Gichtmittel enttäuscht

Colchicin nutzt nichts bei COVID-19

Stuttgart - 12.01.2022, 07:00 Uhr

Keine verringerte Mortalität und keine schnellere Krankenhausentlassung: Colchicin enttäuscht bei COVID-19. (b/Foto: sudok1 / AdobeStock)

Keine verringerte Mortalität und keine schnellere Krankenhausentlassung: Colchicin enttäuscht bei COVID-19. (b/Foto: sudok1 / AdobeStock)


Corticoide, Tocilizumab oder Anakinra haben es vorgemacht: Arzneimittel aus anderen Therapiebereichen können auch bei COVID-19 helfen. Hoffnung ruhte auch auf dem Gichtmittel Colchicin. Allerdings reduzierte Colchicin einer im „The Lancet Respiratory Medicine“ veröffentlichten Studie zufolge die Sterblichkeit bei COVID-19 nicht.

Bei schwerem COVID-19 spielen Entzündungen eine wesentliche Rolle, so lassen sich bei schwer erkrankten Coronapatienten stark erhöhte Entzündungsmarker, wie Interleukin-6 (IL-6) und C-reaktives Protein (CRP), ausmachen. Dass es sinnvoll ist, diese Entzündungen sodann zu behandeln, zeigen entzündungshemmende Arzneimittel, zum Beispiel Corticosteroide oder der IL6-Antikörper Tocilizumab, die mittlerweile zur Behandlung von COVID-19 zugelassen sind und nachweislich die Sterblichkeit senken können. 

„Colchicin, ein leicht verfügbares, sicheres und preiswertes Medikament, hat eine breite Palette von entzündungshemmenden Wirkungen“, schreiben Wissenschaftler:innen im Fachjournal „The Lancet Respiratory Medicine“ (Colchicine in patients admitted to hospital with COVID-19 (RECOVERY): a randomised, controlled, open-label, platform trial). Ob diese entzündungshemmenden Wirkungen auch bei COVID-19-helfen, haben sie in einer randomisierten, kontrollierten Open-Label-Studie untersucht (nicht verblindet, das heißt: sowohl Arzt wie auch Patient wissen, welchen Wirkstoff sie verabreichen beziehungsweise erhalten).

RECOVERY untersucht auch Colchicinwirkung bei COVID-19

An der RECOVERY-Studie beteiligen sich insgesamt 177 Krankenhäuser im Vereinigten Königreich (UK), zwei in Indonesien und zwei in Nepal. (RECOVERY untersucht nicht nur den Nutzen von Colchicin bei COVID-19, sondern prüfte auch bereits andere potenzielle Wirkstoffe, wie Dexamethason, Lopinavir-Ritonavir, Tocilizumab, Azithromycin, Hydroxychloroquin und Genesenenplasma.) Teilnehmen konnten ins Krankenhaus eingelieferte COVID-19-Patient:innen, die entweder (nur) einen klinischen Verdacht auf COVID-19 oder eine laborbestätigte SARS-CoV-2-Infektion hatten, wobei eine bestätigte SARS-CoV-2-Infektion bei 97 Prozent der Teilnehmer:innen vorlag. Die Studienteilnehmer:innen – mittleres Alter 63,4 Jahre, mediane Zeit seit Symptombeginn neun Tage – wurden sodann einer von zwei möglichen Gruppen zugeteilt. Entweder sie erhielten die COVID-19-Standardbehandlung oder zusätzlich das zur Behandlung akuter Gicht zugelassene Colchicin (initial 1 mg Colchicin, gefolgt von 500 µg zwölf Stunden später und dann 500 µg zweimal täglich oral oder über eine nasogastrale Sonde für insgesamt zehn Tage oder bis zur Entlassung, im Median sechs Tage). 

In beiden Gruppen waren die anderen Arzneimittel, die die Patient:innen zur Behandlung ihrer COVID-19-Erkrankung erhielten, vergleichbar: 87 Prozent erhielten ein Corticosteroid, 23 Prozent Remdesivir, 13 Prozent Tocilizumab oder Sarilumab. Bestimmte Patient:innen (Körpergewicht unter 70 kg oder mit Nierenfunktionsstörungen oder mit Arzneimitteln, die CYP3A4 hemmen – worüber Colchicin abgebaut wird) erhielten nur einmal täglich Colchicin.

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Das Ziel der Studie, der primäre Endpunkt, war die Sterblichkeit der Patienten nach 28 Tagen. Als zusätzliche Endpunkte interessierte die Wissenschaftler:innen, ob Colchicin einen Einfluss auf die Zeit bis zur Entlassung hat oder ob Colchicin bei Patient:innen, die zum Zeitpunkt der Randomisierung nicht invasiv mechanisch beatmet wurden, die Häufigkeit einer invasiven mechanischen Beatmung und Tod (zusammengesetzter Endpunkt) beeinflusst.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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