentierung der Haare und Haut auftreten. Die zu behandelnde Person sollte hierüber bereits im Vorfeld aufgeklärt werden. Weitere mögliche Auswirkungen auf die Haut können Trockenheit, Riss- oder Blasenbildung sowie Ausschlag an den Handflächen und den Fußsohlen umfassen. Patient:innen unter Sunitinibtherapie sollten aufgrund der Vielzahl an Nebenwirkungen regelmäßig die Schilddrüsenwerte und den Blutdruck kontrollieren lassen.

Wechselwirkungen

Da Sunitinib über das Enzym CYP3A4 metabolisiert wird, ist insbesondere auf die Interaktion von Stoffen zu achten, die dieses Enzym induzieren oder hemmen. Induktoren von CYP3A4 verstärken den Metabolismus von Sunitinib und haben dadurch eine niedrige Konzentration von Sunitinib zur Folge. Arzneimittel, die zu dieser Wechselwirkung führen, sind z. B. Rifampicin, Phenytoin, Carbamazepin, Dexamethason, Phenobarbital oder Johanniskraut. Die gleichzeitige Einnahme von Sunitinib mit Inhibitoren des Enzyms CYP3A4 hingegen führt zu einer erhöhten Plasmakonzentration von Sunitinib. Zu den Inhibitoren zählt zum Beispiel neben den Arzneistoffen Ritonavir, Itraconazol, Erythromyin und Clarithromyin auch Grapefruitsaft. Die Kombination von Sunitinib mit CYP3A4-Hemmern sowie CYP3A4-Induktoren muss also vermieden werden. Sollte dies nicht möglich sein, kann eine Dosierungsanpassung von Sunitinib erforderlich sein.

Vorsicht ist geboten bei gleichzeitiger Anwendung von Sunitinib mit Wirkstoffen, die BCRP (Breast Cancer Resistance Protein) hemmen, wie z. B. der Tyrosinkinase-Inhibitor Gefitinib. Die Möglichkeit von Wechselwirkungen kann nicht ausgeschlossen werden, da nur begrenzte klinische Daten zur Verfügung stehen.

Kontraindikationen

Die Anwendung von Sunitinib darf nicht bei Überempfindlichkeit gegen diesen Wirkstoff erfolgen.

Schwangerschaft und Stillzeit

Zur Anwendung von Sunitinib in der Schwangerschaft liegen keine Studien vor. Tierexperimentelle Studien haben jedoch gezeigt, dass Sunitinib reproduktionstoxisch wirkt und zu fetalen Missbildungen führt. Die Anwendung in der Schwangerschaft ist daher kontraindiziert. Zudem müssen Frauen im gebärfähigen Alter während der Therapie mit Sunitinib eine zuverlässige Verhütungsmethode anwenden. Tierexperimentelle Studien haben darüber hinaus ergeben, dass Sunitinib in die Muttermilch übergeht. Auch wenn dazu noch keine Daten bei Menschen vorliegen, ist wegen des Gefahrenpotenzials die Anwendung in der Stillzeit ebenso untersagt.

Präklinische Ergebnisse deuten darauf hin, dass die männliche und weibliche Fertilität durch Sunitinib beeinträchtigt wird.

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Quellen

Fachinformation – Sunitinib, Stand: Juni 2021
Therapiemanagement mit SUTENT®
Geisslinger G., Menzel S. Mutschler Arzneimittelwirkungen. Pharmakologie – Klinische Pharmakologie – Toxikologie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2020


Annika Weidinger, Apothekerin
redaktion@daz.online


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